Der Papst und die Prügelstrafe: Mehr als nur Worte eines alten Mannes

Wenn es nach dem Vatikan geht, sollten wir unserer Liebe besser nicht zu deutlich Ausdruck verleihen und einfach bloß so aus Leidenschaft miteinander ins Bett gehen.

Wenn es aber um unsere Kinder geht, da müssen wir uns nicht zurückhalten, da dürfen wir ganz impulsiv einfach mal zulangen.

Ich bin mir immer noch nicht sicher, was ich von diesem nun nicht mehr ganz neuen Papst halten soll. Es hat einen gewissen Charme, dass er immer wieder einfach das Erstbeste sagt, was er denkt. Da sind schon ganz wunderbare Statements bei herausgekommen, wie zum Beispiel, dass sich die Katholiken nicht vermehren müssten, wie die Karnickel. Auch seine Abrechnung mit den Kardinälen kurz vor Weihnachten war so ein Highlight.

Gestern schrie Deutschland allerdings auf, nachdem der Papst sinngemäß erklärt hatte, seine Kinder zu schlagen könne schon in Ordnung sein, solange es die Würde des Kindes nicht verletzte.

Es ist klar, man kann es drehen und wenden, wie man will: Wer sein Kind schlägt, verletzt dessen Würde immer.  So verwundert es kaum, dass der Papst für seine Äußerung ordentlich Kritik einsteckte.

In meiner gesamten Twitter Timeline, auf Facebook und in allen Medien hagelte es Kritik.

Ist das nicht schön? Ist es nicht wundervoll, dass wir in einem Land leben, in dem sich Menschen durch die Bank über den Papst aufregen, weil er diese alte „Och so ein kleiner Klaps schadet doch nicht“- Pädagogik wieder auspackt?

In Deutschland ist die Prügelstrafe zum Glück abgeschafft. Und Deutschland ist den Weg konsequent zu Ende gegangen und hat die körperliche Züchtigung auch als Straftatbestand im Strafgesetzbuch verankert. Im Grunde könnten wir uns nun alle zurücklehnen und den Papst einen guten Mann sein lassen. Wozu einen Blogpost verfassen, wenn die Antwort auf die Worte des Papstes für jeden auf der Hand liegen?

Weil Kinder leider immer noch geschlagen werden. Und in vielen Ländern ist es nicht einmal verboten.

Sogar in Europa ist die Prügelstrafe nicht flächendeckend abgeschafft. Und dort wo sie abgeschafft ist, wird zum Teil noch zwischen Prügelstrafe in der Schule und zu Hause unterschieden und nur die körperliche Züchtigung in der Schule unter Strafe gestellt.

Weltweit ist die Situation von Kindern noch viel katastrophaler. In den USA können Eltern ihre Kinder laut Gesetz schlagen; die Gewaltanwendung muss sich nur „in einem vernünftigen Rahmen“ halten. Papst Franziskus lässt grüßen. In 19 US-Staaten dürfen Lehrer ihre Schüler noch schlagen.

Sehr gerne mit den Kindern in den USA tauschen würden sicher die etwa 168 Millionen Kinder weltweit, die laut internationaler Arbeitsorganisation (IAO) mehrere Stunden täglich arbeiten müssen und somit als Kinderarbeiter gelten. Sie knüpfen Teppiche, ernten Kakao, nähen sich die Finger wund oder arbeiten sogar in Steinbrüchen. Ihre Eltern tun das auch, und vielleicht haben sie abends keine Energie mehr, um ihre Kinder zu schlagen, aber wenn sie es doch tun, wird sich jedenfalls kein Jugendamt, kein Nachbar und kein Politiker darum scheren.

Solange es Kinder auf dieser Welt gibt, die irgendeine Form von Gewalt einstecken müssen, müssen wir unsere Stimme erheben, wenn jemand wie der Papst Prügel verharmlost. Ja, der Papst ist ein alter Mann, er hat keine Kinder und er entstammt einer Generation, in der körperliche Züchtigung noch an der Tagesordnung war. Viele von uns schütteln deshalb nur verständnislos den Kopf. Aber anderswo auf der Welt (oder auch in Deutschland) sind seine Worte vielleicht auf fruchtbaren Boden gefallen und jemand schlägt gerade selbstzufrieden sein Kind- nur ein kleines bißchen, total „würdevoll“ und jetzt neu: Mit dem Segen des Papstes.

Die Worte des Papstes sind nicht nur die Meinung eines alten, kinderlosen Mannes. Es sind Worte, die überall auf der Welt gehört werden, weil sie aus dem Mund des Oberhauptes der katholischen Kirche kommen. Jeder, der so viel Einfluss hat, sollte seine Worte besser wählen.

Und jeder, der so eine Botschaft in die Welt hinaus sendet, verdient Prügel Kritik. Von jedem, der eine Stimme hat- und sei sie noch so leise.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

 

11 Gedanken zu “Der Papst und die Prügelstrafe: Mehr als nur Worte eines alten Mannes

  1. Richtig Mia! Ich habe auch mit dem Kopf geschüttelt und kann nur immer wieder auf meinen „Steine auf dem Küchenboard“ Blogartikel verweisen. Sollte der Papst auch mal lesen!

  2. Oh Mann, das ist echt mega traurig und ein absolutes Armutszeugnis – der neue Papst sollte doch eigentlich das verstaubte Image aufpolieren und nicht noch mehr Dreck werfen. Als ob sich die Kirche das leisten könnte… Aber wie du schon sagtest – es sind mehr Eltern, als man so denkt, die die Klapse noch vollziehen denn das sind ja keine richtigen Schläge…

    Liebe Grüße, Frida

  3. Ich gebe dir vollkommen recht und deine Worte sprechen mir absolut aus dem Herzen. Genauso aufgeregt habe ich mich über die Aussage mit den Karnickeln. Ich kenne eine ganz tolle Familie mit 8 Kindern. Der Papa ernährt die Familie, geht am Wochenende mit den Kindern angeln und in den Ferien auf Segeltour. Die Mama managt den Familienalltag, hat eine Engelsgeduld. Die Kinder sind wohlerzogen, sympathisch und überall gern gesehen. Der älteste hat letztes Jahr ein 1,0 Abitur gemacht und studiert jetzt Medizin und ich bin absolut überzeugt davon, dass die jüngeren Geschwister ihm in nichts nachstehen werden.
    Einem Paar, das sein Leben dem Großziehen von 8 Kindern zu verdienenden, absolut ehrenhaften Staatsbürgern und Rentenzahlern (auch wenn das jetzt schmalzig klingt) widmet, zu sagen, sie würden sich „vermehren wie die Karnickel“, finde ich absolut inakzeptabel – zumal von einem Mann, der für sich beansprucht, eine moralische Instanz zu sein. Da geht mir echt das Messer im Sack auf. Ich selbst bin (noch) kinderlos, aber wenn ich nicht ohnehin evangelisch wäre, wäre das der Moment, wo ich aus der kath. Kirche austrete.

  4. Ich finde, da merkt man, das er selbst noch aus einer ganz anderen Welt kommt. Da ist „würdevolles Schlagen“ (mir kommt´s hoch) dann wohl ein Fortschritt.
    Aber auch hierzulande denken immer noch viele Eltern und Nicht-Eltern ein Klaps würde nicht schaden und ohne werden alle Kinder zu Tyrannen, die niemanden respektieren. Das hat man in all den Kommentaren zu Jamie Olivers Chillischoten-Vorfall und auch jetzt wieder lesen können. Schlimm, dass der Papst diesen Leuten nun Recht gibt.
    Dabei fand ich so viel von ihm schon gut, wie etwa den Aufruf zum Stillen. Ich bin auch nicht katholisch, aber gerade in Ländern, in denen es gesellschaftlich akzeptierter ist als hier, dass Eltern ihre Kinder schlagen sind es sehr viele Menschen, denke ich.
    Es ist so traurig.

  5. Mir geht ja Religion im Allgemeinen völlig ab. Deswegen fällt es mir auch immer sehr schwer die Rechtfertigung von Gewalt und Unterdrückung im Namen der Religion zu verstehen. Erst habe ich gedacht, die katholische Kirche will sich selbst abschaffen, dann stellte ich auf einmal fest, dass es selbst in Deutschland immer noch – auch junge Menschen – gibt, die dem voll und ganz zu stimmen???!!!! What?!

    Aber wie würde man das selber finden, so einen kleinen Klaps? Da macht der Kollege nicht was man will, also gebe ich ihm eine Ohrfeige?! Mmmmh ich glaube nicht, dass er das gut findet und moralisch daran gewachsen ist, aber bei einem Kind soll das okay sein?

    Ich habe als Kind selber ab und an mal richtig den Arsch voll gekriegt und ja ich fand das in dem Moment schlimm… aber danach war wenigstens gut. Das hat mir rückblickend zwar weniger geschadet, als die psychische Strafen wie Liebesentzug, aber genützt hat es auch nicht und gutes hat es auch nicht bewirkt. Ich finde übrigens, dass über psychische Gewalt noch viel mehr gesprochen werden sollte, mindestens genauso viel wie über körperliche Gewalt…

    Gewalt ob physisch oder psychisch haben in der „Erziehung“ einfach nix zu suchen…denn die Würde des Menschen ist unantastbar. Und es nix anderes als Ohnmacht oder die Demonstration von Macht!

    So jetzt muss ich aber Schluss machen, sonst schreibe ich hier noch Romane, denn Gewalt gegen Kinder ist so ein in vielerlei Hinsicht riesiges Thema…

    Liebe Grüße
    Julia

  6. Ich weiß auch nicht, was er sich dabei gedacht hat… Bisher empfand ich das meiste, was er gesagt und getan hat, als sehr positiv. Aber das geht echt zu weit.
    Auf http://www.tagesschau.de findet man hierzu übrigens Folgendes:
    „Im Vatikan fühlt man sich missverstanden. Papstsprecher Federico Lombardi stellt klar: Papst Franziskus habe Eltern nicht dazu aufgefordert, ihre Kinder zu schlagen. Vielmehr habe er sie dazu ermuntert, „zu korrigieren ohne zu erniedrigen“, so Lombardi gegenüber Radio Vatikan.“ (Link: http://www.tagesschau.de/ausland/papst-schlagen-von-kindern-101.html).

    Hmmm… Aber: Schlagen wird vom Geschlagenen immer als erniedrigend empfunden, oder nicht?

  7. Sehr guter Post. Insbesondere die weltweite Situation bei den Kinderrechten muss man sich immer wieder vor Augen führen und darauf aufmerksam machen. Dass in einigen US-Staaten die Prügelstrafe in der Schule noch nicht abgeschafft ist, war mir noch gar nicht bekannt und ich kann nur hoffen, dass sie nicht wirklich mehr Verwendung in der Praxis findet. Zu der Aussage des Papstes kann ich nur schreiben, dass sie mich sehr überrascht hat und ich es zunächst gar nicht glauben konnte. In den letzten Monaten hat man so viel Positives über ihn in den Medien gesehen, wie er sich explizit für arme Kinder einsetzt, gegen das organisierte Verbrechen in Italien kämpft etc und dann sagt er so etwas Unvernünftiges. Für mich kann es auch kein würdevolles Schlagen geben. Ein Kind kann man auch erziehen, ohne physische oder psychische Gewalt anzuwenden.

  8. Ich habe in meiner Kindheit auch sehr oft den nackten Arsch versohlt bekommen, aber wie!!!
    Lebe noch….
    Wer möchte sich mit mir austauschen? Würde mich freuen!

    LG

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