Eigentlich sind die ganz anders

Als Mutter entwickelt man ja ein beachtliches Reaktionsvermögen. Ich zum Beispiel kann innerhalb Bruchteilen von Sekunden das Ausmaß des Schadens einschätzen, das meine Kinder verursacht haben.

Ich habe dafür im Kopf drei Kategorien angelegt:

1. Wir müssen uns entschuldigen.

2. Wir müssen uns entschuldigen und sofort anbieten, das Spielzeug zu ersetzen.

3. Wir müssen uns entschuldigen, das Spielzeug ersetzen und ein Wiedergutmachtungsgeschenk dazu packen.

„Das wird alles nicht reichen“, denke ich und telefoniere gedanklich schon mit unserem Versicherungsmenschen, als ich mir das Ausmaß der letzten Nachmittagsgestaltung meiner Söhne ansehe.

Der Mini hat noch Fetzen von den Papp-Miniaturen aus dem Kaufladen im Mund und der Maxi fährt im Hintergrund einen Puppenwagen mit nur noch drei Rädern durchs Zimmer. Ich hab´s geahnt!

Wir waren bei diesem super-süßen Mädchen eingeladen, mit dem wunderschön eingerichteten Kinderzimmer und ausgerechnet an so einem Tag benehmen sich meine Jungs wie Wildsäue.

Wir verabschieden uns und ich entschuldige mich auf Knien viele hundert Male bei der Gastgeberin. Auf Knien natürlich nur deshalb, weil ich dem Mini noch die Schuhe anziehen musste.

„Oorrr, warum musste das jetzt passieren? Warum mussten die ausgerechnet heute so wild und zerstörungswütig sein“, frage ich mich etwas verärgert auf der Rückfahrt im Auto. Die Jungs sitzen auf der Rückbank und sehen aus wie kleine Engel. Das sind sie auch. Eigentlich.

Eigentlich sind die nämlich ganz anders. Wirklich! Das sah zwar heute vielleicht nicht danach aus, aber die können beide ganz toll spielen und…

Plötzlich fallen mir mindestens drei andere Mütter ein, die das von ihren Kindern auch immer behaupten. Deren Kinder sind aber wirklich untragbar, deren Mütter sagen nur immer, die wären so lieb. Und da trifft mich die Erkenntnis:

Oh! Mein! Gott! Was ist, wenn man das auch auf mich zutrifft? Bin ich die Einzige, die denkt, ich habe phantastische Kinder und alle anderen denken: „Also die Kinder von der Mia, die sind ja sowas von schrecklich, aber die erzählt immer, die wären so lieb. Von wegen! Mir kommen die nicht mehr ins Haus!“?

Friedlich im Spiel vereint.

Friedlich im Spiel vereint.

Wie sind meine Kinder denn nun „eigentlich“? Und warum hört man so oft von Eltern: „Eigentlich macht der sowas sonst nicht“, „Normalerweise kann sie das ganz toll“, „Ich weiß auch nicht, was heute los ist“?

Natürlich hüpft und tanzt und jubelt mein Mutterherz, wenn meine Kinder besonders schön miteinander spielen und sich so benehmen, wie wir es gerne als „brav“ bezeichnen und es gehört zu den Sternstunden des Mutterdaseins, wenn andere das dann auch noch lobend anerkennen. Und das ist häufig dann der Fall, wenn sie sich wie kleine Erwachsene benehmen. Nachvollziehbar also, dass ich meine Kinder in der Öffentlichkeit am liebsten „brav“ sehe und mich bemüßigt fühle „Eigentlich sind die ganz anders“ zu rufen, wenn das mal (wieder) nicht der Fall ist.

Mit dieser Aussage will ich meine Kinder eigentlich in Schutz nehmen und sie ins bestmögliche Licht rücken, aber im Grunde ist das ganz schön unglücklich. Denn hinter der Aussage, dass die Kinder ganz anders seien, steckt ja letztlich die Grundannahme, dass sie so, wie sie sich jetzt geben, nicht okay sind.  Meine Kinder sind aber immer toll, jedenfalls für mich und das sollen sie auch wissen. Zum Glück habe ich den „Eigentlich sind sie ganz anders“Spruch nicht gebracht, denke ich und betrachte meine Jungs durch den Rückspiegel. Tolle Kinder.

Sie sind süß, lustig, kreativ, laut, wild…alles, was Kinder eben so sind. Manchmal passt die Ausprägung Ihres Selbst, die sie gerade ausleben, nicht so gut ins Ambiente, aber dafür sind wir ja versichert…

Heute waren sie eben mal sehr wild und das ist völlig in Ordnung. Teuer, aber in Ordnung!  Wir haben uns ja entschuldigt und den Schaden ersetzen wir auch.

Trotzdem war es ein anstrengender Tag, jedenfalls für mich. Wenn die Kinder im Bett sind, brauche erstmal einen Schnaps.

Aber eigentlich trinke ich ja keinen Alkohol…

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13 Kommentare

  1. Also ICH kenne Dich und Deine Kinder ja und ich weiß, dass sie eigentlich ja ganz lieb sind… das sind meine auch… eigentlich. Aber nun mal auch sehr lebhaft… manch einem vielleicht zu lebhaft und zu laut… aber so sind sie nunmal eben 🙂

    Ihr müsst unbedingt bald mal zum Spielen vorbei kommen.

    Ganz liebe Grüße
    Katharina

    • DAS würdest Du Dir wirklich antun? 😉 Liebend gern! Ich schau heute Abend direkt mal, wann es passen könnte :-*

      • Und jetzt ärgere ich mich gerade, dass Ihr so weit weg wohnt. Denn meine beiden Kleinen zwischen Deinen Jungs, dem Sonnenschein und dem Löwenkind würden alles toppen! Dann müsstet Ihr umziehen 😉

        Liebe Grüße, Tanja

  2. Ich finde, du hast vollkommen Recht. Kinder sind eben Kinder und spielen auch mal etwas wilder. Die Zeit, in der sie sich wie Erwachsene benehmen müssen, kommt noch früh genug. Jede Mutter weiß doch, dass es bei Spielbesuchen chaotisch zugehen kann. Damit muss man leben lernen und die Versicherungen auf ihre Aktualität überprüfen 😉
    Viele Grüße Bianca

  3. Meine Tochter Lili hat so einen kleinen wilden Freund … Wenn der zu Besuch ist geht meistens irgendwas zu Bruch ! Manchmal hat mich das richtig geärgert und ich dachte schon es steckt böser Wille dahinter. Lag da aber falsch, denn wenn die beiden zusammen spielen ist es halt wild und unordentlich danach. Anders als wenn Lili sich mit der lieben ruhigen Freundin trifft. Aber Lili schätzt diese Freindschaft sehr und ich mittlerweile auch !!! Vielleicht ist es halt doch ein bißchen dieses Geschlechterding ..??!! Lili ist aber auch nicht immer ein Vorzeigepüppchen und in meinen Augen muss sie das auch nicht. Es gab zwar schon so manche peinliche Situation, die ich lieber ausgelassen hätte. Und doch beneide ich unsere Kinder !! Sollen Sie doch wild sein, wäre ich nämlich auch mal gern !! Und zwar soooo richtig !!!!!

  4. hahaha zu gut <3 täglich erlebe ich im Kindergarten in dem ich arbeite diese Situationen und es sind doch alle ganz tolle Kinder jedes einzelne auf seine Art

  5. Jawohl!!!! Danke!!! Kinder sind eben Kinder und keine kleinen Erwachsenen! Ich habe aufgehört mich dauernd für meinen Zwerg zu entschuldigen, wenn er sich benimmt wie ein Kind. Wenn jemand meckert, sage ich: er ist noch ein Kind! oder: er ist erst 2! Ich lasse ihn, wann immer möglich, im Wald spielen. Da meckert keiner, nur die Tiere verstecken sich, wenn er mal wieder besonder laut jubelt, weil es im Wald so schön ist 🙂
    Danke für deinen Blog!

  6. Ich frage mich immer, wessen Kinder das sind, die nie etwas Unordnung schffen, nie toben und bei denen alles heil bleibt. Bei uns geht selten etwas in die Brüche, aber unser Mini ist auch ein wilder und ich finde ihn, so wie er ist, einfach wunderbar! 🙂

    LG Mel

  7. Du hast vollkommen recht. Kinder sind nun mal Kinder und man kann nicht von ihnen verlangen, dass sie sich immer benehmen. Vor allem , was viele vergessen, Kinder können noch gar nicht so gut zwischen richtig und falsch entscheiden wie Erwachsene!

  8. Toll, wenn Kinder Kinder sein dürfen!
    Mein ältester ist jetzt 21 Monate und es zeichnet sich schon länger ab, dass er mal ein ganz Wilder wird (äh, bereits ist).
    Zu solchen Situationen wie du beschreibst, kam ich aufgrund seines Alters noch nicht. Aber ich versuche immer, mich auf seine Ebene zu begeben und das Kind und seinen aktuellen Entwicklungsstand zu sehen. Und wenn er denn mal „anstrengend“ ist, sage ich immer zu meinen Mitmenschen: das gehört dazu. So waren wir alle mal/das haben wir alle mal gemacht.
    Mit der Betitelung „wie kleine Erwachsene“ triffst du es echt gut. Und wenn man sich diese Bezeichnung mal auf der Zunge zergehen lässt, merkt Wohl auch hoffentlich so manch steifer Mensch, wie verkehrt das ist.
    Kinder werden schon immer viel zu sehr eingeschränkt in ihrem Tun und Dasein.
    Ich lasse meinen Sohn weitestgehend gewähren und finde, viel mehr Menschen sollten sich da viel mehr ins Kind einfühlen!
    Sei frech und wild und wunderbar – und ja, diese drei Eigenschaften passen prima zusammen 🙂

  9. …“Sie sind süß, lustig, kreativ, laut, wild…alles, was Kinder eben so sind. Manchmal passt die Ausprägung Ihres Selbst, die sie gerade ausleben, nicht so gut ins Ambiente, aber dafür sind wir ja versichert…“
    Herrlich ehrlich ausgedrückt! Das trifft auf meine liebenswerten rabatzlauten Mäusemänner auch zu!

  10. „Wart’s mal ab.“ Auch mein Lieblingsspruch in und nach beiden Schwangerschaften. Noch kein Wasser eingelagert? Warts mal ab. Das sind noch gar keine richtigen Wehen. Warts mal ab. Dein Baby weint kaum? Warts mal ab. Wie, du fühlst dich gut und entspannt? Wart mal ab bis sie krabbeln kann. Die Große freut sich auf das Baby? Warts mal ab. Noch keine Geschwistereifersucht? Warts mal ab!

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