Familienbande. Wie man eine Großfamilie zusammenhält

Lieber Opa,

wenn Du noch leben würdest, würde ich Dich fragen, wie Du das eigentlich angestellt hast. Wenn Du mir Deinen Trick verraten könntest, könnte ich es genau so machen, wie Du.

Leider bist Du schon vor 10 Jahren gestorben und ich kann Dich nichts mehr fragen. Ende Februar  wärest Du 100 Jahre alt geworden. Wir haben Deinen 100. Geburtstag gefeiert, auch wenn Du nicht dabei sein konntest. Wir glauben, das hätte Dir gefallen. Es waren fast alle da: Deine fünf Kinder und ihre Partner, Deine 12 Enkelkinder und ihre Partner und Deine Urenkel. Das war ein tolles Familienfest und während wir alle beieinander waren und um uns herum Deine Urenkel so tobten, wie ich es früher mit meinen Cousinen und Cousins getan habe, da habe ich mich eben gefragt, wie Du das eigentlich gemacht hast.

Wie hast Du diese Familie zu dem gemacht, das sie ist? Ein Rudel Menschen, die wissen und spüren, dass sie zusammengehören und die trotz Streitigkeiten und unterschiedlichen Lebensweisen ein so enges Band verbindet, dessen Enden Du offenbar auch 10 Jahre nach Deinem Tod noch in den Händen hältst.

Du warst unser Familienoberhaupt. Es gab Zeiten, da wären wir ohne Dich vielleicht für immer auseinander gegangen. Natürlich warst Du nicht so ein Oberhaupt, das die Familie regelmäßig antanzen lässt, ob sie wollen oder nicht. Wir haben uns einfach immer als Familie gefühlt und es war und ist für mich das wichtigste im Leben, Teil dieser Familie zu sein. Ich wünsche mir das auch für meine Söhne und deshalb wüsste ich so gerne, wie Du das geschafft hast.

Vielleicht ist es Deine grenzenlose Toleranz gewesen. Du hast niemanden jemals verurteilt. Du hast immer akzeptiert, dass Menschen eben so sind, wie sie sind. Du hast mir immer zugehört und fandest es interessant, wie ich lebte. Meine Oma hast Du mit ungefähr 17 Jahren in der Tanzschule kennengelernt und nach dem ersten Tanz war die Sache mit Eurer Ehe geritzt. Aber Du hast zum Beispiel nicht ein einziges Mal mit der Wimper gezuckt, wenn ich Dir alle paar Monate meinen neuen Freund vorgestellt habe.

Vielleicht war es auch Dein sonniges Gemüt. Du warst ein Genießer, hast alles immer positiv gesehen und hattest ein Talent, Unerfreuliches einfach beiseite zu schieben. Streitigkeiten in der Familie waren dazu da, vergessen zu werden. Viel wichtiger war doch, dass wir uns alle hatten und im Grunde doch liebten.

Ja, die Liebe. Jetzt weiß ich es, es war bestimmt die Liebe. Die Liebe zu jedem einzelnen von uns und zur Familie selbst und dem, was sie ausmacht: Kinder!

Vor vielen Jahren hast Du mich einmal halb scherzhaft halb ernsthaft verzweifelt gefragt: „Warum habt Ihr denn alle keine Kinder?“ Meine Familienplanung und die meiner Cousinen und Cousins lief damals nicht ganz zu Deiner Zufriedenheit. Drei Urenkel hast Du noch kennengelernt, und damals hast Du wohl befürchtet, der Großteil Deiner Enkel habe kein Interesse an der Familiengründung. Dabei hattest Du uns Deine Begeisterung für Kinder und Familie längst tief ins Herz gepflanzt. Heute hast Du 16 Urenkel- und es sieht ganz danach aus, als würden es noch mehr werden.

Auf Deinem Sterbebett hast Du zu meiner Mutter (Deinem 5. Kind) gesagt: „Ich hätte doch so gerne noch ein Kind von der Mia kennengelernt. Nein! Zwei!“ Als hättest Du es geahnt, dass ich einmal eine zweifache Mutter werden würde.

Wenn Du noch leben würdest, würde ich Dich ganz oft besuchen, so wie früher. Mini und Maxi würden auf Deinen Schoß klettern und sich an Deinen Hosenträgern „anschnallen“, so wie ich  es getan habe. Dann würden sie da sitzen und strahlend verkünden, wie gut Du duftest und Du würdest ihnen Deine geliebten Kräuterbonbons geben und sie würden Dich lieben wie verrückt. Genau wie ich.

Ja, vermutlich war es die Liebe, aus der Du um Deine ganze Familie herum einen Rahmen gespannt hast, der bis heute hält. Ich versuche jeden Tag, meine Kinder genau so zu lieben. Wenn ich Dich früher besucht habe, habe ich immer eine meiner Cousinen oder Cousins getroffen, oder einen Onkel oder eine Tante. Bei Dir gingen immer alle ein und aus und bei Dir liefen alle Informationen zusammen. Ich wünsche mir so sehr, dass das mit meinen Kindern eines Tages auch so sein wird.

Ich wünsche mir, dass sie mit ihren Freunden und Freundinnen ganz oft in ihr Elternhaus kommen und dass sie mich teilhaben lassen an ihrem Leben. Eines Tages werden mich dann vielleicht meine Enkelkinder besuchen.

Ich weiß, dass sie meine bedingungslose Liebe spüren müssen, damit sie immer wieder gerne nach Hause kommen. Und ich weiß, dass ich sie auch loslassen muss.

Ach, würdest Du doch nicht leben, dann könnte ich Dich fragen, wie man das macht!

Happy Birthday Opa!

Deine Mia

 

13 Gedanken zu “Familienbande. Wie man eine Großfamilie zusammenhält

  1. Hallo Mia,

    wunderschön geschrieben, wie so oft. Ich kenne das ebenfalls genauso, wie du es beschrieben hast, von früher. Bei mir war es die Oma mütterlicherseits. Meine Mutter hat 10 Geschwister, du kannst dir vorstellen, was da bei Oma immer los war. Leider ist sie VIEL zu früh verstorben (74, einfach aus dem Nichts war Ende) und die Familie hat das nur sehr schwer verkraftet. Seitdem verliert sich alles ein wenig, wobei es eine Art festen Kern gibt, der immer noch oft zusammen ist.

    Ich wohne mit meiner Familie mittlerweile im Haus meiner Oma (wir haben uns für eine Kernsanierung statt einem Neubau entschieden), und wenn ich so durch den Garten schlendere habe ich immer noch die Bilder im Kopf, wie ich als kleiner Stöpsel mit meinen unzähligen Cousins, Cousinen, Tanten und Onkels in genau diesem Garten gespielt habe.
    Heute spielen hier meine Kinder mit ihren Freunden, und zu einigen meiner Cousinen besteht nach wie vor ein sehr enger Kontakt (besonders zu einer, eher wie Geschwister), und auch ihr Kind (mein Patenkind) spielt bei uns im Garten. So schließt sich der Kreis auf eine gewisse Art wieder.

    Auch unser Garten ist im Sommer ziemlich voll, die Männer stehen mit Bier am Grill und schauen Fußball, die Frauen machen, was immer Frauen so machen, die Kinder toben, planschen und schreien – alles so wie es zu Omas Zeiten auch war. Es sind unsere Freunde und deren Kinder. Und meine Cousine :).

  2. Toller Post! Man kann sich echt nicht oft genug vor Augen führen, wie wichtig es ist, dass eine Familie zusammenhält 🙂 Und ich bewundere ebenfalls Personen, die für ihre Familie so ein Band darstellen, und wäre in Zukunft auch gerne so jemand 🙂 Beim Lesen merkt man, dass dein Opa ein wunderbarer Mensch war, danke dass du deine Erinnerungen an ihn geteilt hast!

  3. Sehr schön und liebevoll geschrieben. Hat mich sehr berührt. Ich musste an meinen Opa denken, der vor zwei Jahren verstarb. Auch die Besuche dort hielten die Familie zusammen, auch wenn es ihm im Gegenteil zu deinem Opa schwer fiel, Emotionen zu zeigen oder zuzugeben. Vielleicht eine Folge des Krieges? Trotz allem sind meine Cousins und Cousinen genau wie meine Geschwister sehr eng mit mir verbunden. Wir besuchen uns trotz großer Entfernung oft und sie sind mir eine große Hilfe mit den Kindern oder während unserer Bauphase. Familie ist das Wichtigste, was es gibt. Nirgendwo sonst finde ich soviel sicheren Rückhalt und konstruktive Kritik.

    Danke, Mia, dass du mir durch deinen Artikel mein großes Glück mal wieder bewusst gemacht hast!

  4. Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag. Ich vermisse meine beiden Großmütter. Beide waren so stark auf ihre Weise und ich konnte immer zu ihnen kommen und sie hatten ein offenes Ohr, eine offenes Haus und offene Arme.
    Ich hätte sie so gerne noch in meinem Leben, würde ihnen gerne meinen Partner und ihre Urenkel vorstellen. Wie gern hätten meine beiden Omas sie auf den Armen geschaukelt und mit ihnen gespielt.
    Den 100. Geburtstag zu feiern ist eine tolle Idee!!!

  5. Liebe Mia,

    eigentlich bin ich eine stille Mitleserin bei dir, aber zu diesem Post muss ich dir einfach sagen wie toll er ist!!!
    Ich hatte Tränen in den Augen!
    Auch ich kenne und liebe diese Familienbande, hab selber 5 Geschwister und schon 4 Neffen und Nichten bin selber grade zum ersten mal Schwanger und werde ziemlich Zeitgleich nochmal Tante und alles läuft, ähnlich wie bei dir bei meiner Mama zusammen. Ich liebe die Sonntage „Zu Hause“ wenn immer einer ein und ausgeht und grundsätzlich so viel gekocht wird das alle satt werden 🙂
    Mir graut es vor dem Tag an dem Sie mal nicht mehr ist und ich hoffe sehr, das wir so wie ihr ein Stück dieser Zusammengehörigkeit behalten können!!

    Danke für diesen Post!!!
    Liebe Grüße
    Julia

  6. Liebe Mia,
    auch wir haben vor 1 1/2 Jahren den imaginären 100. Geburtstag meines Opas väterlicherseits mit allen seinen Neffen und Nichten, Enkeln und Urenkeln gefeiert. Da enden diesmal aber auch schon unsere Gemeinsamkeiten. Mein Opa lebt seit 40 Jahren nicht mehr, ich habe ihn also nie kennengelernt und kannte auf der Feier außer meiner eigenen direkten Familie sowie meiner Tante und ihrer Familie (zu der ich ein sehr enges Verhältnis habe) so gut wie niemanden mehr als vom Namen (und auch da wurde es bei Vielen schon schwierig). Meinem Bruder ging es ähnlich und er hat es mit dem Satz auf den Punkt gebracht: „Schon komisch, die haben alle denselben Nachnamen wie wir, aber eigentlich verbindet uns sonst nichts.“ Oder vielleicht auch nichts mehr? Denn ich habe beim Lesen deines wundervoll geschriebenen Textes gedanklich immer „den Opa“ durch meinen Vater, der ziemlich genau vor sieben Jahren gestorben ist und mein Bindeglied zu diesem Teil der Familie war, ersetzt und mich – wie so häufig – schmerzlich gefragt, was er denn wohl für ein Opa gewesen wäre und was er in dieser oder jener Situation gesagt oder getan hätte.

    1. Wir vermissenja hier auch den Opa väterlicherseits. Leider habe ich meinen Schwiegervater nie kennengelernt. Irgendwie fehlt mir damit auch ein Stück von meinem Mann!

  7. Jetzt muss ich weinen. Weil mein Opa der gleiche ist wie es deiner war. Er und meine Oma sind ebenfalls der Mittelpunkt unserer Familie mit 4 Kinder, 8 Enkeln und 7 Urenkeln.
    Er wird dieses Jahr 9o und keiner von uns weiß ob er diesen Tag im Herbst noch erleben wird. Er ist noch bei vollem Verstand und immer besser über das aktuelle Geschehen informiert als ich. Nur sein Körper wird täglich schwächer, er wird einfach immer weniger….

    Weil er für mich einer der wichtigsten Menschen und ein Vorbild ist, hat mein Sohn seinen Namen bekommen. Und dieser kleine Kerl liebt ihn heiß und innig und kraxelt auf seinen Schoß, genau wie du es beschreibst 🙂

    Opa ich vermisse dich jetzt schon!

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