Macht der das öfter? Über das Schubsen und Hauen

„Macht der das öfter?“ Ich stehe auf dem Parkplatz der Kita und schnalle gerade den Maxi an. Mein Kopf steckt im Auto, und nur mein Hintern hätte die Szene beobachten können, aber der hat auch keine Ahnung, wovon die andere Mutter spricht.

Ich stecke den Kopf aus dem Auto und schaue mich um. Der Mini spielt an der Treppe des Notausgangs und guckt, als könnte er kein Wässerchen trüben. Ein anderes Kind schaut nicht unbedingt glücklich aus, ein weiteres eifert dem Mini nach. So weit, so normal. Ich muss also fragen: „Was denn?“

„Na, der hat gerade voll geschubst!“ Jetzt weiß mein Kopf, worum es ging, aber er versteht gerade eigentlich auch nicht mehr als mein Hintern. Mein Sohn soll geschubst haben? Kann sein. Der ist zwei!

Zweijährig_1

Vermutlich wollte das andere Kind zuerst auf die Notausgang-Treppe klettern. Zweijährige klären solche Dinge üblicherweise mit eher wenig Worten. Für alle, die in der Sprache der Zweijährigen noch nicht ganz fit sind, habe ich hier für drei typische Situationen eine kleine Übersetzungshilfe in die Erwachsenensprache zusammengestellt:

1. Das Zweijährige möchte irgendwo hin- sagen wir mal, auf die Treppe eines Notausgangs. Dort steht jedoch gerade  ein anderes Kind in den Startlöchern. Das Zweijährige schubst das andere Kind.

Übersetzung: „Kannst Du mal bitte zur Seite gehen?“

2. Das Zweijährige sieht ein schönes Spielzeug, das sich ärgerlicherweise in der Hand eines anderen Kindes befindet. Das Zweijährige reißt dem anderen Kind das Spielzeug aus der Hand, wobei es falls nötig haut.

Übersetzung: “ Oh, wie schön! Darf ich vielleicht auch mal damit spielen?“

3. Die Mutter serviert dem Zweijährigen das liebevoll zubereitete Abendessen. Noch bevor der Teller die Tischplatte berührt, schlägt das Zweijährige der Mutter den Teller aus der Hand und das schöne Essen endet auf dem Fußboden. Das Zweijährige brüllt tränenüberströmt.

Übersetzung: Ich bin sehr müde, ich denke, ich werde mich hinlegen.

Zweijähriger_3

Hauen ist doof, das erkläre ich meinen Söhnen mit Engelszungen immer wieder gerne. Bis der Mini das verstanden hat, wird es vermutlich aber noch ein wenig dauern. Das liegt nicht daran, dass er so ein gewalttätiger Typ ist, und auch meine schlechte Erziehung ist nicht schuld. Ein zweijähriges Kind hat einfach üblicherweise noch keine „Theory of Mind“ entwickelt, oder um es einfacher auszudrücken: es hat schlichtweg noch ein sehr eingeschränktes Empathievermögen. In ein bis zwei Jahren sieht das allerdings schon ganz anders aus.

In erstaunlich kurzer Zeit lernt so ein Kind nicht nur seinen eigenen Willen kennen, sondern lernt auch, die Gefühle anderer Menschen bei der Durchsetzung des eigenen Willens zu berücksichtigen.  Ich blicke hinüber zu meinem  kleinen zweijährigen Wildfang an und bin schwer beeindruckt von seiner Leistung.

Zweijährig_2

„Macht der das öfter?“, will die andere Mutter von mir wissen.

„Nein,“, antworte ich, „im Gegenteil! Er macht es immer seltener!“

Schade eigentlich, dass es dann keinen Weg zurück zum Kommunikationsverhalten der Zweijährigen gibt.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

20 Gedanken zu “Macht der das öfter? Über das Schubsen und Hauen

  1. Dieser Text hätte mir vor zwei Jahren viel Mut gemacht.
    Nur mein viertes Kind hat im Kleinkindalter so „kommuniziert“ wie du es beschreibst und ich hab mir wirklich Sorgen gemacht.
    Und die Kommentare der Mitmenschen sind dann natürlich die Krönung, wenn man selbst schon verunsichert ist … Ich bewundere wirklich, wie du da „drüber stehst“. Das ist auch ein Grund, warum ich so gerne hier reinschaue. Ich wünsche mir, dass deine Gelassenheit ein bisschen auf mich abfärbt ;o).

    Liebe Grüße,

    1. In der jeweiligen Situation bin ich leider auch nicht immer so gelassen. Ich WEISS zwar, dass es an dem Verhalten meiner Söhne nichts auszusetzen gibt (mit Rücksicht auf das Alter) aber ich fühle mich trotzdem unter Druck gesetzt, wenn andere „Experten“ etwas zu kritisieren haben. Aber ich arbeite an der Gelassenheit 🙂 Immmmmmm

  2. Danke für diesen Text! Ich mache mir nämlich gerade Gedanken über meine 18 Monate alte Tochter, die beim Turnen auch schon mal 2,5-Jährige zum Weinen gebracht hat. Sie ist nicht sonderlich aggro – aber verdammt schnell. Und wenn da ein Kind ewig auf der Rutsche hockt und nicht runterrutscht – dann schubst sie schon einmal. Sie ist kurznervig, nörgerlig, schubst schon mal oder versucht, mich zu beißen, wenn ich nicht sofort nach ihrem Willen reagiere. Dabei ist sie ein zuckersüßes, fröhliches Ding, über das ich mir ständig den Kopf zerbreche. Und wenn ich so deinen Artikel lese, denke ich: Vielleicht ist sie auch einfach nur komplett normal:)

  3. Moin liebe Mia,
    oh ja, das kenne ich noch zu gut.
    Schade ist nur, dass Mütter, die dann solche blöden Fragen stellen, ja Kinder haben, die die reinsten (B)Engel sind. 😉
    Lieben Gruß und ein schönes Wochenende
    Sylke

  4. Ich weiß noch, als der Miniheld in diese Phase kam und ich ganz verzweitelt war, immerhin hatte ich Angst,d as könnte Standart werden und andere erschüttern, heute weiß ich es auch besser ^^ Und ja, manchmal möchte man in dieses Schema auch einfach mal wieder zurückfallen dürfen…so manchmal…ein bisschen…

  5. Unsere Große ist zweieinhalb, entsprechend ausgeprägt ist das Schubsen, Schlagen, teils auch Beißen.
    Mein Kopf weiß, dass das normal ist, mein Mund kann inzwischen auch seinen Unmut im Moment des Passierens äußern, mein Bauchgefühl kommt damit klar.
    Und doch: Gut, es von Dritten – Dir – in Erinnerung gerufen zu bekommen.

    Danke. 🙂

  6. “Macht der das öfter?”, will die andere Mutter von mir wissen.
    Also ich bin mittlerweile bei Kind 3 sooo gelassen, das ich ich einfach mal ja sage und gucke, was dann passiert:)

    lieben Gruß und ein schönes Wochenende für euch!
    Simone

  7. Ach ja das kommt wie gerufen. Mein Winterkind spricht die gleiche Sprache wie Dein Mini. Wenn ich so Sätze dann höre, dann muss ich mir sehr oft auf die Zunge beißen um nicht schnippisch zu wirken. Manchmal ist es so offensichtlich was sie damit ausdrücken wollen, nur die Großen verstehen es einfach nicht. Klar sage ich ihm auch, dass wir nicht hauen und den anderen weh tun wollen aber noch hat er das in der nächsten Situation wieder vergessen.
    Hach Mia, ich sage jetzt mal: „schön, dass Deiner das auch macht!“ 🙂
    Lieben Gruß
    Tanja

  8. ich war mir nicht bewusst, dass das normal ist. bin total verunsichert, wenn mein 21 monatiger sohn schubst und schlägt. weiss zum teil auch nicht wie reagieren. teils mütter sagen mir ich soll es einfach geschehen lassen und das andere kind wehre sich und teils mütter sind gleich auf der matte und erklären meinem sohn, dass er das nicht noch einmal machen soll. beides sind für mich schwierige situationen…

  9. Danke für diesen Text! Wirklich gut geschrieben.
    Meine Tochter ist auch gerade 16 Monate alt und fängt langsam an Grenzen zu testen und sich durchzusetzen, was dann auch schon mal mit Hauen oder Schubsen verbunden ist. Die Szene mit dem Spielzeug, die du oben schilderst, kommt mir sehr bekannt vor. Gefühlt möchte meine Tochter immer das Spielzeug haben, welches gerade ein anderes Kind benutzt. Eigentlich sollte man hier ruhig bleiben und die Kinder die Situationen selbst versuchen lassen zu regeln. Aber gerade, wenn fremde Kinder oder Personen dabei sind, fällt dass nicht nimmer leicht, weil eben dann genau solche Kommentare kommen, wie du sie beschreibst.

  10. Danke für diesen tollen Text, ich bin seit gut 1 1/2 Jahren auch Papa und finde es fast schon beruhigend diesen Artikel zu lesen, man fühlt sich einfach nicht so alleine 🙂 Ich finde es oft schwer, richtig in dieser Situation zu reagieren, man hofft einfach immer, dass man in der Erziehung keine Fehler macht. Auch meinen Vorredner Marc kann ich sehr gut verstehen, „man will immer das, was man selbst nicht hat“. Das fängt halt schon bei Kindern an. Aber du hast recht, sobald andere Kinder bzw. fremde Kinder dabei sind, bin ich auch eher dazu geneigt einzugreifen.

    Grüße
    Stefan

  11. Toller Artikel, sobald fremde Kinder dabei sind, greife ich ebenfalls lieber ein, da fällt es mir einfach leichter. Hängt aber wohl auch ganz von der Persönlichkeit und dem Charakter eines jeden ab 🙂

  12. Ich musste bisschen shmunzeln, wirklich toller Artikel !:D
    Beim nächsten mal überlege ich mir ob ich bei meinen kindern eingreife 😀

    Liebe Grüße,
    anni

  13. Danke für diesen Text, du hast die Situation echt gut beschrieben! Kurz und prägnant und absolut zutreffend! Besonders die „Übersetzungen“ in die Erwachsenensprache finde ich gut. 🙂 So geht es mir mit unserer bald zweijährigen Tochter auch, und ich überlege auch immer wieder, ob ich nun eingreife oder nicht… einerseits denke ich „So drückt sie sich eben aus“ und „Die anderen Kinder können sich ja auch wehren“, andererseits gibt es eben den sozialen Aspekt, dass man das eigene Kind dann zurechtweist, damit die Eltern der anderen Kinder nicht denken, dass man sein Kind nicht erzieht, und man möchte ja auch, dass das eigene Kind mit der Zeit lernt, dass Hauen keine Lösung ist.

  14. Hallo Mia,

    -“Nein,”, antworte ich, “im Gegenteil! Er macht es immer seltener!”-

    Richtig coole Antwort und schön, dass du ganz genau weißt, auf welchem Kommunikationsniveau sich 2 Jährige Kinder befinden und dich nicht aus der Ruhe bringen lässt 🙂

    Liebe Grüße,
    Britta

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