Und wann muss man anfangen, die zu erziehen?

Meine Freundin Katja ist lange vor mir Mutter geworden. Ich erinnere mich an eine Situation vor ungefähr acht Jahren, da war ihre Tochter zweieinhalb:

Ich war zu Besuch in ihrem Reihenhaus in einer Neubausiedlung, ganz weit außerhalb der Stadt. Mir kam das damals sehr spießig vor. ICH würde selbstverständlich immer in einer coolen Stadtwohnung wohnen! Aber Katja ging ja auch nicht mehr aus und saß samstags abends auf dem Sofa, wo sie in einem der vielen Erziehungsratgebern blätterte, die bei ihr herumlagen, anstatt wie normale Frauen in der InStyle! Auch würde ich meinen Kindern niemals so viel Spielzeug kaufen, wie Katja das offensichtlich getan hatte, denn das Wohnzimmer sah aus wie ein Schlachtfeld. Ihre Tochter tobte um uns herum und wir konnten uns kaum unterhalten. „Das würde ich ja nicht einen Tag aushalten“, dachte ich damals.
Als die Tochter aus irgendeinem Grund einen Wutanfall bekam, sah mich meine Freundin an und meinte lachend: „Wann muss man eigentlich anfangen, die zu erziehen?“

Innerlich schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen! Die hat in zweieinhalb Jahren noch nicht mit dem Erziehen angefangen?! Man stelle sich meine Empörung vor!

Inzwischen habe ich in meinem Häuschen außerhalb der Innenstadt so manchen Abend auf dem Sofa verbracht, nachdem ich Berge von Spielzeug aufgeräumt habe und die Zeitschriften sämtlicher Verlage zum Thema „Erziehung“ gelesen. Sätze wie „Sie machen das ja nicht, um Dich zu ärgern“ sind so etwas wie ein Mantra für mich geworden. Wie viele Trotzanfälle, Wutausbrüche und Schabernack habe ich schon nachsichtig lächelnd an mir vorbeiziehen lassen?

Ich mag dieses Herumerziehen an Kindern nicht. Viele Erziehungsmaßnahmen von anderen Eltern, die ich miterlebt habe, riefen in mir ein gewisses Unbehagen hervor. Ein Kind vor die Tür zu setzen zum Beispiel oder in der Öffentlichkeit demonstrativ so genante Erziehungsmaßnahmen ergreifen, solche Dinge empfinde ich als demütigend.

Ich denke, dass meine Kinder die wichtigen Dinge schon von alleine lernen. Wenn ich unser zu Hause ordentlich halte, werden sie schon irgendwann lernen, aufzuräumen. Ich muss auch nicht genervt sagen: „Und wie sagt man???!!“, wenn der Maxi an der Wursttheke strahlend seine Scheibe Wurst entgegennimmt. Ich sage einfach selber laut und deutlich „Danke!“ und denke, das wird er schon eines Tages übernehmen. Ja, ich erziehe meine Kinder, indem ich ihnen meine Werte vorlebe.

Oder muss es heißen: Ich DACHTE, ich erziehe meine Kinder, indem ich ihnen meine Werte vorlebe?

Irgendwann kommen wohl die meisten Eltern an einen Punkt, an dem sie feststellen, dass ihr Kind durchaus ein paar mehr von diesen üblichen Regeln des Zusammenlebens drauf haben könnten. Die Sache mit dem Vorleben funktioniert auf jeden Fall drei, vier Jahre einwandfrei, aber wenn die ersten richtig derben Sprüche aus der Kita mit nach Hause kommen, was macht man dann?

Wann anfangen erziehen

Wann anfangen erziehen

„Führen durch Vorbild!“, sagt das Engelchen auf der linken Schulter und referiert: „Anfangs geht es nur um Beziehung, nicht um Erziehung!“

„Quatsch“, motzt das Teufelchen von der anderen Seite zurück. „Doch nicht mehr mit Vier! Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“

Ach war das schön, als ich den ganzen Tag mit Baby-Max auf der Krabbeldecke lag und wir ganz ohne Worte ein Herz und eine Seele waren. Inzwischen müssen auch mal echte Regeln und Verbote her. Die muss man zwar nicht mit Geschrei und Geschimpfe umsetzen (ich versuche es meistens über gemeinsame Verabredungen), aber immer nur nachsichtig lächeln funktioniert auf Dauer leider nicht.

Gestern war einer dieser Tage, an denen mir das Lächeln schwer fiel. Die Kinder waren außer Rand und Band. Unsere Heizung war kaputt und ich musste viele Telefonate führen, Menschen ins Haus lassen, mich mit dem Mann beraten, ob wir die Heizung nun gleich austauschen oder lieber reparieren lassen und wieder und wieder telefonieren. Die Jungs räumten inzwischen sämtliches Spielzeug aus und verteilten es gleichmäßig auf dem Fußboden. Sie stritten sich und irgendeiner schrie immer.

Vor meinem inneren Auge sah ich Katja, wie sie lachend fragt: „Ab wann muss man eigentlich anfangen, die zu erziehen?“

Damals hat mich die Frage empört. Heute würde ich die Schultern hochziehen. Ich würde sehr ratlos aussehen und sagen: „Ja Du, so genau kann ich das auch nicht sagen, aber ich glaube, Vier könnte vielleicht ein gutes Alter dafür sein!“

Mamablog Mama Mia

 

 

 

6 Kommentare

  1. Danke, der Post kommt gerade genau richtig für mich, stelle mir grad ähnliche Fragen. Meine Große geht ja auch auf die 4 zu und ich dachte bisher auch, ich erziehe vor allem durch Vorbild-sein. Bin auch immer noch der Meinung, dass das der richtige Weg ist, aber gerate da gerade zunehmend mit anderen Familienmitgliedern aneinander oder beobachte Erziehungsmethoden, bei denen mir eher unwohl wird.

    Finde es gerade auch etwas schwierig damit umzugehen, aber es ist doch irgendwie schön zu sehen, dass man damit nicht allein ist. 🙂

  2. Liebe Mia,
    ich finde Deine Einstellung ganz wunderbar und versuche auch in erster Linie ein Vorbild zu sein.

    Dennoch denke ich, dass meine Tochter auch lernen soll selbst „Danke“ zu sagen, z.B. an der Wursttheke (um mal bei diesem Beispiel zu bleiben). Wenn immer nur ich „danke“ sage, hält sie es nachher für selbstverständlich, dass ich das für sie übernehme. Deshalb habe ich es oft spielerisch gelöst, in dem ich z.B. zu ihr gesagt habe: „oh das ist aber nett von der Dame, wollen wir ihr dafür danke sagen? Darüber freut sie sich bestimmt“ – so in der Art. So habe ich meine Tochter nicht bloßgestellt und trotzdem darauf aufmerksam gemacht, dass es nett wäre „danke“ zu sagen.

    Und sieh´da: sie sagt schon sehr oft und viel selbstständig Danke, ohne dass man sie darauf hinweisen muss.

    Aber manchmal muss auch einfach entspannt bleiben und fünfe gerade sein lassen. In sofern ein dickes Dankeschön für diesen Artikel – sagt er doch genau dass aus, was uns Müttern wirklich hilft: entspannt bleiben und Vorbild sein!!

  3. Dass mein Sohn kein „Hallo“ oder „Tschüß“ antwortet, nervt mich schon ein bisschen! Ich versuche damit locker umzugehen, aber irgendwie klappt es mit dem Vorbild in dem Fall nicht. A ja, mein Sohn ist gerade vier geworden 🙂
    Viele Grüße aus München, Dominika

  4. Gartenwildwuchs

    Und wenn du dann in 10 Jahren mit einem Glas Wein auf deiner Couch sitzt und dich darauf freust am nächsten Tag einen tollen Wellnessabend mit deinen Freundinnen zu verbringen, während dein großes Kind im Zimmer schmollt weil es nicht schon bis 22:00 aufbleiben darf und auch nicht Bones im Abendprogramm erlaubt ist, dann schaust du auf diesen Bericht zurück und denkst, gut dass man nicht alles schon vorher weiß, zum Beispiel wie schwer man sich die Welt macht indem man erst spät anfängt zu erziehen. wenn mein 2 1/2 jähriges Sonntag morgens meint während des Frühstücks auf den Tisch klettern zu müssen verweise ich ihn auch gerne mal des Raumes…. Das heißt er sitzt mit seinen 2 1/2 tatsächlich vor der Tür ….und es funktioniert , natürlich nicht immer, aber doch in regelmäßigen Abständen. meine Erfahrung. Klare Grenzen. Die liebevoll aber Konsequent so früh wie möglich gesetzt werden wirken manchmal wahre Wunder. manchmal. Natürlich sieht es bei mir abends ganz genauso aus, Chaos pur… Das bleibt wohl für immer 😉 die Kleinste macht zu gerne nicht das was ich gern hätte, aber da muss man dann eben schauen was einem wirklich wichtig ist und da hilft manchmal auch kein liebevolles “ Nein mein Svhatz hau dem Jonathan doch bitte nicht mit der Schüppe auf den Kopf….“ Da ist es schon schön wenn Mütter Kindern auch mal in einem weniger netten Ton sagen wo es lang geht und wo nicht, ( oder eben konsequent das Kind aus der Situation nehmen oder was auch immer) aber nur vorleben ist doch teilweise äußerst schwierig 😉 gerade mit der Schüppe und dem Kopf 😉 wie sollen sie sonst in der Realität klar kommen , die eben nicht sagt „Bitte liebes Kind ich finde es nicht nett wenn du meine teure Tagescreme auf den Fußboden schmierst 😉 (hatten wir gerade gestern)..“aber zum Glück lernen wir ja an jedem Tag mit den Kindern ein kleines Stückchen dazu 😉 lG Steffi

  5. Eine sehr gute Frage, die ich mir auch gerade des öfteren Stelle!

    Habe eine 4 Jährige und eine 1 Jährige, die gerne mal austeilt und die ich schon mal zurechtweisen muss. Ich versuche teilweise Dinge vorzuleben, teilweise gibt es Ansagen von mir (Besteck statt Hände, sich entschuldigen, wenn man der Schwester weh tut, Danke sagen) und manchmal kapituliere ich. Das ist meistens beim Aufräumen am Abend der Fall: Da ist es für MICH oft einfacher, wenn wir die letzten Spielsachen liegen lassen und keine große Diskussion aufkommt. Das räume ich dann alleine auf wenn die Mädels schlafen. Riesiges Chaos muss die 4 Jährige allerdings schon mit wegräumen. Hat sie ja nun mal auch verursacht 🙂

    Wir leben schon seit 4 Jahren im Ausland und haben viele internationale Bekanntschaften. Und ich bin immer wieder darüber verwundert, wie perfekt schon die kleinsten Franzosen erzogen sind! Wenn ich französisch könnte würde ich mir aus Witz sicher mal eine französische Elternzeitung reinziehen. Irgendwas machen die definitiv sehr anders! 😉

    Liebe Grüße aus London,
    Uta

  6. Danke dafür, dass du die Ratlosigkeit in dieser Situation so schön beschrieben hast. 🙂
    Meine Meinung ist dann wohl eher mM: Du hast schon längst angefangen mit dem Erziehen. Auch ohne die ganzen Verbote, das Schimpfen etc findet Erziehung statt. Mein ältestes Kind ist schon ein wenig älter, als dein Maxi, ein paar Jahre Erziehungsarbeit habe ich also scho hinter mir. Es gibt meiner Meinung nach auch ein sehr angebrachtes Mittelding zwischen Bestraften, weil ich älter und größer und stärker bin und komplettem Freiraum. Immer dort, wo persönliche Grenzen verletzt werden, muss man darauf hinweisen und das ist in meinem Fall auch mal ein: „Mir ist das viel zu laut! Ihr hört augenblicklich auf oder verlasst den Raum!“ wenn meine Kinder meinen neben mir wilde Kämpfe austragen zu müssen. Aber generell aus dem Zimmer werfen, nur um damit zu demonstrieren, dass ich meine Zuneigung und Aufmerksamkeit auch nach Belieben entziehen kann, wenn mir das Verhalten nicht passt, das passt nicht in mein Weltbild. Denn das beruht darauf, dass meine Kinder vollwertige Menschen sind, die ich auch als solche behandele und meine Aufgabe darin besteht, ihnen die Fähigkeiten an die Hand zu geben, die sie brauchen, um in dieser Gesellschaft zurecht zu kommen.
    Die Situation an der Wursttheke lösen wir so: Bei allen meinen Kindern bedanke ich mich freundlich und gut hörbar, wenn sie etwas geschenkt bekommen. Ahmt das Kind das nicht von selbst nach, weise ich es dikret – so, dass der Schenkende es nicht gleich mitbekommt darauf hin mit „Wenn man etwas geschenkt bekommt, dann bedankt man sich. Das ist höflich.“ Bisher bin ich damit recht erfolgreich gewesen. Denn die Kinder wollen ja – bis zu einem gewissen Alter – höflich sein und sich regelkonform verhalten. Machen sie das dann aus Trotz, pubertärem Überlegenheitsgefühl o.a. nicht mehr, so bleibt dennoch das Wissen „was sich gehört“
    Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass Erwachsene das Verhalten des Kindes eher bestätigen, wenn sie nicht das Gefühl haben, dass man das Kind zu diesem Verhalten gerade gemaßregelt hat.
    beste Grüße aus dem Kinderchaos

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.