Entspann Dich mal? Warum ich manchmal Angst habe, aber deswegen noch lange keine Helikoptermutter bin

Es gibt nicht viel, das mich aus der Ruhe bringen kann.  Ein Sonntagsfahrer im Wagen vor mir vielleicht. Eine kaputte Kaffeemaschine auf jeden Fall. Oder eine andere Mutter, die zu mir sagt: „Jetzt entspann Dich doch mal!“

Ich bin tiefenentspannt, wirklich. Wenn es allerdings um meine Kinder geht, dann kann ich nicht immer einfach tief durchatmen, mich umdrehen und weitermachen.

Entspannt zu sein gilt unter Müttern ja manchmal als Qualitätsmerkmal. Warum eigentlich?

Ich bin keine Mutter, die ihr Kind keinen selbständigen Schritt machen lassen kann oder jedes Mal einen Herzinfarkt bekommt, wenn das Kind sich fünf Zentimeter über dem Boden befindet. Ich versuche einen Mittelweg zu finden zwischen dem Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes und der richtigen Einschätzung von Gefahren. Allerdings ist mein Gleichgewicht etwas aus den Fugen geraten, seit die Kletterausflüge meines Sohnes in Höhen führen, die ich, selbst wenn ich wollte, nicht mehr mit der Hand erreichen kann und aus denen ein Absturz vermutlich gebrochene Knochen bedeuten würde.

So wie am Wochenende, als wir einen Ausflug zum Drachenfels machten. Der Maxi kletterte an einer steilen Felswand hoch und ich stand unten und hatte Puls. Mit mehreren anderen Eltern stand ich in einer Reihe am Fuße der Felswand und war extrem angespannt. Als mein kostbares Kind sich noch weiter hinaufzog, konnte ich es nicht mehr aushalten und rief: „Komm runter, Maxi. Bitte!“ Es überrascht vermutlich niemanden hier, wenn ich sage, dass der Maxi nicht reagierte?

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„Ach, lassen se doch, die machen das schon“, sagte da eine andere Mutter neben mir. Immerhin: Positiv an ihrer Bemerkung war, dass ich für ein paar Sekunden von meiner Angst um die Unversehrtheit meines Sohnes abgelenkt war. Denn plötzlich fühlte ich mich neben der anderen Mutter wie so eine Anfängerin.

Das geht mir oft so. Ich messe mich nicht mit anderen Müttern, aber wenn es um das Thema „Entspanntheit“ geht, bin ich bisweilen nicht sonderlich entspannt. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht möchte, dass jemand ein falsches Bild von mir hat. Ich BIN entspannt, möchte aber nicht, dass meine Kinder sich schlimm verletzen. Davor habe ich Angst.

Angst ist etwas Individuelles. Das gilt auch für die Angst um unsere Kinder. Ich würde gerne mit dem Maxi eine kleine Fahrradtour machen, aber der Mann findet das noch zu gefährlich. Meine Arbeitskollegin geht mit ihren Kindern Skifahren, mir wäre das viel zu riskant. Ich lasse den Maxi in der Küche mit einem scharfen Messer Gurken schneiden, aber ich kann ihn nicht an einer Felswand hängen sehen.

„Komm, wir gehen ein Eis essen“ rief ich dem Maxi erfolgreich zu, und fast entschuldigend in Richtung der anderen Eltern: „Lieber dick, als tot!“ Damit hatte ich die Lacher auf meiner Seite und fühlte mich wieder entspannt.

Manche Ängste verschwinden mit der Zeit, wenn wir sehen, dass sie unbegründet sind, aber manche bleiben auch für immer. Da hilft dann auch kein „Entspann Dich mal!“, weil es weder mit Entspanntheit noch mit Hypernervosität zu tun hat. Jeder hat seine Ängste- gerade wenn es um die Unversehrtheit der eigenen Kinder geht. Macht uns das zu umentspannten, gar Helikopter-Eltern? Ich finde nicht!

Als ich gestern den Maxi von der Kita abholte, kletterte der auf das Treppengeländer des Notausgangs und stand freihändig dort oben. Ich schaute kaum hin und setzte in Ruhe den Mini ins Auto. „Ähm, Dein Sohn, guck mal, wo der klettert!“ machte mich ein sichtlich besorgter Vater auf Maxis Turnübung aufmerksam. „Ja, das macht der immer“, sagte ich mit einer wegwerfenden Bewegung und schnallte ohne hinzusehen weiter den Mini an.

Erst als ich mit den Kindern im Auto davonfuhr, dachte ich, dass ich sehr entspannt gewirkt haben muss.

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11 Kommentare

  1. Danke danke danke für diesen Artikel!!
    Ich habe gestern sehr gemeine Kommentare im Blog erhalten, unter anderem dass es ja kein Wunder sei dass mein Kind so ängstlich sei wenn ich doch Angst habe dass mein Kind ertrinkt. Genau wie du sagst, jeder hat seine Ängste und man kann sein Kind doch auch ein bisschen einschätzen. Meins kann halt nicht schwimmen, also habe ich Angst dass es ertrinkt.

    Und waaah der Gedanke, dass die irgendwann noch viel höher klettern…. Ich muss den Kindern sagen sie sollen aufhören zu wachsen!

    • Bor, wie gemein! Ertrinken ist ja auch eine große Gefahr. Beim Klettern ist es halt so zwiespältig: Eigentlich können die Kinder sehr gut einschätzen, was sie können und machen in der Regel auch nicht mehr. Allerdings ist es beim Klettern oft viel schwieriger, wieder herunterzukommen, als das Hinaufklettern war. Und dann bekommen sie Panik und das ist dann wieder gefährlich. Liebe Grüße- und lass Dich nicht ärgern 🙂

  2. Ich denke, das es völlig normal ist, wenn Eltern Angst um ihre Kinder haben. Problematisch wird es, wenn man aus dieser Angst heraus anfängt, seine Kinder in die sprichwörtliche Watte einzupacken, um alle Gefahren von ihnen fern zu halten. Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen und sich dabei ggf. auch mal die Knie aufschlagen oder andere kleinere Verletzungen „einfangen“. Das gehört einfach dazu!

  3. Hallo Mia,
    ich glaube nicht einmal, dass es wirklich Angst ist, die wir haben. Eher Vorsicht (Voraussicht auf die Dinge, die noch folgen könnten.) Das sollte eigentlich allen Eltern gegeben sein.
    Ein gutes Beispiel ist, wenn manche Eltern beim Spaziergang ihre Kinder zu nah am Straßenrand herumturnen lassen, am besten noch mit Ball oder Rollerblades. Stark befahrene Straße und Kinder am Straßenrand ist für mein Nervenkostüm eine Herausforderung!
    Zum eigentlichen Thema: Es gibt schon ei en Unterschied zwischen Vorsicht und Angst, den viele heute nicht mehr wahrnehmen oder erfühlen.
    Schöner Artikel!
    Einen schönen Abend euch.

  4. Brigitte

    wenn meine Tochter (2) klettert, bin ich nicht mehr entspannt…. Mit gut 1,5 ist sie mir von einem Kletterhaus mit Treppe gefallen. Aus gut 1,7 m Höhe kopfüber ungebremst in den Kies. 2 Tage Krankenhaus zur Beobachtung und im Moment des Falls der Gedanke „die bricht sich das Genick“.

    Brauch ich nicht….und wenn mich dann jemand für unentspannt hält, ist es mir egal . Ich kenne meine Katastrophen Elli besser als Fremde…

  5. Ja, ich finde es auch total schwer, die richtige Balance zu finden. Manchmal ist das auch tageszeitenabhängig…
    Was ich aber auf alle Fälle sagen kann, dass ich längst nicht mehr so ängstlich bin bei vielen Dingen wie das ganz am Anfang der Fall war. Je mehr Kinder, desto „fauler“ wird man auch in manchen Bereichen. So hat man bei Kind 1 gefühlt noch jeden Schritt hinter dem Kind gestanden, die Hände bereit für den Fall der Fälle. Und später sitzt man doch eher auf dem Spielplatz und schaut dem Kind zu und wenn es tatsächlich irgendwo fallen sollte geht man hin und nimmt es tröstend in die Arme und gut ist. Aber ich stehe auch beim 5. Kind noch am Aufstieg zur Rutsche und habe die Hände hinter ihm.
    Man lernt teils, Gefahren besser abzuschätzen. Man wird in vielem von Kind zu Kind entspannter bzw. man ist auch einfach müde und will gar nicht mehr jeden Schritt begleiten. Somit wägt man ab, bei welchen Schritten es echt Sinn macht und wann man dem Kind die Freiheit gibt, eben auch mal auf die Nase zu fallen, wenn der Fall in der Regel keine ernsthaften Verletzungen nach sich zieht.
    Und wirklich den Hut ziehe ich an dieser Stelle vor meiner Schwie-Mu, die einen Teil ihrer Kinder in afrikanischen Busch groß gezogen hat… und die tatsächlich die Gelassenheit hatte, sie zum Spielen alleine in die Wildnis ziehen zu lassen – auch wenn sie sehr genau um die Gefahren wusste (Schlangen, teils Löwen usw). Ein Teil ihres Geheimnisses: Ich hab versucht nie daran zu denken, was alles passieren könnte! Und dann sollte man auch nicht den Glauben daran verlieren, dass die Kinder tatsächlich einen Schutzengel haben – oder viele! Wer unter uns Eltern kennt diese Momente nicht, wenn das Kind stützt, und um wenige Milimeter die Tischkante oder den Türrahmen… verpasst. Das kommt zum Glück wesentlich öfter vor, als das sie sich tatsächlich verletzten.
    Somit wünsche ich Dir und Maxi, dass ihr beide richtig einschätzen könnt, wie weit wo geklettert werden kann. Schließlich macht auch hier Übung den Meister 🙂

  6. Danke! Das sehe ich ganz genauso. Ich bin in solchen Kletter-Situationen generell voller Vertrauen in den Kleinen, weil ich davon ausgehen kann, dass er weiß, was er tut. Das hat er in der Vergangenheit immer bewiesen. Als ich selbst noch Kind war, kannte ich schon so welche, bei denen man da nicht von ausgehen sollte und die auch aus nix gelernt haben.

    Und auch ansonsten bin ich eigentlich ganz locker. Es gibt aber eben auch Situationen, in denen das eben nicht so ist. Und da ist die Angst dann auch begründet. Ob das „objektiv“ gesehen so ist, interessiert mich nicht die Bohne. Denn wenn ICH Angst hab, dann hab ich die. Das haben andere Leute gefälligst zu akzeptieren. Deren Ängste respektiere ich ja schließlich auch.

  7. Ich denke auch, dass man entspannt und gleichzeitig vorsichtig sein kann. An manchen Tagen habe ich dieses Gefühl, dass mir sagt, „gleich passiert es“ und dann knallt es schon. Immer verhindern, kann ich es nicht. Daher sehe ich Einiges gelassen und greife nur ein, wenn es mir das Bauchgefühl sagt. Die Sprüche von anderen nerven manchmal. „Hinfallen gehört dazu“, bla bla. Wenn ich es verhindern kann, lasse ich mein Kind doch nicht auf die Nase fallen. Das heißt schließlich nicht, dass ich ihm permanent im Nacken sitze. Wenn mein Mann sieht, dass ich mich gleich verletzten könnte, schreitet der doch auch ein (hoffe ich) 🙂 Damit liebe Grüße, Bine

  8. Hi Mia, wirklich ein toller Beitrag. Ich bin zufällig auf dein Blog gestossen. Meine Tochter (20 Mon) ist am Wochenende das erste mal allein in unseren Garten gelaufen. Dabei muss sie aber zwei Stufen runter. Ich wusste ich muss es sie versuchen lassen doch ganz wohl war mir bei der Sache nicht. Sie hat es geschafft aber mein Herz ist mir echt zu den Knöcheln gerutscht. Aber so ist das Mutter sein nun mal ein ständiges loslassen von Anfang an. Viele Grüsse Lissy

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