Du darfst Deinen eigenen Weg finden

Das britische Königshaus hat offizielle Bilder von Prinz George und seinem Schwesterchen veröffentlicht. Auf den ersten Blick ganz normale Geschwisterbilder, aber als Mutter bedrückt mich dabei der Gedanke: was aus dem kleinen George einmal werden soll, lässt sich schon jetzt an seinem akkurat gezogenen Seitenscheitel ablesen.

Ob dieses Kind sich vielleicht mal wünschen wird, Kfz-Mechaniker zu werden? Vielleicht baut er sich ja eines Tages vor Kate auf und sagt: „Mama, ich werde Schauspieler!“ Aber nein, er wächst ja seit seinem ersten Tag in die Aufgabe und Rolle „König von England“ hinein, und da darf man individuelle Berufswünsche vermutlich nicht einmal denken.

Ich bin froh, dass meine Kinder ihren eigenen Weg wählen dürfen. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich allerdings irgendwo in meinem Hinterkopf eine Grundidee von dem, was aus meinen Kindern werden soll, auch wenn ich weiß, dass ich den Weg nur ein wenig beeinflussen kann.
Nehmen wir zum Beispiel mich:

Die Schule hat mich nur insofern interessiert, als ich dort meine Freunde getroffen habe. Ich bin mit fast sieben Jahren in die Schule gekommen. Ich konnte längst lesen und schreiben und habe mich anfangs sehr gelangweilt. Also habe ich die Rolle des Klassenclowns übernommen. Bis zur siebenten Klasse ging das problemlos.

Irgendwann habe ich  ein wenig den Anschluss verloren, aber für mittelmäßige Noten hat es trotzdem immer noch gereicht. Die Hausaufgaben habe ich morgens im Bus oder in den Pausen abgeschrieben. Deutsch, Englisch, Geschichte- solche Fächer gingen mir immer leicht von der Hand, nur in Mathematik, Physik, Biologie trudelten langsam auch ausreichend ein. Insgesamt war aber nie die Versetzung gefährdet, ich ging als mittelmäßige Schülerin durch die Schulzeit.

Mir war das alles total egal. Ich hatte nie den Ehrgeiz, gute Noten zu bekommen. Ich habe meine Anwesenheitspflicht erfüllt, nicht mehr und nicht weniger.

Heute frage ich mich, wie meine Eltern das ertragen konnten. Sie wussten doch, dass ich es besser konnte. Sie hatten eine intelligente Tochter, die nur leider hoffnungslos vergnügungssüchtig war und sie ließen mich gewähren.

Ich habe meine Mutter neulich gefragt. „Wie habt Ihr das nur ausgehalten? Ich hätte eine Spitzenschülerin sein können, wenn ich mich wenigstens eine Stunde am Tag an den Schreibtisch gesetzt hätte. Warum habt Ihr nicht gesagt „Eine Vier? Ist das Dein Ernst? Du setzt Dich jetzt mal hin und machst Deine Hausaufgaben und wenn Du das nächste Mal mindestens eine Zwei schreibst, kannst Du Party machen so viel Du willst, aber bis dahin bleibst Du mal schön zu Hause!“ Mama, Ihr habt doch gesehen, dass ich mich null angestrengt habe und dass ich viel besser hätte sein können. Warum habt Ihr mir das erlaubt?“

Und meine Mutter sagte: „Wir fanden, Du solltest Deinen eigenen Weg finden.“

Das traf mich mitten ins Herz! Ich habe immer gespürt, dass meine Eltern mich lieben, egal was ich tue, aber es ist doch ein unbeschreiblicher Moment, wenn Deine Mutter Dir mit 36 Jahren in Worte fasst, was der Grundsatz Deiner Erziehung war.

Zuhören.

Zuhören…

Bestimmt haben sich meine Eltern auch mal Sorgen gemacht, bestimmt haben sie gezweifelt, ob sie alles richtig machen, aber am Ende solcher Überlegungen sind sie immer wieder zu dem Punkt gekommen, dass sie mir lieber vertrauen wollen. Der eigenständige Mensch, der ich auf diese Weise werden durfte, kann heute nur danke sagen, dafür, dass ihr mir jeden Weg geebnet habt, sogar die Abwege.

Da sein.

…da sein….

Natürlich muss man relativierend sagen, dass ich meinen Eltern nie ernsthaft Anlass zur Sorge gegeben habe. Sie hätten mich sicher nicht die Schule abbrechen und in eine Drogenkarriere laufen lassen. Sie haben darauf verzichtet, mich in einen Rahmen zu stecken, der sie vielleicht glücklicher gemacht hätte, der mir aber nicht passte.

Am Ende ging die Rechnung auf: Nach dem Abitur bin ich aufgewacht. In meinem ersten Semester Rechtswissenschaften machte ich direkt alle Scheine aus dem zweiten Semester gleich mit und schloss das Studium in zwei Semestern unter der Regelstudienzeit ab.

 

...gelassen auf den Absprung warten...

…gelassen auf den Absprung warten…

Ein glücklicher Zufall? Ich glaube nicht. Ich glaube, das Erfolgsrezept meiner Eltern war eine Mischung aus Vertrauen und Nähe. Sie hatten immer ein offenes Ohr und ich habe ihnen gerne alles erzählt, was mich beschäftigte. Beim täglichen gemeinsamen Mittagessen haben meine Schwestern und ich um die Redezeit gekämpft, die jedes Kind hatte, um meiner Mutter den neuesten Tratsch und Klatsch zu erzählen. Mein Vater hat regelmäßig Vater-Tochter-Zeit mit einer von uns verbracht und uns zum Abendessen eingeladen  (macht er auch heute noch; letztes Jahr war er mit einer meiner Schwestern in Kuba und ich plane demnächst mit ihm alleine nach St.Petersburg zu reisen).

Weil meine Eltern immer da waren, ohne sich aufzudrängen, und weil sie immer hinter mir standen, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben, haben wir nie den Kontakt verloren, auch wenn sich mein Weg manchmal von ihrem entfernt hat. Und so konnten sie mir ihre Werte vermitteln, ohne mir tägliche Moralpredigten zu halten.

...und eines Tages sehen, wie das Kind seinen Weg findet!

…und eines Tages sehen, wie das Kind seinen Weg findet!

Ich möchte es gerne mit meinen Kindern genauso machen. Ich möchte sie immer mit liebevollem Blick als eigenständige Persönlichkeiten betrachten und ihnen vertrauen. Ich wünsche mir, dass es mir gelingt, immer die Ruhe zu bewahren auch dann nicht zu zucken und ihnen Entscheidungen doch lieber abzunehmen, wenn ich mir sicher bin, dass ein anderer Weg für sie besser wäre.

Meine Söhne wurden nicht in ein Königshaus hineingeboren. Mein Mann und ich haben nicht einmal eine eigene Kanzlei, die die Kinder übernehmen könnten. Sie sind vollkommen frei, ihren eigenen Weg zu finden.

Jedenfalls so frei, wie ihre Eltern sie lassen.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

11 Kommentare

  1. Wunderbar geschrieben. Mir fällt es auch immer ganz schön schwer das auszuhalten. Immer denke ich, ich weiß das doch besser. Und dabei sind die Töchter noch so klein. Ich hoffe ich werde es schaffen, es noch weiterhin immer wieder auszuhalten, dass sie ihren eigenen Weg gehen. In einigen Jahren wird das bestimmt noch ein bisschen schwieriger werden.

  2. Liebe Mia,

    der Post beschreibt genau das, was man sich wohl immer vor Augen halten sollte: mm begleitet die Kinder auf ihrem ganz eigenen Weg, ohne ihn vorzugeben. Man ist das Netz, dass sie auffängt, wenn sie fallen und manchmal hilft man, wieder die richtige Bahn zu erwischen.

    Ich habe mich sehr wiedererkannt in deiner Beschreiben über dich, deine Eltern und die Art wie du erzogen wurdest! Bei mir war es genauso 🙂

    Liebe Grüße

  3. Ein Text, der mich zu Tränen rührt….
    Genauso soll es sein!
    Meine Mutter hätte das gleiche gesagt (wäre sie noch bei uns)…
    Ich habe einen mittelmäßigen Abschluss hingelegt und bin über den zweiten Bildungsweg eine promovierte Akademikerin geworden, dem entgegengebrachten Vertrauen meiner Eltern sei Dank.

  4. Mango Tango

    Ein sehr berührender Text. So möchte ich es bei meinen Söhnen auch gerne machen, mal sehen, ob ich auch so gelassen sein kann?

    Eine kleine Anmerkung sei mir aber noch gestattet. „Nach dem Abitur bin ich aufgewacht…“ Was wäre denn gewesen, wenn das Wunschstudium ein NC-Fach ist und die Abinote eben nicht reicht, obwohl man es „locker drauf“ hätte? Sollte man als Eltern dann vielleicht doch…. Ich weiß es nicht.

    Ich mag Ihren Blog und die liebevolle Art Ihres Schreibens sehr. Vieles bereichert unseren Familienalltag. Bitte weiter so! Liebe Grüße

    • Bei einigen NC-Fächern müsste dann der Drill aber arg hoch sein. Und ist es das dann wert?
      Am Ende stellt man hernach noch fest, dass das tolle NC-Fach doch nicht so erfüllend ist wie gedacht. Sicher wäre auch der NC lockerer, wenn es nicht so viele gäbe, die das rein aus Imagegründen oder weil ne Praxis etc zu übernehmen ist, studieren würden.
      Entweder man will das Fach wirklich, dann ist die Selbstmotivation meist auch früh genug da und kommt nicht über Nacht mit dem bestandenen Abi. Oder man merkt erst später, dass es DAS Fach ist – dann kommt man ggf auch über Wartezeit rein, nachdem man vielleicht erst mal ne Ausbildung, vielleicht sogar mit Fachbezug, abgeschlossen hat.
      Und manchmal bringt man für gewisse Laufbahnen auch erst später die nötigen Softskills / Reife mit und hätte das tolle NC-Fach ansonsten noch deswegen geschmissen.
      Da spielen so viele Variablen, Vorteile, Nachteile mit rein, dass es mir das hohe Gut der Selbstbestimmung nicht wert wäre. Nichts gegen den berühmten Tritt in den Hintern im richtigen Moment, aber wenn über die Maßen Druck ausgeübt wird, hat das nach meiner Beobachtung in Summe meist eher negative Auswirkungen.
      Am Ende hat hernach alles nix gebracht, und Eltern wie Kinder hätten sich die Jugend weitaus schöner und sinnstiftender gestalten können.

  5. Das istwunderbar, wenn man zurückblicken kann und sieht wie gut es die eigenen Eltern gemacht haben. Bei mir ist das sehr ähnlich. ICh zweifel nur oft sehr daran, dass ich das mit meinen Kinder auch so schaffe. Zu oft ertappe ich mich wie ich sie doch nicht einfach machen lassen kann.
    Ich hoffe, ich kann mich vor allem wenn sie älter werden zusammen reißen und sie machen lassen – einfach wird das sicher nicht.

    Liebe Grüße
    Stephi

  6. Du sprichst mir aus der Seele. Es ist wirklich schwieriger als gedacht, den Kindern das nötige Grundvertrauen zu schenken und sie einfach machen zu lassen.
    Deine Eltern sind großartig!

  7. Toll geschrieben 🙂 Ich habe zwar noch keine Kinder, aber wenn ich mal welche habe, werde ich bestimmt auch mal an diesen Blogbeitrag zurückdenken.

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