Wie lange noch? Vom Festhalten und Loslassen.

Am Sonntag ist etwas Großartiges passiert: Ich bin aufgewacht. Ja, wirklich! Ich bin aufgewacht.
In den letzten viereinhalb Jahren bin ich eigentlich nie aufgewacht. Ich WURDE geweckt, und das ist ein Unterschied, dessen Dimension man vielleicht erst erkennt, wenn man einen gewissen Grad der Erschöpfung erreicht hat.

Ich schlug die Augen auf und tastete nach meinem Wecker. Ohne Brille blind wie ein Maulwurf führte ich die Anzeige bis zwei Zentimeter vor meine Nase heran. 7:35 Uhr- krass!

Das war eine wunderbare neue Erfahrung und während ich mich reckte und streckte fand ich, dass es sich sehr erwachsen anfühlte. Halt! Stop! Erwachsen? Nein! Hilfe!

Natürlich sind meine Söhne noch lange nicht erwachsen. Sie sind noch so klein und ihre Welt ist es auch. Aber wie lange noch?

Wie lange noch werden sie nachts aufwachen und dann ganz automatisch nach mir rufen, weil ihre Angst sofort verfliegt, wenn ich neben ihrem Bett auftauche und sie meine Hand nehmen können? Sie rufen nach mir, sobald sie morgens aufwachen, weil ihr Tag nur mit mir beginnen kann. Ich mache ihnen ihre geliebte Milch und trinke neben ihnen meinen Kaffee. Wir sind zusammen und ihre Welt ist in Ordnung. Wie lange wird das noch so einfach sein?

Wie lange noch werden sie sich nach jedem Sturz umsehen, wo ihre Mutter ist? Sobald sie mich entdeckt haben, verzieht sich ihr Gesicht zu einem herzzerreißenden Weinen. Ich nehme sie auf den Schoß und während sie dort ganz fürchterlich schluchzen, ist eigentlich schon alles wieder gut, weil Mama ja irgendwie den Schreck und den Schmerz für sie übernimmt.

Wie lange werden sie mir noch in die Arme fliegen, wenn ich sie aus der Kita abhole? „Meine Mama“ ruft der Mini und rennt mir strahlend entgegen. Sie sind gerne in der Kita, aber wenn sie mich sehen, dann sind sie schon zu Hause. Ich bin ihr zu Hause, denn wenn ich bei ihnen bin, dann fühlen sie sich wie in einem geschützten Raum- egal wo wir sind. Mit mir in ihrer Nähe sind sie mutige kleine Weltentdecker.

Wie lange noch werden sie zu mir kommen und mir ihre kleinen Ärmchen entgegenstrecken, damit ich sie auf den Arm nehme? Wenn sie müde sind, oder wenn sie gerade nicht wissen, wohin mit sich. Wenn sie eine Pause brauchen oder wenn ein Bruder den anderen geärgert hat, dann gibt es für sie keinen sichereren Ort, als meinen Arm. Ein bisschen erhöht und damit weg von dem, was sie gerade überfordert thronen sie auf meinem Arm und legen ihr kleines Köpfchen auf meine Schulter.

Wie lange werden wir uns auch körperlich noch so nah sein? Noch gehört es zu unserem Alltag, dass ich sie abknutsche, dass wir uns gegenseitig umarmen und durchkitzeln. Sie drücken mir ihre saftigen Küsse ins Gesicht und kuscheln sich an mich- einfach so. Ich beiße in ihre kleinen Zehen, ich küsse ihre Arme und Beine und umarme sie, wann immer ich einen von ihnen erwischen kann.
Wenn ich sie aus der Kita hole, drücke ich ihre süßen kleinen Gesichter an meines und ich vergrabe meine Nase in ihrem Hals- ich liebe diesen Duft!
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Was ist das für ein Glück, so wichtig für zwei kleine Menschen zu sein! Was für eine Aufgabe, was für eine Ehre ihre Mutter sein zu dürfen. Wie lange werde ich wohl noch der wichtigste Mensch in ihrem Leben sein dürfen?

Vor vier Jahren war der Maxi ein winziges Baby. Ich hatte dieses winzige Wesen ungefähr 20 Stunden am Tag an meinem Körper- die übrigen 4 Stunden verbrachte er auf dem Arm seines Vaters. Heute braucht dieses kleine Wesen viel, viel weniger Körperkontakt. Mein Baby verbringt Nachmittage alleine bei Freunden und trägt Schuhgröße 30. Und manchmal wehrt es sich doch tatsächlich gegen meine Küsse!

Mutterliebe

Ich weiß, dass ich sie nicht festhalten darf. Ich weiß, dass es meine Aufgabe ist, sie zu selbständigen Menschen zu erziehen. Als das Babyfon an geht, höre ich, wie die beiden Jungs miteinander spielen. Stolz lächelnd liege ich zufrieden in meinem Bett und lausche den Stimmen meiner Söhne. Als endlich das erste „Mamaaa!“ ertönt, bin ich sehr glücklich.

Mamablog Mama Mia

 

 

20 Kommentare

  1. Ach Mia, du schreibst einfach wunderbar. Mein Herz lacht und weint gleichzeitig bei dem Gedanken daran, dass meine Jungs irgendwann selbstständig sein und weggehen werden. Aber bis dahin genieße ich dieses riesige Glück und atme den Duft der beiden gaaaanz tief in mich rein, damit ein bisschen davon für immer bleiben kann.
    Liebe Grüße
    Anja

    • Ja, Anja, wir werden bestimmt vor Stolz platzen, wenn sie eines Tages groß sind, aber bis dahin muss ich jeden Kuschelmoment schamlos ausnutzen!

  2. Ein sehr ehrlicher Post….mir wird schon ganz schlechte bei dem Gedanken dass mich mein kleiner R. irgendwann nicht immer braucht oder es ihm vll. mal peinlich ist, wenn die Mama mit dabei ist…ohoh

  3. Ein wunderbar herzerwärmender Text an diese kleinen Menschen, die uns Eltern alles bedeuten. In die Zukunft schauend, macht es mir Angst, Freude- und es macht mich auch neugierig, was da so auf mich als Mama zukommt. Rückblickend bin ich schon jetzt dankbar dafür, dass meine Kinder mir jetzt schon gezeigt haben, was meine Eltern großartiges geleistet haben: Sie haben mir gleichzeitig die festesten Wurzeln gegeben, gemeinsam mit den sichersten Flügeln. Ich wünsche mir, dass auch mir dies gelingt.

  4. Wunderschön geschrieben… Mein großer ist jetzt 15, viel zu schnell ging die Zeit um und ich genieße jeden Moment, in dem er noch mal kuscheln will oder mich wirklich braucht! Mein zweites Glück ist sechs Monate alt, und da ich nun weiß, wie schnell das alles geht, versuche ich, jeden Moment noch viel intensiver zu genießen!

  5. Christina

    Danke für diesen schönen Post. Mir wird es im Moment so oft zu viel mit meinen zwei Minis, die so viel an mir hängen den ganzen Tag und mich oft nicht mal auf Toilette lassen. Aber Du hast so recht, eigentlich ist es wunderbar und geht viel zu schnell vorbei. Danke für die Erinnerung. Ich kuschel mich jetzt schnell zu den Zweien und atme ihren Duft.

  6. Was für ein wahnsinnig schöner, berührender Text, liebe Mia! Der geht wohl jeder Mama direkt ins Herz und unter die Haut. Meine Tochter (5) kommt diesen Sommer in die Schule. Sie freut sich wahnsinnig und ich bin unglaublich stolz auf mein großes Mädchen! Aber ein bisschen ist da auch dieses wehmütige Gefühl, ein Stück weiter loslassen zu müssen auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Ein komisches Gefühl, war sie doch vor nicht allzu langer Zeit noch mein Baby, das noch nicht laufen konnte, aber schon so süß geredet hat…hach. Danke für diesen schönen Start in den Morgen. Ich gehe sie jetzt wecken (!) und knutsche sie von oben bis unten ab, ein kleines bisschen intensiver als sonst 😉 ganz liebe Grüße, Vivi von hexhex

  7. Am Vorabend des 5. Geburtstags meines großen Babys trifft mich dein Text heute ganz besonders ins sentimentale Mamaherz.
    Vielleicht ist es ganz gut, dass den Eltern die meisten letzten Momente gar nicht so bewusst sind. Das letzte Mal in der Trage, das letzte Mal Händchen halten beim einschlafen etc passiert meistens ja eher nebenbei… irgendwann denkt man dann, „huch, das ist jetzt wohl vorbei?“. Aber dann tut es nicht mehr so weh wie ein ganz bewusster Abschied.. zum Glück, sonst hätte ich ja nur verweinte Augen.
    Danke für deine stets so wunderschönen und wahren Worte! Meine Mädels sind etwa so alt wie deine Jungs und ich hoffe sehr, dass du uns mit deinen Texten auch noch durch die Pubertät begleitest!! 😉
    Liebe Grüße

  8. Was für ein wunderschöner und ergreifender Text! Das hast du wundervoll geschrieben.
    Mir geht es ganz genauso. Am liebsten möchte man die Zeit anhalten, denn oft vergeht sie einem viel zu schnell. Man möchte noch einmal zurückspulen und die Momente noch einmal erleben, als sie noch so klein waren. Aber gleichzeitig kann man es gar nicht erwarten wie sie größer werden, ihnen dabei zuzuschauen und den Weg gemeinsam mit ihnen zu gehen und sie dabei zu unterstützen.

  9. AnnaMama

    Du schreibst so schön über Eure Familie und sprichst mir aus dem Herzen. Ich kenn das auch so gut, diese Mischung aus Stolz, weil das Kind groß wird und tolle neue Dinge macht und gleichzeitig die Idee von „Werde ich das irgendwann vermissen?“, das sprechen lernen, Töfchen gehen (nein, das werde ich wohl nicht vermissen ;), Laufrad flitzen üben. Hand in Hand laufen und kuscheln und der wichtigste Mensch für jemanden zu sein? Oder ist es dann einfach immer wieder neu spannend und toll, wenn immer etwas neues dazukommt? Seufz, ich heul gleich

  10. Liebe Mia,

    Dein Blogeintrag beschehrt mir feuchte Augen. Meine beiden sind größer, 9 und 7. Aber auch sie brauchen mich noch. Nachts wenn die Trinkflasche leer ist und der Durst groß ruft der Kleine. Bei Alpträumen kommen sie ins Bett gekrochen, weil bei Mama und Papa die Erinnerung an den Traum weniger schlimm ist. Nach einem Sturz hilft pusten noch immer, dass der Schmerz verfliegt.
    Bei der Großen sehe ich aber schon die Richtung, dass sie mich nicht mehr so sehr braucht. Es macht mich stolz, aber gleichzeitig auch traurig, weil die letzten 10 Jahre (seit der Schwangerschaft) so schnell vergangen sind. Weil die Baby- und Kleinkindzeit vorbei ist und sie nun selbstständig werden.
    Ein schöner Artikel.

    Liebe Grüße
    Julia

  11. Was für ein schöner Text,…ich hab Tränen in den Augen.
    Ich kann jeden Satz nachvollziehen.
    Meine beiden sind fast 4 und 2,5 und ich bin grade zerrissen zwischen „Jungs, jetzt seid doch mal bissl selbständiger und zieht euch alleine an!“ und „wow, unsere Kinder spielen seit einer Std mit ihren Freunden irgendwo in den Büschen auf dem Spielplatz und brauchen uns nicht“. Mal bin ich genervt, weil ich alle 5min gebraucht werde, und einen Tag später wünschte ich, ich könnte die Zeit anhalten, weil ich weiß es wird nie wieder so werden wie es jetzt ist.
    Mal verfluche ich es, dass der Kleine immernoch ein Langzeit(einschlaf)stiller ist und mich jeden Abend bei sich haben will, und am nächsten Tag bin ich froh, das wir diese Zeit haben, denn er wird wahrscheinlich mein letztes „Baby“ bleiben. Und ich weiß von einem Tag auf den anderen kann es vorbei sein, und es wird Zeiten geben, wo ich mich in diesen Moment zurückwünsche.
    Ich bin so stolz, wenn die Jungs etwas Neues lernen / können, und gleichzeitig habe ich Angst vor der Zeit, wenn sie dann wirklich groß sind, mich nicht mehr brauchen….
    Danke jedenfalls für den schönen Text. Er hat mich einmal mehr wachgerüttelt im Hier und jetzt zu leben, dankbar für jeden Moment zu sein und die Zeit mit meinen Lieben zu genießen.

  12. Hallo Mia,
    ach wie schön! Mit meinen Kindern (2 und fast 5) habe ich gelernt, dass irgendwie jede Phase irgendwie auch immer die schönste ist. Die erste Babygröße aus dem Kleiderschrank aussortieren tat noch höllisch weh, heute macht es mich aber auch stolz und glücklich, wenn mein Großer sich ganz allein mit seinen Freunden verabredet. Also lautet wohl die gute Nachricht: Irgendwie wächst man mit! Und trotzdem gilt für jede durchkuschelte Nacht und für jedes „Meine Mama, meine Mama!! : Genießen, genießen, genießen!“
    LG
    Ute

  13. Wow das ist ein ganz toller Post. Und so ehrlich. Auch ich habe mir schon die Frage gestellt, wann sich mein Kleiner gegen das Kuscheln und Küssen wehren wird. Das ist für alle Mütter bestimmt ein großer Schock und eine riesen Veränderung. Aber bis dahin sollten wir diese Zeit so gut es geht ausnutzen.
    Viele Grüße Bianca

    http://ladyandmum.blogspot.de

  14. Ich bin so berührt von deinen Worten…Es ist als hättest du in meinem Herzen gelesen und die Worte in diesen Text gepackt. Dankeschön dafür!!

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