Vom Erwachsenwerden

In meinem Haus leben zwei Kinder. Sie haben dieselben Eltern, sie gehen in dieselbe Kita, haben denselben Tagesablauf und doch leben sie in zwei unterschiedlichen Welten.
Der eine ist nämlich noch klein. Seine Welt ist ein geschützter Raum innerhalb der großen weiten Welt. Er weiß nicht, dass es da draußen Kriege, Leid und Hunger gibt. Alles, was er über das Böse weiß, hat mit dem Grüffelo zu tun. Die Welt, wie sie wirklich ist, ist für ihn wie hinter einem Vorhang noch verborgen.

Erwachsenwerden

Der Große hat in viereinhalb Jahren auf dieser Welt schon ein paar Mal durch den Vorhang nach draußen geschaut. Er weiß zum Beispiel, dass bei seinem Freund eingebrochen wurde oder dass sein Opa an einer schlimmen Krankheit gestorben ist.

Vor einiger Zeit sah er mich am Morgen in einer neuen, gemusterten Hose. Ich sah, dass er sie als neu erkannte, aber er sagte nichts. Am Nachmittag erschien ich in dieser Hose in der Tür seiner Kita-Gruppe. „Mama!“, rief er als er mich sah und er klang gleichzeitig tadelnd und belustigt, „Du hast ja immer noch die Schlafanzughose an!“ In diesem Moment bekam ich einen Einblick in die Welt, wie mein Großer sie gerade sieht. Er weiß schon, dass man nicht im Schlafanzug das Haus verlässt, aber er hält es noch für möglich, dass seine Mutter das tut.

Mein Sohn steht gerade irgendwo zwischen der ganz heilen Kleinkinderwelt und der Welt der Erwachsenen . Er ist ein kleines Kind, gerade mal seit vier Jahren auf der Welt, aber immer öfter stelle ich jetzt fest, wie klar er die Welt schon sieht. Er ist ein Kind, das viele Fragen stellt und die Antworten in seinem Kopf dreht und wendet um dann, manchmal Tage später, eine eigene Antwort zu finden, die fast immer den Kern der Sache so genau trifft, dass man eine Gänsehaut kriegen kann.

Mein Großer. Gerade noch lag er winzig in meinem Arm und konnte nicht einmal sein Köpfchen selber halten, und jetzt erscheint dieses Köpfchen morgens neben meinem Bett und will wissen, ob die Oma noch verheiratet ist, nachdem der Opa gestorben ist.

Ich kann sehen wie der Maxi beginnt, seine Kindheit abzustreifen (ganz langsam natürlich- aber dennoch!), und ich spüre, dass er am Tor zur großen Erwachsenenwelt steht.

Erwachsenwerden

Der Weg von einem kleinen neugeborenen Bündel bis zu diesem aufgeweckten, fröhlichen, fantastischen Jungen war weit und ging doch so schnell und (fast) wie von selbst. Liebe gießt sich in mein Herz und Stolz, jedes Mal wenn ich ihn ansehe, aber es ist auch ein bisschen Wehmut dabei. Sie werden so schnell groß, das habe ich nie zuvor so stark empfunden, wie in den letzten Wochen, in denen mir mein Sohn plötzlich nicht mehr nur noch wie ein kleines Kind erscheint.

Es ist ein Geschenk, ein Kind aufwachsen zu sehen, aber dass es mir manchmal auch weh tun wird, das weiß ich spätestens, seit ich erste Mal einen tief gekränkten Maxi erleben musste, weil er auf dem Kindergeburtstag eines Freundes nicht eingeladen war. Ich hätte ihm das so gerne abgenommen, aber ich verkniff mir meine Flüche über seinen Freund und sah schweren Herzens mit an, wie der Maxi seine erste echte Enttäuschung überwinden musste.

Das war erst der Anfang, so viel steht fest, aber er wird alle Herausforderungen, die er in der Erwachsenenwelt entdecken wird, meistern, da bin ich mir sicher- schließlich darf er diese Reise mit einer großen Portion Urvertrauen und Selbstvertrauen im Gepäck antreten. Ich hoffe, dass er mit diesem Grundstein der werden kann, der er ist.

Erwachsen3

Wenn in den nächsten Jahren nach und nach die schützenden Hüllen der kindlichen Unwissenheit fallen, dann werde ich da sein, so wie ich es vom ersten Tag seines Lebens an gewesen bin. Vielleicht ändert sich meine Aufgabe, vielleicht bedeutet Loslassen, dass ich ihn  anfangs sogar noch besser beschützen muss, als bisher. Ich kann ihn nicht vorm Erwachsenwerden beschützen, aber ich kann noch für viele Jahre darauf achten, dass er nicht mit Dingen aus der Welt der Erwachsenen konfrontiert wird, für die er noch nicht alt genug ist.

Und wenn das alles nichts mehr hilft, weil er irgendwann tatsächlich erwachsen sein muss, dann werde ich einfach da sein. Ich werde hinter ihm stehen, sichtbar oder unsichtbar und er wird wissen, dass er zu mir kommen kann, wenn die Welt hin und wieder auch für einen Erwachsenen zu groß erscheint. Ich bin nämlich seine Mama und Mamas sind das letzte Stück, das vom Vorhang um die Kinderwelt übrig bleibt.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

17 Kommentare

  1. Hej Mia,

    was für ein wunderschöner Post, soviel Liebe und Wissen um etwas und doch mit soviel Stolz und Vetrauen darauf zu bauen … Das hat mich sehr berührt.

    Ganz herzliche Grüße
    Lea

  2. Wunderschön geschrieben, ich weiß genau was du meinst!!!

    Und ganz ganz bezaubernd schöne Fotos von Euch.
    So vertraut, innig, warm und voller Liebe!

    Toller Beitrag!

  3. Wunderschön geschrieben, und ich empfinde es genauso mit meiner 4,5jährigen Tochter. So klein und doch schon so groß! Stolz und Wehmut wechseln sich auch bei mir ab.
    Lg Petra

  4. Anna N.

    Ganz wunderschön geschrieben!! Ich freue mich auf jeden einzelnen Tag, der da auf uns und unsere kleine Tochter (1 Jahr) zukommen wird, bin aufgeregt, ein ganz kleines bißchen ängstlich ;-), aber viel mehr gespannt, zu was für einem Erwachsenen sich unsere kleine Maus einmal entwickeln wird. Ich hoffe, dass wir ihr dafür das richtige Rüstzeug mitgeben und sie so lange wie möglich beschützen können und unterstützen dürfen.
    Viele Grüße, Anna

  5. Liebe Mia,

    mein großer Sohn ist fast so alt wie der Maxi und so oft schon habe ich bei deinen Posts Parallelen zwischen den beiden festgestellt. Das aufgeweckte und wissbegierige Kind, dass du empfindsam und so zart ist, dass man ganz like Supermom alles Böse fernhalten möchte.
    Deine Worte haben mich einmal mehr sehr berührt- Danke für eine Portion Emotionen am Abend <3

    Kimmi

    • Ich bin schon sehr gespannt, in deinem Blog mehr über Deinen Sohn zu erfahren 😉 LG Mia

  6. Jungsmama

    Schon beim Anfang des Textes musste ich aufgrund unserer Parallelen mal wieder schmunzeln 🙂 Bei meinem Großen (3 3/4) kommen diese „Groß werden“ Momente auch mit zunehmender Häufigkeit. Letztes Beispiel: Ich habe unüberlegt meinem Mann eine Nachricht aus der Lokalpresse vorgelesen: „Löwenjunge hat im Dortmunder Zoo seine Mutter getötet“. Das Thema hat ihn tagelang nicht losgelassen. Überfordert gefühlt habe ich mich das erste Mal als er vor einigen Wochen morgens auf einmal sagte: „Ich will niemals sterben. Ich will doch immer mit meinem Bruder spielen.“ Und anschließend untrötstlich geweint hat. Es hat Tage gebraucht bis ich herausgefunden habe wie er auf das Thema gekommen ist: Meine Mutter hatte ihm am Tag vorher von seinem verstorbenen Opa erzählt. Das hatte ich zwar auch schon einige Mal, aber da hatte er das wohl noch nicht verstanden.

  7. Ach, schnief, du hast so recht: Sie werden irre flott groß! Meine Tochter ist erst anderthalb, aber auch ich sehe schon, dass die Zeit nur so dahin rast und sie sich manchmal schneller entwickelt, als ich gucken kann. Das ist beeindruckend und toll und aufregend…aber eben auch ein kleines bisschen traurig 😉

  8. Genieße, so lang er noch so klein ist. Lass ihn 8 werden und Du wirst Grenzerfahrungen machen, von denen Du nur gelesen hast. Bei anderen. Lass ihn 12 werden und Du fragst Dich, an welchem Punkt genau Du eigentlich SO Versagen konntest und kannst kaum sagen, ob Loslassen oder Beschützen Dich gerade mehr Kraft kostet. Und dann kannst Du dankbar sein, dass es nicht Zwillinge oder Drillinge sind, die Dich da gerade über alle Maßen fordern. Dann kannst Du diesen Post lesen und denken „Hach…“ und lächeln. Und dann guckst Du Dir alte Fotos mit ihm an und seufzt noch tiefer. Und dann denkst Du: aber genau das ist es, was ich wollte. Weil Du dieses Kind so unendlich liebst und alles ein Ende hat und einen Neubeginn zugleich. Weil Phasen Phasen ablösen, aber die Liebe ewig bleibt. Unauslöschlich.

    Alles Gute!!!

  9. Liebe Mia,

    Ich hab grad Tränen in den Augen. Du hast das so schön geschrieben. Meine Tochter ist letzte Woche 1 Jahr alt geworden und man merkt hier schon die Veränderung. Aber wie du schon sagst, eine kleine heile Welt in der sie lebt. Und das ist auch gut so. Mit den schlimmen Dingen wird man früh genug konfrontiert.

    Alles Liebe für euch

    Rebecca

  10. Sandra Tischlinger

    Liebe Mia,
    ein wunderbarer Text.
    Meine Söhne (Zwillinge) sind zwar 9 Jahre alt, aber die Gefühle sind ähnlich.
    Zum einen sind sie schon so groß und verstehen und wissen soviel.Aber andererseits gibt es soviel, das sie noch nicht kennen.
    Ich habe ihnen von Anfang an viel erklärt, war immer in greifbarer Nähe, habe sie aber auch eigene Erfahrungen machen lassen (ungefährlich).
    Und nun sind sie schon groß, gehen mir bis zur Brust. Wir diskutieren, unterhalten uns und reden über vieles.
    Nach unserem letzten Auto-Gespräch mit dem Thema „Was ist Pubertät“
    Ich habe mir fest vorgenommen vor der Pubertät keine Angst zu haben. Sondern weiterhin entspannt zu sein. 🙂

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