Alles zu seiner Zeit

„Eins, zwei, drei, vier, fünf!“ Maxi war wenige Minuten alt und die Hebamme zählte mit uns gemeinsam seine Finger und Zehen und der Mann und ich strahlten um die Wette. Wir konnten kaum glauben, dass da so ein perfektes Baby in unseren Armen lag, und es hatte tatsächlich fünf Finger an jeder Hand und fünf Zehen an jedem Fuß. Was will man mehr?

An ein frisch geborenes Baby hat noch niemand besondere Erwartungen. Wenn es gesund ist, und alles dran, dann hat es die Erwartungen schon fast übererfüllt.  Im erstens Lebensjahr lernt das Baby dann sein Köpfchen zu heben, zu sitzen, zu krabbeln und schließlich zu laufen. Wie von Zauberhand geführt funktioniert das nach einem inneren Plan der bis auf wenige Tage oder maximal Wochen von den schlauen Büchern oder den anderen Babys in der Pekip-Gruppe abweicht.

So weit, so einfach, aber dann geht es auch schon los:

„Es läuft noch nicht? Naja, ein bißchen Zeit haben wir ja noch.“

“ Ach so, noch nicht trocken? Vielleicht sollten sie es einfach mal ohne Windeln herumlaufen lassen?“

„Was? Es schläft immer noch nicht durch? Meine haben alle nach spätestens sechs Monaten durchgeschlafen!“

Nach nur wenigen Monaten auf der Welt hat das ursprünglich perfekte Baby schon Verbesserungspotential.

Ab dem zweiten Lebensjahr, wenn es nicht mehr um rein körperliche Entwicklung geht, werden die Erwartungen an unsere Kinder komplexer. Sie sollen sich nun auch an ihr Umfeld anpassen.

Je nach dem, in welchem Umfeld unsere Kinder aufwachsen, werden unterschiedliche Erwartungen an sie gestellt. Ein Kita-Kind wird beispielsweise schneller lernen müssen, sich selbständig anzuziehen, weil es im Kita-Alltag nicht immer möglich ist, dass die Erzieherinnen alle Kinder an- und ausziehen, während ein Kind, das zu Hause von einem Elternteil betreut wird, in dieser Hinsicht vielleicht mehr „Service“ geboten bekommt, dafür aber andere Herausforderungen meistern muss.

Als Eltern übernehmen wir diese Anforderungen schnell auch als eigene Erwartungen. Manche, weil uns Erzieherinnen ansprechen, aber manches findet auch ungefragt Eingang in unsere Erwartungshaltung, weil wir sehen, was andere Kinder schon können, oder weil wir gelesen haben, was unsere Kinder angeblich schon können sollten.

Große Erwartungen an kleine Menschen zu stellen, erscheint mir nicht richtig. Wir stellen heute das Individuum ständig in den Mittelpunkt. Mehr als jemals zuvor haben wir die Möglichkeit, unser individuelles Glück zu finden- von den individuellen Einstellungen unseres Smartphones bis zur individuellen Verteilung unserer Arbeitszeit. Nur bei den Kleinsten, da vergessen wir manchmal, dass sie jenseits der Perzentilenkurven Individuen sind.

Dabei macht es überhaupt keinen Sinn, sich und die Kinder mit Erwartungsdruck zu belasten. Auch wenn das Nachbarskind schon stehend freihändig Fahrrad fahren kann, während das eigene Kind gerade erst das Robben entdeckt hat: Es hat bislang jedes (gesunde) Kind laufen gelernt.

Oder nehmen wir den Maxi: Der Maxi ist morgens schon immer eher zögerlich in die Kita gegangen, aber vor etwa einem Jahr hat sich die Situation zugespitzt.  Der Papa hat daraufhin gemeinsam mit dem Maxi ein Ritual geschaffen, nach dem sich die beiden jeden Morgen in der Kita noch ein paar Minuten auf eine Bank setzten. Erst wenn Maxi bereit war, sagte er: „Du kannst jetzt gehen, Papa.“ Dass er das Gefühl hatte, bestimmen zu können, wann er sich trennt, hat die Sache vereinfacht, aber trotzdem nicht immer ohne Tränen funktioniert. Wenn der Papa heute die Jungs in die Kita bringt, bringt er erst den Mini in seine Gruppe. Maxi läuft dann schon alleine  die Treppe hoch in seine Gruppe. Wenn der Papa hoch kommt, hat der Maxi seine Jacke ausgezogen und an die Garderobe gehängt, die Hausschuhe angezogen und ist schon ins Spiel versunken. Das hat fast neun Monate gedauert, aber jetzt ist alles gut.

Richtwerte sind ja okay. Es ist zum Beispiel schwierig, einem Vierjährigen Klavierspielen beizubringen, aber mit ungefähr 5-6 Jahren öffnet sich ein Zeitfenster, da geht es fast von alleine. Ähnlich ist das mit dem Lesen. Es ist hilfreich zu wissen, dass es für das Vierjährige Kind noch zu früh ist, aber man darf eben auch nicht (ver)zweifeln, wenn sich auch das Sechsjährige noch schwertut. Die Zeit ist vielleicht noch nicht reif, aber vielleicht ist es auch einfach kein Klavierspieler, sondern eher ein Fußballspieler.

Es gibt für alles einen richtigen Zeitpunkt und der liegt bei jedem Kind ein bisschen anders.

Als Eltern sollten wir sie begleiten, hier und da unterstützen und bestätigen, aber nicht drängeln. Sie erfüllen zwar nicht jede Norm, aber sie übertreffen doch jeden Tag unsere schönsten Erwartungen.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

18 Gedanken zu “Alles zu seiner Zeit

  1. Ach wie schoen, genau der richtige Post fuer die U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit an einem Tag an dem ich die Gleitzeit max ausnutze. Warum? Der Große hat am WE mit gut 3,5 entschieden, dass er keine Windel mehr braucht. Von sich aus, nachdem wir monatelang dem Draengen aus der Kita standgehalten haben, die Windel einfach so wegzulassen. („Der ist doch schon so alt“). Und da hat es heute morgen halt etwas laenger gedauert…

  2. Danke! Schön zu lesen. Ich wohne in Tirol und da sollte eigentlich jedes 3-jährige Kind Skifahren können (zum Thema, in welchem Umfeld). Unsere 3,5-jährige schaut aber lieber zu und schaufelt mit dem kleinen Bruder im Schnee. Völlig ok! Aber der Druck von außen kann leider ganz schön nervig und anstrengend sein…

  3. Kinder brauchen ihre Zeit und sollten nicht in eine Liste von „Anforderungen“ herunter gebrochen werden.

    Ich wurde mal gefragt warum mein Sohn „nur“ plappert und kein „vernünftiges“ Wort raus bringt. Er ist noch nicht mal 18 Monate alt… da freue ich mich riesig, wenn mal nen „Papppa“ oder „Mammma“ raus kommt 🙂

  4. Danke, haben eben die zusage von der kita erhalten. Nach der ersten Freude, kam auch schon die Panik, was er jetzt noch alles lernen muss bis dahin. Dort nimmt bestimmt niemand Rücksicht, wenn er dies und das noch nicht kann. Das war mein erster Gedanke. Nun, nachdem diesen Text gelesen habe, ist mir ein wenig leichter ums Herz. LG Anika

  5. Hi….ich arbeite in ner kita…und bei uns wird jedes kind so angenommen wie es ist..:-) und so sollte es meiner meinung nach in jeder kita oder kindergarten sein…

    1. Das ist in unserer Kita auch so! Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut die dort meine Kinder mit ihren Eigenheiten kennen. Trotzdem müssen sie sich ja ein bisschen in den Tagesablauf fügen und dazu Dinge lernen, die sie sonst noch gar nicht angefangen hätten. Ich finde allerdings auch, dass sie davon profitieren. Lg

  6. Hallo, schöner Text. Den sollten man großzügig an alle selbsternannen Experten verteilen 🙂 ich fage mich, ob man beim zweiten Kind gelassener reagiert, wenn Kommentare auf einen einprasseln. Wenn ich höre, dass mein Mini bald trocken werden muss, kratze ich mich am Kopf. Der ist doch erst 1,5 ! Ganz liebe Grüße, Bine

    1. Ich glaube auf die Entwicklung der Kinder ist man beim Zweiten schon entspannter. Dafür gibt es aber mit jedem Kind neue Herausforderungen, die man vom ersten Kind noch nicht kennt, und da ist die Gelassenheit schnell dahin…

  7. Danke für diesen Text! Das tut gut zu lesen, wenn gerade die Kita darauf besteht, dass der knapp Zweijährige sich selbst anziehen und bald trocken sein muss und die Vierjährige doch bitte groß genug ist, um morgens nicht mehr an Mama oder Papa zu hängen beim Verabschieden. Dieser Text hat mich wieder daran erinnert, was wirklich wichtig ist – und es sind nicht die Erwartungen anderer!

  8. Unser ‚ Fenster ‚ mit Lust auf Großbuchstaben ging mit 3 auf. Klar, bin ich stolz, wie toll er mit 4 schon liest. Sprache und Lesen liegt in der Familie – hätte ich das bremsen sollen um das ’schwache‘ Feld Grobmotorik zu ‚verbessern‘? Ich finde NEIN!

    So nervig, wie bei den U’s beim Kinderarzt nur auf die vermeintlichen Defizite geschaut wird. Ich will mich mit ihm freuen, mit ihm stolz wie Oskar sein und mich verzaubern lassen von allem, was er kann! Und ihm v. a. die Chance geben, seine Themen zu vertiefen, wenn er da gerade Lust drauf hat. Der Blick auf Defizite versperrt die Sicht auf offene Entwicklungsfenster in Bereichen, in denen ein Kind sowieso schon ‚durchschnittlich‘ bis ‚gut‘ ist.

    Ich freue mich über die Stärken.
    Den Blick auf die ‚Defizite‘ lasse ich anderen 😉

  9. Liebe Mia, ich muss jetzt mal kommentieren, wie toll ich Deinen Blog finde und Deine Texte!! Und wie sehr ich hier JAJAJA! rufen kann 😉
    Mein Großer wird in 10 Tagen drei Jahre und das Trockenwerden interessiert ihn überhaupt nicht. Null. Dafür lernt er halt drei Sprachen gleichzeitig…und kann die Zahlen lesen.
    Und ja, die Kita drängelt auch, bzw. ich spüre, dass die ungeduldig sind, dass er immer noch Bodys trägt, dass er Windeln hat..

    Meine Kleine (in 4 Tagen eins) ist dagegen superfit in der Motorik…lässt sich aber bisher nur von mir ins Bett bringen und brüllt, wenn der Papa ihr zu nah kommt wenn sie aufwacht 😉 und nicht ich es bin. Tja. Achja und sie schläft auch mit mir im Bett am liebsten. Ob wir ihr das abgewöhnen können? Ja vermutlich – früher oder später mit viel Kraftaufwand auf beiden Seiten… wollen wir das unbedingt? Nein….

    Bin gespannt, wenn Du wieder mal berichtest von Euren Entwicklungen und Alltag…
    Liebe Grüße in meine alte Heimat Rheinland,
    julia

    1. Liebe Julia, danke für Deinen lieben Kommentar! Ja, mit viel Kraftaufwand geht es vielleicht schneller- vielleicht aber auch nicht. Dann doch lieber locker bleiben und auf das Zeitfenster warten. Das kommt!! Viel Spaß dabei 🙂
      LG Mia

  10. Schöner Beitrag! Ich finde, man ist selbst ja nie ganz sicher davor, die Entwicklungsstadien zu vergleichen. Aber spätestens beim zweiten Kind merkt man dann selbst, was das für ein Blödsinn ist. Denn allein zwei Geschwister zu vergleichen öffnet einem die Augen, wie unterschiedlich Kinder sein können – und doch wie perfekt jeder auf seine Weise!

  11. Danke für den Beitrag. Erinnere mich noch an die Schulzeit. Dort musste mein Kind auch erst alles können, eine Schule hat sogar mein Kind abgelehnt…

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