Wie ein zu großer Mantel

Ich habe getrödelt. Ich bin verträumt stehen geblieben, um stolz mein Baby zu betrachten und habe dabei verpasst, dass mein Baby zum nächsten Sprung angesetzt hat. Jetzt ist der Maxi vier und ich muss mich sehr beeilen, um wieder mit ihm aufzuschließen.

Ein vierjähriges Kind ist nämlich sehr groß. Ein vierjähriges Kind ist so groß, dass es sehr selbständig ist. Ein Vierjähriges Kind ist so selbständig, dass es im Grunde so gut wie erwachsen ist.

Was ist passiert? Am Wochenende war der Maxi auf einem Kindergeburtstag in einer Kletterhalle eingeladen. Ich drehte bereits die dritte Runde um die Kletterhalle auf der Suche nach einem Parkplatz, als der Vater des Geburtstagskindes vor der Halle erschien. Ich ließ das Fenster hinunter um ihn zu begrüßen und er meinte: „Ich kann den Maxi auch einfach mit raufnehmen, dann musst Du keinen Parkplatz suchen.“ Ich drehte mich zur Rückbank um: „Ja, Maxi? Möchtest Du mit M. alleine mitgehen?“ Maxi hatte sich bereits abgeschnallt. Er nickte fröhlich und hüpfte aus dem Auto. „Tschö, Mama!“ (Im Rheinland sachse ja Tschö!)

Und da lief er davon. Er drehte sich nicht nochmal um. Ich blieb verdattert zurück.  Es ist ja noch ganz neu für uns, dass der Maxi alleine auf Kindergeburtstage geht. Er geht sonst nur alleine in die Kita, oder mal alleine zu den Großeltern, aber das da, das war etwas Anderes. ICH hätte mein Kind doch wenigstens hineinbringen müssen. Ich hätte ihm die Mütze abnehmen und ihm viel Spaß wünschen müssen. Und seit wann gibt es eigentlich keinen Abschiedskuss mehr? Hä? Statt dessen hüpft er einfach so davon. Ein komisches Gefühl.

Ich nutzte die Zeit für einen kleinen Besuch beim Christkind und da wurde das Gefühl noch komischer. Nun war der Maxi auf einem Geburtstag, ich in der Stadt und der Mann mit dem Mini zu Hause. Die ganze Familie über die ganze Stadt verteilt. Normalerweise sind beide Kinder in der Kita oder beim Mann, wenn ich alleine unterwegs bin. In ein paar Jahren wird es immer so sein, dass die Kinder eigene Termine haben. Sie werden zum Sport gehen, oder zum Spielen zu Freunden. „Na und? Was hast Du denn gedacht?“, könnte man nun fragen und es ist auch gar nicht so, dass ich das ungewöhnlich oder unerwartet finde, es wurde mir nur einfach plötzlich so klar, als ich alleine im Auto saß. Ich freue mich sogar auf die Zeiten, in denen es für mich als Mutter auch mal wieder ein bißchen mehr Unabhängigkeit geben wird, aber in diesem Moment war es irgendwie sehr neu und fühlte sich eher wie ein zu großer Mantel an.

Ich holte einen kleinen Halbstarken vom Kindergeburtstag ab, der natürlich weder Lust hatte, mit mir nachHause zu kommen, noch besonders begeistert von meinem Versuch eines Begrüßungskusses war.

Als ich im Auto nach etwa zwei Minuten Fahrt einen Blick in den Rückspiegel warf, war mein kleiner Großer eingeschlafen. Zu Hause trug ich ihn schlafend ins Haus, legte ihn aufs Sofa und betrachtete sein kleines Gesicht. Ich küsste seine kleine Hand und da sagte er im Halbschlaf: „Mami.“

„So ein Glück“, dachte ich bei mir. Ein vierjähriges Kind ist doch eigentlich noch ganz klein.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

 

 

8 Gedanken zu “Wie ein zu großer Mantel

  1. Ja, sie wird kommen diese Zeit. Und lass Dir nichts erzählen von komasaufenden 14-jährigen Pickelgesichtern. Nein, es geht durchaus anders und er ist weich ist wunderbar. Komisch ist nur, wenn Du ihn dann mal zu Gesicht bekommst, und plötzlich auf Zehenspitzen stehen musst um ihm in die Augen zu schauen.
    Es kann Dir Tee kochen wenn Du krank bist und alleine mit dem Bus überall hin- und zurück kommen. Und – da er ja ein Er ist – wenn er mal krank ist, RICHTIG krank, also Schnupfen oder so, dann sei sicher, Du hast Dein Baby wieder 🙂

  2. Hach ja, wie Recht zu hast. Meine Große wird auch bald vier und ich staune genauso momentan jeden Tag wie wenig von dem Baby geblieben ist, das mich zur Mama gemacht hat. Und bin auch so froh über diese Momente, in denen sie sich an mich kuschelt und „Meine Lieblingsmami“ sagt (nicht, dass es da noch andere gäbe…:-)). Hoffentlich bleiben wenigstens die uns noch ein Weilchen erhalten…

    1. Ich habe im Moment vor allem dann solche Momente, wenn er krank ist. Dann leide ich zwar furchtbar mit ihm, so wie neulich nach der Diät, aber es war doch auch ein bißchen schön! LG Mia

  3. Meine Große ist auch 4 und ich habe das Gefühl,ich habe den Sprung zwischen Kleinkind und „Großkind“ verschlafen bzw. auch mit den Aufgaben ein Säugling zu betreuen und zu beobachten vertrödelt 🙁

    Sie drückt sich redegewandt aus, erste Schimpfworte aus dem Kindergarten werden lautstark verwendet und dann wiederum „Ich will immer bei dir sein“ oder „Meine Mama“. Ein schwanken zwischen „Ich will groß sein“ oder „Ich will ein Kleinkind wie mein Bruder sein“.

    Jetzt wo ich so darüber schreibe, denke ich mir, warum ich mir manchmal so schwer tue, dem „Ich will nochmal klein sein“ nachzugeben und zu erwarten, dass sie sich z.B. alleine anziehen soll, weil sie es doch kann und oft auch macht und es auch oft selbst machen will.

    Dieses Schwanken ist doch eigentlich ganz normal – mal aus der Ferne betrachtet – und ich versuche jetzt, diese Augenblicke des „Mama-soll-helfen“ zu genießen anstatt zu „verdammen“. Denn wie lange werde ich diese Nähe noch haben, bevor sie in die nächste Selbständigkeitsphase geht?

    LG
    Petra

    1. Danke für diesen schönen Kommentar! Ich mache das übrigens auch so. Der Maxi soll genau so versorgt werden, wie sein kleiner Bruder- wenn er das will. Manchmal setzt er sich lieber bewußt ab und zieht den Trumpf, dass er ja schon der Große ist und alles allein kann, aber manchmal will er eben angezogen werden, die Treppe hoch getragen werden…und dann mache ich das, weil ich glaube, dass das wichtig für ihn ist. Und ich mache das sogar mit Vergnügen- schließlich weiß man nie, wie lange es noch dauert…
      LG Mia

  4. Das kenn ich auch! Meine Buben sind im August vier geworden, und manchmal geht es mir fast zu schnell. Plötzlich gehen sie mit Kindergartenfreunden nach Hause, haben ihre eigene (ausgeprägt fäkale) Sprache und ihre eigenen Witzchen, und vor allem auch ganz eigene Vorstellungen davon, wie das Leben sein soll.
    Manchmal kann ich mich zurücklehnen und zuhören, wie die beiden miteinander spielen, dann wieder verwandeln sie sich in Babys ohne jegliche Impulskontrolle.
    Manchmal erzählen sie mir Geschichten die mich mit ihren Details und ihrer Einfühlsamkeit überraschen, und im nächsten Augenblick kann eine kleine Enttäuschung zum Zusammenbruch führen – weil ihnen die Sprache fehlt gerade dieses Gefühl auszudrücken.
    Wir schwanken zwischen „Lortemama“ (wunderbares dänisch-deutsch für Scheißmama) und „Mama, du bist lieb“, manchmal minutenweise wechselnd, zwischen selber anziehen wollen und heulen, weil man doch Hilfe braucht und nicht jetzt.sofort.bekommt.
    Ich versuch dann auch einfach mitzuschwimmen, zu akzeptieren und anzuerkennen, dass es ein schwieriger Tanz ist, den wir da miteinander tanzen. Aber es ist so schön zuzuschauen, wie sie wachsen und immer mehr zu den Kindern werden, die sie sind.
    Alles Liebe,
    Elisabeth

  5. Liebe Mia. Wie immer ein wunderschöner Beitrag! Selbst meine Kleine (2,5 Jahre) kommt mir manchmal bereits so erwachsen vor, in anderen Situationen aber dann doch wieder ganz babyhaft. Solange es noch die Situationen gibt, in denen sie uns brauchen, sind die anderen, in denen wir „nutzlos“ daneben stehen, noch erträglich 😉
    Lieben Gruß, Wiebke

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