So weit das Auge reicht

Sie behauptet, ich hätte ihr nichts gesagt. „Du hättest mich doch wenigstens mal vorwarnen können!“, wimmerte sie und schaut mich aus mitleiderregend müden Augen an. Meine Freundin hat derzeit sehr bewegte Nächte und anders als noch vor ungefähr fünf Jahren ist dieses Mal kein Mann daran schuld, sondern ihre sieben Wochen alte Tochter.

Ich weiß, wie müde sie ist. Und dann ist da noch dieses Stilldemenz-Dings. Aber zu behaupten, ich hätte ihr nichts gesagt?! Ich meine, ich schreibe mir hier jeden Tag die Finger wund, um davon zu erzählen, wie das Leben mit Kindern ist!

Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, wie anstrengend ich mein Leben mit Kindern finde und wie sehr mir vor allem mein Schlaf fehlt. Mir hört nur keiner zu! Jedenfalls keiner, der selber noch keine Kinder hat. Wenn ich von einer durchwachten Nacht mit zwei kranken Kindern erzähle, dann nicken immer alle ganz mitleidig. „Oh ja, das kenne ich“, sagen sie und klopfen schnell auf Holz, damit ihre Kinder bloß nicht vor Abgabe dieser wichtigen Präsentation nächste Woche krank werden und bei der Vorstellung gruselt es sie ein kleines bißchen.

Diejenigen, die keine Kinder haben, die hören einem aber einfach nicht zu! Am Schlimmsten sind Leute mit Kinderwunsch. In die bekommt man ja keine Infos hinein. Echtes Hintergrundwissen, wertvolle Profitipps, schockierende Einblicke ins Real Life- an werdenden Eltern prallt das alles ab!
Kinderhaben

Ich weiß noch, wie sehr mich damals die Müdigkeit aus der Bahn warf, als der Maxi geboren wurde. Mein Schlafdefizit wurde von Nacht zu Nacht größer und ich dachte, mich tritt ein Pferd! Ich war schon auch ein kleines bisschen beleidigt, weil mich keiner vorgewarnt hatte, aber dann klingelte es bei mir: Irgendwo hatte ich doch mal etwas darüber gehört oder gelesen, dass die Nächte anfangs wohl sehr anstrengend sein sollen…

Es ist nur so: Schwangere oder Menschen mit Kinderwunsch wollen das gar nicht hören. So wie unsere Freunde, die am Wochenende plötzlich vor unserer Tür standen. Wir hatten gerade die Jungs gebadet. Der Mann versuchte dem Mini die Zähne zu putzen und ich redete mit Engelszungen auf den Maxi ein, er möge sich doch bitte bitte die Nägel von mir schneiden lassen. Es ist ein Wunder, dass wir die Klingel überhaupt gehört haben. Wir baten die Freunde ins Wohnzimmer. Dort herrschte das Chaos: die Reste vom Abendessen standen und klebten noch auf dem Esstisch und aufräumen lohnt sich ja sowieso erst, wenn die Kinder im Bett sind. Ich schämte mich (auch für mein Outfit) in Grund und Boden, da sagt sie strahlend: „ Oohh, ich freu mich schon darauf, wenn es bei uns auch so aussieht!“

Und ich so: Hä?! ICH würde mich freuen, wenn unser Wohnzimmer mal wieder so aussehen würde, wie es ursprünglich gedacht war! Aber das sagte ich in dem Moment nicht. Warum auch?

Wenn man sich Kinder wünscht, gilt mehr als sonst, dass man nur sieht, was man sehen möchte- und das ist auch gut so. Man hat eine Vorstellung von einem duftenden kleinen Wesen mit kleinen Händchen und kleinen Füßchen. In Gedanken sieht man sich mit seinem Partner Hand in Hand vor der Wiege stehen und lächelnd sein seelig schlafendes Baby betrachten. Das Leben wird weiter gehen wie immer, ist doch klar- nur dass eben immer so ein kleines süßes Wesen dabei sein wird.

Vieles will man gar nicht wissen und Manches kann man auch einfach nicht sehen. Wie soll man wissen, WIE müde man sein kann. wie könnte man erahnen, wie groß der Spagat zwischen Kind und Karriere manchmal sein kann, wenn man es nicht erlebt hat? Oder dass ein Baby ein Paar gar nicht zwangsläufig zusammenschweißt, sondern dass es ganz schnell sogar zum Gegenteil kommen kann. Man ahnt nicht, wie es ist, wenn man nie Feierabend hat, nie mehr alleine ist und auch nicht, wie schwer die Verantwortung wiegen kann.

Als der Besuch gegangen war, brachten wir die Kinder ins Bett, und als ich meine schlafenden Jungs betrachtete und mich der Anblick dieser kleinen süßen Mäuse in ihren Schlafanzügen wie jeden Abend vor lauter Liebe fast um den Verstand brachte, dachte ich:

Ja, träumt Ihr nur vom ganz großen Babyglück, meine lieben Freundinnen! Ich kann Euch ja viel erzählen, aber wirklich vorberietet werdet Ihr trotzdem nicht sein. Vermutlich wird Euch das neue Leben sowieso erstmal umhauen und deshalb kann ich genauso gut meinen Mund halten. Obwohl: Eines will ich doch gerne verraten: Egal wie schön Ihr es Euch ausmalt: Es wird noch viel, viel schöner werden! DAS könnt Ihr Euch wirklich nicht vorstellen. Das müsst Ihr erleben! Viel Spaß dabei!

Mamablog Mama Mia

 

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18 Gedanken zu “So weit das Auge reicht

  1. Du hast vollkommend Recht! Als ich schwanger war, ahebn mir viele gesagt: „Versuche jetzt so viel wie Möglich schlafen. Danach wird es nicht mehr möglich sein…“. Ich habe mir aber nichts daraus gemacht und habe gehofft, das mein Baby änders sein wird.
    Wie ich mich geiirt habe! Vielleicht ist das Ausblenden so ein Schutz, damit wir munter bleiben? 🙂
    Viele Grüße aus München,
    Dominika

  2. Da hast du ja mal wieder absolut recht, Mia! Es ist viel anstrengender und viel schöner als man es sich je hätte vorstellen können. Also bleiben wir tapfer – und genießen die schönen Seiten, ok?

  3. Der plötzliche Freiheits- und Freizeitentzug ist der wohl größte Schock beim ersten Kind. Ich hatte vor meiner Tochter mal einen richtigen Karriere Job mit 60 Stunden in der Woche usw. Wie sehr hab ich es gehasst. Heute schmunzle ich darüber nur müde. Denn selbst nach einem 14 Stunden Tag konnte ich wenigstens in der Badewanne ausspannen, Weißwein am Wannenrand, Lektüre in der Hand. Ich musste mich mit niemandem unterhalten, geschweige denn kochen oder aufräumen. Mutter sein – wenn man es ernst nimmt und sein allerbestes gibt – ist in der Tat der manchmal härteste Job der Welt. Ist so!

  4. Jaaaa!!!!! Gerade das Gefühl, lang Zeit nie mehr allein zu sein… verrückt, das keinen einen schon einmal überfordern. Sogar, wenn der Kleine mal nicht da ist (wie gerade, weil er mit dem Papi on tour ist)… dann fühle ich mich trotzdem nicht wie alleine – sondern kann gar nicht mehr aus dem Baby + Mami Modus abschalten. Das muss man erst live erleben – hätte ich mir vorher auch nie nie nie so vorgestellt!!! 🙂

    Toller Post wieder!
    Liebe Grüße
    Jana

  5. „In Gedanken sieht man sich mit seinem Partner Hand in Hand vor der Wiege stehen und lächelnd sein seelig schlafendes Baby betrachten.“
    Hihi… ja… genau SO ist die VORSTELLUNG.

    Ich habe mich nach der ersten Geburt verzweifelt gefragt, warum mir niemand gesagt hat, dass das so anstrengend ist, dass man Stillen erst LERNEN (!!!) muss, dass das Baby so viel schreit, dass ich zu nichts mehr kommen würde… Das sah lange Zeit so aus: Essen? oder Duschen? oder Schlafen? – eins geht. Ich geh schnell turboduschen… 😀

    Aber wir lieben sie trotz allem abgöttisch und bedingungslos. Und das ist auch gut so <3

  6. Davor blenden wir alles Schwierige aus und wenn sie ausgeflogen sind, vergessen wir es 😀
    Das kann nur ein genetisches Schutzprogramm sein!
    Wer würde sonst eine „Wiederholungstäterin“ sein, hihi

  7. Du hast vollkommen Recht. Man kann sich ohne Kinder gar nicht vorstellen, wie gravierend sich das Leben ändert und wie anstrengend es ist. Ich sehne mich schon langer nach einem dieser Schlafanzug-Pizza-Film-Sonntagen an den man sich nur fur die Toilette von der Couch bewegt. Was damals ganz normal war, ist heute mit Kind unmöglich. Ich bin froh wenn ich einmal fünf Minuten auf einer Couch verweilen darf, um einen Kaffee zu trinken. Aber auf der anderen Seite wusste ich auch mie wie sehr man einen kleinen Menschen lieben kann. Ich weiß gar nicht wie oft am Tag ich meinen Sohn sage das er süß ist, ich ihn abknutsche und umarme. Alte Gewohnheiten fehlen aber gegen mein Leben mit Kind würde ich sie niemals tauschen wollen.

    Alles Liebe Sina

  8. Nun, das darf man aber nicht über einen Kamm scheren. Meine Damen haben immer sehr gut geschlafen, waren selten richtig krank, Arbeiten mit Kind belastet mich weit weniger, als nicht zu Arbeiten mit Kind. Und bei uns lief auch vieles gerade so weiter wie gewohnt, Arbeit, Freizeitgestaltung (bis auf Kino), Besuche etc…
    Ich meine, Kinder haben ist für jeden anders. Ich war als Neo-Mutter total erstaunt, dass all diese Horrorgeschichten auf mich nicht zutrafen und dann hatte ich auf einmal ein anderes Problem: Einer Freundin mit vielen schlechten Nächten traute ich mich auf einmal gar nicht mehr zu berichten, was bei uns so läuft.
    Und es gibt auch Menschen mit unterschiedlichen Stressresistenzen. Manche flippen aus, wenn ein Baby schreit, manche können da ganz ruhig bleiben.
    Vielleicht sollte man werdenden Müttern einfach sagen: Vergiss alles was du hörst, dein Kind macht eh was es will und nach Schema F funktioniert eh nichts. Das hilft vielleicht am besten, um schnell als Familie zusammen zu finden. Welche Umstellungen sich auch immer ergeben werden.

    1. Rosalie, das ging mir genauso! Mein Sohn war (und ist) ein echter Dekosohn, wie meine Freundinnen so gerne sagen. Schlafmangel kenne ich nur aus sehr wenigen Nächten, wenn er gerade irgendeinen Schub macht. Und auch ich bin irgendwann dazu übergegangen, einfach die Klappe zu halten, ansonsten hätten meine geplagten Freundinnen glaube ich angefangen mich zu hassen 😉
      Dafür habe ich jetzt ein anderes Problem: wer so viel Glück beim ersten Kind hat, der wird beim Zweiten wahrscheinlich doppelt bestraft…?? Hab jedenfalls ziemlich Respekt vor Junior Nummer 2, ist aber auch noch nicht in konkreter Planung…

      1. Katrin, man kann auch beim zweiten Kind noch einmal genauso viel Glück haben 😉 Ich habe auf jedenfall 2 von der Sorte „generell pfegeleicht“ erwischt. Und trotzdem mit den Beiden immer am Limit…

      2. Ja also, Dame Nr. 2 war noch sehr viel pflegeleichter und ich durch die Erfahrung noch sehr viel entspannter. Nur die 2. SS, die war etwas anstrengender. Aber seither, sie hat noch besser geschlafen, Essen, Entwicklung, Krankheiten – alles geht noch viel schneller und einfacher, und es ist auch noch eine große Schwester zum bespaßen da.
        Darum bin ich eine der wenigen, die sehr bedenkenlos Glückwünsche erteilt, wenn sie von weiterem Nachwuchs erfährt. Darum: immer ran an den Speck!

        1. Das hört sich vielversprechend an, vielen Dank für’s Mutmachen!
          Dann kann ich ja jetzt ganz entspannt Junior 2 angehen ;-))

  9. Nur noch vier Wochen… Nein, nicht mal mehr ganz vier Wochen, bevor mein Kleiner endlich da ist.

    Ich glaube es ist so, dass wir Schwangeren sehr wohl wissen, dass ein Baby maximal Arbeit bei minimalem Schlaf bedeutet. Aber bloßes Wissen heißt nicht, darauf vorbereitet zu sein. Denn wie du schon sagst: Wer kann sich das schon vorstellen? Noch dazu, wo es bei jedem Kind anders ist.

    & überhaupt ist es doch viel schöner den Veränderungen entspannt & voller Vorfreude entgegen zusehen als sich endlos zu sorgen.

    LG,
    Anna Philippa

  10. Jaaa! Wieder mal so wahr…
    Wie konnte ich mich vor dem ersten Kind jemals in meinem Leben gestresst fühlen? Ich konnte doch immer schlafen, wann ich wollte, bzw. Schlaf nachholen. Und ich konnte IN RUHE AUFS KLO. Ohne, dass jemand zu mir rein will, ohne, dass jemand sich mit der Klobürste auf und davon macht, ohne, dass jemand die Klorolle abgewickelt hat, bevor ich auch nur „Pieps“ (oder Pipi… ähem) machen kann!
    Und ja, der Schlafentzug war (und ist manchmal noch) wirklich heftig. Das hat mich, glaube ich, am meisten aus der Bahn geworfen. Man kann schließlich alles wegstecken, wenn man erholt ist – und umgekehrt kann einen alles umwerfen, wenn man todmüde ist. Ich weiß noch, nach einer Nacht mit nur zwei Stunden Schlaf hatte ich wirklich körperliche Schmerzen.
    Und doch: es war und ist eine wunderschöne Zeit… Jedes Mal, wenn ich denke, ich kann nicht mehr, passiert etwas Wunderschönes – ein freudiges und zärtliches „Mama!“, ein unerwarteter, gemeinsamer Lachanfall, ein feuchter Schmatzer mitten ins Gesicht.
    Ja, und letzte Woche kam eine Bekannte mit ihrem vier Monate alten Mädchen zu uns in die Krabbelgruppe (wo die meisten Kinder derzeit so anderthalb Jahre sind)… Und da dachte ich doch tatsächlich – vielleicht bin ich ja doch bald wieder so weit..? Ich fange schon an, zu verdrängen. Und Schlaf wird ja bekanntlich überbewertet 😉

  11. Sehr schön geschrieben. Und was noch dazu kommt: nach ca. zwei Jahren, +/- 6 Monate, hat man komplett vergessen, wie anstrengend man die ersten Monate fand und fängt wieder komplett von vorne an mit verklärtem Entzücken beim Anblick kleiner Babys und den Träumen, wie herrlich doch so eine größere Familie wäre… Das hat die Natur fein eingerichtet, sonst bliebe es wohl nur bei Ein-Kind-Familien! In die Phase komme ich auch gerade.

  12. Ich habe gerade auch so einen Fall: Meine beste Freundin und Patentante der Kleinen, die sehr lange ihrer juristischen Karriere verfallen war, hatte irgendwann nen Kinderwunsch verspürt. Und obwohl sie, zwar manchmal etwas unnatürlich, aber sehr süß mit meinen Kindern ist, konnte ich sie mir irgendwie mit Neugeborenem nicht vorstellen.

    Und 4 Wochen nach der Geburt ihres Sohnes ist es ähnlich, wie du beschreibst: Sie empfindet sich – auch von mir -schlecht vorbereitet, bei allen anderen klappt alles nach der Geburt so viel besser und am liebsten würde sie manchmal einfach wieder zurück ins Büro gehen. Ich bin aber ganz sicher, dass sie in ihre Aufgabe auch noch reinwachsen wird, obwohl sie sicher nie eine der „Betuddel-Mütter“ sein wird 😉

    Liebe Grüße aus London,
    Uta

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