Ich mach mir die Welt…

Ich bin in meinem Leben nicht einen einzigen Tag gerne zur Schule gegangen. Meine Noten waren recht ordentlich, dran hat es nicht gelegen, aber ich habe in dieses System „Schule“ einfach nicht hineingepasst.

Demnächst werde ich wieder eine Schule betreten müssen. Der Maxi ist ein „Kann-Kind“, das heißt, er könnte bereits mit noch nicht ganz sechs Jahren eingeschult werden- oder erst ein Jahr später, dann als schon fast Siebenjähriger.

Die Entscheidung finde ich sehr schwierig. Mir scheint, dass eine Kann-Kind-Einschulung mich unter anderen Müttern automatisch zur Rabenmutter macht. Kinder sollen doch so lange wie möglich spielen, das ist die allgemeine Meinung, ohne das Kind auch nur anzusehen. Nun hoffe ich, dass die Einschulung nicht das Ende aller Spiele bedeutet, aber abgesehen davon ist für mich entscheidend, dass mein Kind da wo es ist, auch hingehört. Vielleicht passt er nächstes Jahr nicht mehr in die Kita, sondern gehört er schon in die Schule- oder umgekehrt. Es wird nicht leicht, das zu entscheiden, aber ein bißchen Zeit haben wir ja zum Glück noch.

Einen ersten Vorgeschmack auf Maxi als Schulkind habe ich neulich bekommen:

Am Wochenende habe ich mit Maxi Musik-Hausaufgaben gemacht. Bevor jetzt einer schimpft, dass das arme Kind sich schon mit so etwas quälen muss, erkläre ich das mal kurz: Die Lehrerin einer Musikschule kommt einmal in der Woche in die Kita und musiziert mit den Kindern in kleinen Gruppen. Zur Vertiefung gibt es Hausaufgaben für die größeren Kinder, die natürlich nicht verpflichtend sind und niemals abgefragt werden. Meistens machen wir keine Hausaufgaben, manchmal schon- ganz wie der Maxi mag.

Der Maxi sollte eine Reihe voller Noten im dritten Zwischenraum zeichnen. Zeichnen, das gehört nicht zu Maxis Paradedisziplinen, und so zog er lustlos ein paar Kringel von links nach rechts. Zur Abwechslung zeichnete er dann plötzlich einen Kringel am Ende der Zeile ganz rechts. Und da passierte es:

Es fuhr sichtbar wie ein Geistesblitz durch mein Kind. Seine gesamte Körperhaltung änderte sich. Maxi setzte sich auf und sah plötzlich kein bißchen lustlos mehr aus. Im Gegenteil:Er versprühte Begeisterung. Seine Augen leuchteten und er erklärte:

„Die Noten hiiiiaaar auf der Seiteeee (links) kämpfen gegen die auf der anderen Seite!“

Ach herrje! Kämpfen schon wieder, dachte ich bei mir und versuchte, ähnlich begeistert zu gucken wie der Maxi.

„Die hiiieer auf dieser Seite sind meeehr, aber die anderen haben Laserschwerte!!!“

Woher kommt bloß diese Begeisterung für Laserschwerte dachte ich und sagte: „Aha!“

„Die mit den Laserschwertern gewinnen!“ Maxi strahlte.

Sensationell, dachte ich und war ehrlich begeistert. Ich kann nicht behaupten, dass ich eine Vorliebe für Laserschwerter oder Kämpfe oder dergleichen in mir trage, und deshalb dachte ich anfangs nur: „Hmpf. Jungs sind eben…anders!“ Aber je mehr ich darüber nachdenke, umso beeindruckter bin ich von dem, was der Maxi gemacht hat.

Er hat aus einer Reihe schnöder Noten, die ihn nicht die Bohne interessierten, den Schauplatz eines Kampfes gemacht. Davon hätte er noch drei Seiten voll malen können.

Einschulung

Nun befürchte ich, dass die Lehrer einer Schule meine Begeisterung für Maxis Vorgehensweise nicht unbedingt teilen werden. Sie werden vermutlich erwarten, dass er brav seine Noten malt, sich also exakt in den Grenzen der (Noten)-Linien bewegt, und das ganz ohne Laserschwerte.

Dabei ist das etwas, dass ich an Kindern so bewundere. Sie gehen so offen an alles heran.

Aus der Sicht einer Personalerin kann ich nur sagen, dass ich mir genau solche Mitarbeiter wünsche. Menschen, die in der Lage sind, mit ihrer Phantasie die Dinge anders zu sehen und sie einfach anders machen.

Aber Erwachsene sind selten so. Sie sagen, sie interessieren sich nicht für Politik, sie gehen nicht gerne auf Partys oder sie hassen Elternabende, und deswegen lassen sie das alles irgendwann einfach bleiben. Dabei wäre es doch viel besser,  die Dinge zu etwas zu machen, das ihnen gefällt.

Wenn der Maxi in die Schule kommt, wird er ganz viel lernen müssen. Ganz viele wichtige Dinge weiß er aber auch schon. Wie man den Dingen seinen eigenen Stempel aufdrückt zum Beispiel, und so die Welt mitgestaltet.

Manchmal besteht die Herausforderung eben auch darin, Dinge nicht zu VERlernen.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

9 Gedanken zu “Ich mach mir die Welt…

  1. Es soll ja Lehrer geben, die freuen sich genauso wie du, wenn Kinder kreativ werden! 😉

    Ich bin immer gern zur Schule gegangen und hatte so gut wie NIE gute Noten. Schule ist einfach immer ein toller Ort gewesen, an dem ich all meine Freunde getroffen habe. Und das bisschen Unterricht zwischendurch … Es gab wirklich Zeiten, da war ich tottraurig, wenn es Ferien gab. Vor allem die blöden, langen Sommerferien.

    LG
    Mareike

  2. Unser Jüngster ist nächstes Jahr ein Kann-Kind. Und klar eifert er dem Großen in allem nach, hat jetzt schon großes Interesse an Zahlen und mäBuchstaben. Die Entscheidung ist nicht einfach.
    Aber du hast vollkommen recht, man kann keine pauschale Antwort geben, muss auf jedes einzelne Kind schauen. Du musst entscheiden, du kennst dein Kind.
    Unser Große kam letztes Jahr, war 6,5 und definitiv war es Zeit für Schule. Er hat Glück mit seiner Lehrerin und kreativen Blickwinkeln um ihn herum, aber es ist manchmal schon sehr anstrengend. Ich kann mich beispielsweise nicht erinnnern, im ersten Schuljahr 5 Stunden gehabt zu haben – er gleich an 3 Tagen.
    Aber, jedes Kind muss individuell gesehen werden. Und das Spannendste ist eben, zu sehen, wie sie Wissen für sich entdecken und aufsaugen. Das wird auf jeden Fall eine spannende Zeit für euch!
    LG, Rosa

  3. Ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen. Die Entscheidung ist wirklich nicht einfach zu treffen. Aber ihr werdet richtig entscheiden. Und so ein bisschen glaube ich ja auch, dass es so „ganz richtig“ und „ganz falsch“ an dieser Stelle nicht gibt.

    Ich drücke euch die Daumen, dass Maxi Leherer bekommt, die seine Kreativität zu schätzen wissen. Ein Lehrer meiner Tochter „attesitierte“ einem Mitschüler kürzlich eine zu übebordende Phantasie. Weil er Tiere lieber bunt malte. Ja, ja…

    Viele Grüße
    Nina

  4. Liebe Mia… Ich würde mal wieder nachdenklich, als ich den Beitrag gelesen habe. Ich habe mein November-Girl als Kann-Kind eingeschult. Ihr war sooooooo langweilig und sie war schon so wortgewandt und clever. Dennoch…. Heute ist sie in der 7. Klasse mit 12 Jahren mind ein Jahr jünger als alle anderen. Gerade nach dem Übertritt-oder erst dann- wurde mir bewusst, das die prsl Reife so wichtig ist. Mädchen sind heute viel weiter als wir in dem Alter und der Unterschied ist einfach seelisch oft schwer. Die Schule macht ihr Spaß, noch immer, doch ist sie eben menschlich noch nicht da wo die anderen sind ( Musik, Jungs, Schminken)…. Triff die Entscheidung mit dem Herzen und nicht rationell nach “ Können“. Alles Liebe…

    1. Danke für Deinen Kommentar, Yvonne! Das ist tatsächlich etwas, das man bedenken muss- dass sie dann ja auch früher mit Pubertätsthemen konfrontiert werden. Ich schreibe bestimmt nochmal über das Thema und würde mich freuen, wenn Du dann Deine Erfahrung mit mir teilst! LG Mia

  5. Huhu, ich lese schon lange und gerne Deinen Blog. Da ich Lehrerin bin, möchte ich zum Thema „Kann-Kinder“ auch mal einen Kommentar abgeben: wenn das Kind nur ein paar Wochen hinter der Grenze liegt ( hier in SH 31.6) dann halte ich oft eine vorzeitige Einschulung für in Ordnung oder sinnvoll. Wenn einige Monate dazwischen liegen, freue ich mich für jedes Kind, das noch ein Jahr Kindergarten genießen kann/darf. Warum in Zeiten von Leistungsdruck und Turboabi noch einen Gang hochschalten? In diesem Sinne
    “ keep calm and play…“ Grüße von der Küste Antje

  6. Ich war selber ein Kann-Kind (was in den 70ern eher ungewöhnlich war, denn ich war bis zum Abitur immer mit großem Abstand die Jüngste in der Klasse) und fand es ganz prima. Selbstverständlich war ich der Überzeugung, dass meine Kinder damit auch die perfekten Kann-Kinder sind. Pustekuchen. Bei der Älteren stellte sich die Frage nicht, bei der Jügenren schon und ich musste trotz fester Entschlossenheit, dass für sie nicht schlecht sein kann, was für mich gut war, einsehen, dass sie einfach noch nicht so weit war. Es ist mir nicht leicht gefallen, mich selber zu überzeugen, aber für sie war es die beste Entscheidung noch ein Jahr „nicht“ in die Schule zu gehen…es gibt nur eine richtige Entscheidung: Sehen, wie das Kind ist, wo es steht, wie weit es ist und dann entscheiden…Lg, Anne

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