Kontrolle ist besser?

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Sagt man so. Und ich bin mir ganz sicher, dass das ein sehr guter Rat ist, wenn es um die Reißleine beim Fallschirmspringen geht oder um den Füllstand des Jeep-Tanks vor einer Safari. Für Kinder darf das nicht gelten.

In der letzten Woche ist mir gleich zwei Mal folgende neue Erfindung begegnet:

Ein Gerät lokalisiert das Kind immer, überall punktgenau. Mittels GPS können die Eltern ihr Kind auf Schritt und Tritt verfolgen. Und noch mehr: Man kann auf dem Gebiet programmieren, in welchem Radius das Kind sich bewegt, oder Gebiete festlegen (z.B. den Wald), in die sich das Kind nicht begeben darf. Bei Überschreiten dieser programmierten Grenzen erhalten die Eltern sofort eine SMS mit exakter Positionsangabe. Wem das alles noch nicht genug ist, der kann auch noch die Funktion freischalten, mit der jederzeit Sprachkontakt zum Kind aufgenommen werden kann.

Es gruselt mich!

Jeden Abend stehe ich an den Betten meiner Söhne und jeden Abend überfällt mich dann die pure Liebe. An manchen Abenden bekommt das Glücksgefühl einen kleinen Stich versetzt und ich denke: „Denen darf nie etwas passieren!“ Damit ich schlafen kann, wische ich den Gedanken schnell beiseite, aber die Sorge um meine Kinder und die Angst, ihnen könnte etwas zustoßen läuft immer mit. Mal lauter, mal leiser. Ich würde sie so gerne ganz dick in Watte packen, mit einer zusätzlichen Schicht Noppenfolie und sie anschließend mit einem Karabinerhaken an mir festmachen, das habe ich schon oft laut ausgesprochen. Dass mich dabei jemand gehört haben muss und meinen Wunsch in ein Gerät umsetzt, das habe ich nicht gewollt.

Meine Auffassung von meiner Aufgabe als Mutter ist die, dass ich meine Kinder eines Tags voller Selbstvertrauen in die Welt hinausschicken kann.

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Solange sie klein sind und meine Nähe brauchen, halte ich sie fest. Ich springe bei jedem Mucks, erfülle jedes Bedürfnis sofort, lasse sie nicht schreien. Ich lasse sie Urvertrauen tanken ohne Ende.

Wenn sie größer werden, lasse ich zu, dass sie sich von mir loslösen. Ich bin weiter für sie da und werde das immer sein, aber ich lasse ihnen den Freiraum, den sie brauchen. Ich gehe mit ihnen den ganzen Weg, von der Bindung, über die Loslösung und Selbstentfaltung bis zur Sozialisation und von da durch ihr ganzes Leben. Ich begleite sie. Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen. Das ist meine Aufgabe.

Wie sollen meine Kinder aber Selbstvertrauen entwickeln, wenn sie nicht erleben dürfen, dass ihre Eltern ihnen vertrauen?  Wie können sie sich zu verantwortungsvollen Menschen entwickeln, wenn sie nicht auch mal Grenzen überschreiten können?

Wie sollen sie erfahren, was Selbständigkeit bedeutet, wenn sie wissen, dass sie ständig auf dem Radar ihrer Eltern sichtbar sind? In der letzten Ausgabe der Nido habe ich gelesen, dass  50 Prozent der Kinder im Jahr 2012 alleine zu Fuß in die Schule gingen. Im Jahre 1970 waren es noch 91 Prozent.

Ich will meine Kinder beschützen, so gut es geht, aber ich weiß, dass ich auch loslassen muss.

Loslassen ist zum Glück kein Ereignis, das auf einen bestimmten Tag fällt, an dem man es einfach tun muss. Loslassen passiert langsam, Stück für Stück. Noch kann ich mir nicht vorstellen, meine Kinder eines Tages alleine zu Fuß in die Schule gehen zu lassen und vielleicht werde ich es auch nicht vor der 10. Klasse schaffen, diese kostbaren Wesen alleine zum Bäcker gehen zu lassen, aber ich arbeite daran.

Ein Gerät, in das ich ihre Grenzen einprogrammiere kommt mir jedenfalls nicht ins Haus. DA ist MEINE Grenze erreicht.

Vertrauen ist gut! Kontrolle ist besser.


Unterschrift_blog

 

 

P.S. Wie seht Ihr das eigentlich? Würdet Ihr so ein Gerät kaufen? Habt Ihr eines zu Hause?

13 Gedanken zu “Kontrolle ist besser?

  1. Nein. Niemals nie würde mir so ein Gerät ins Haus kommen. Das ist wirklich gruselig. Aber wir wohnen eben auch auf dem Land. Hier kennt wirklich jeder jeden. Die Einwohnerzahl unseres Dorfes ist nicht mal annähernd vierstellig. Hier wird man schief angeguckt, wenn man seine Kinder zur Schule bringt. Selbst im letzten Kindergartenjahr gehen hier die Kinder alleine. Da besteht der Kindergarten drauf.
    Ich denke mir auch, dass es manchmal einfach besser ist, wenn wir Eltern nicht wissen, was unsere Kinder so anstellen, wo sie sich rum treiben. Wenn ich da an meine Kindheit denke, bin ich da auch sehr froh, dass meine Eltern nicht alles wussten 😉

    1. Ja, geht mir genau so. Ich bin auch auf dem Land aufgewachsen, da ist es natürlich auch noch etwas anders. Es gehört aber irgendwie zu einer ordentlichen Kindheit dazu, dass die Eltern nicht alles wissen, finde ich!

  2. Das war nur eine Frage der Zeit bis so ein GPS Sender für Kinder kommt. Da haben sich schon etliche vorher drüber lustig gemacht, man könnte ja…..

    NO WAY! Irgendwann ist es genug!
    B.

  3. Bei uns ist durch die Einschulung des Großkindes gerade eine extreme Phase der Abnabelung und ja ich gebe zu, es fällt manchmal verdammt schwer, ihn so ziehen zu lassen. Trotzdem bin ich stolz auf ihn, (und auch auf uns!) dass er so selbstbewusst seinen Wunsch nach Unabhängigkeit einfordert.
    Wir haben kein GPS-Alarmgerät. Und werden es auch nicht anschaffen.

    Ich finde es heftig, dass es sowas gibt und es Menschen gibt, die ihre Kinder damit kontrollieren. Wenn meine Eltern gewusst hätten, wo ich manchmal war.. *hust*

    Das Einzige, worüber wir tatsächlich nachdenken fürs Großkind, ist die Anschaffung eines ganz einfachen Handys – nicht zur Kontrolle, sondern für ihn, dass er eben notfalls (er fährt ja Bus) Signal geben kann. Aufgrund des weitverbreiteten Handywahns gibts nämlich bei uns keine Telefonzellen mehr.

    1. Ja, ein Handy ist die weitaus bessere Lösung, finde ich auch! Und ja, meine Eltern hätten jetzt noch schlaflose Nächte, wenn sie wüsten, wo ich mich damals überall rumgetrieben habe. Allerdings muss ich sagen, dass ich es sogar selber rückblickend total gefährlich finde, wie wir als Kinder manchmal den ganzen Tag durch die Gegend gestreunert sind…
      LG Mia

  4. So ein Gerät käme bei mir nie ins Haus! Aber beim alleine zu Fuß zur Schule gehen fängt es schon an. Von der Strecke und Verkehrssituation kein Problem – wenn nicht die letzten 100 m rund um die Schule wären, in denen soweit ich das bisher beobachten konnte Anarchie herrscht und die Eltern ohne Rücksicht auf Verluste um die Parkplätze vor dem Schulhof kämpfen. Aber bis wir uns entscheiden müssen, wie wir damit umgehen, sind es ja noch ein paar Jahre…

  5. Ich hab selber grad so einen furchtbaren Moment erlebt, als meine 5-Jährige nicht mehr auffindbar war. Aber ein GPS?!?!?! Never ever, da wird man ja total hysterisch. Es ist, wie Du sagst: Wir geleiten unsere Kinder vom Urvertrauen ins Selbstvertrauen. Ich will nicht, dass meine Kinder mit 30 noch bei mir wohnen! 🙂

  6. Hallo Mia,

    ja, die mütterliche Angst ist manchmal groß, aber ich finde, es ist unsere Aufgabe, sie auch regelmäßig in die Schranken zu weisen. Zum Glück gelingt mir das oft.
    Und ja: Wenn ich darüber nachdenke, was ich alles so getrieben habe als Kind und Jugendliche, habe ich das Ding schon quasi im Warenkorb! Trotzdem entscheide ich mich für das Vertrauen und mein Bauchgefühl. Gut, wenn man durch so tolle Artikel immer wieder daran erinnert wird. Danke.
    Liebe Grüße
    Julia

  7. Du sprichst mir aus der Seele. Ich finde auch toll, dass die Kommentatoren hier alle dieser Technik negativ gegenüber stehen, aber ich kenne wirklich Eltern, die das gutheißen. EIn Vater erzählte mir neulich, er würde gerne einen Chip in den Schulranzen setzen, und der würde dann ein Signal geben, wenn das Kind die Eingangstür der Schule passiert. Ich entgegnete ihm,um etwaige Unwägbarkeiten auszuschliessen (wie z.B. Kind lässt Schulranzen auf Schulhof stehen – soll ja vorkommen) müsste er den Chip schon subkutan einsetzen. Meine Ironie hat er, glaube ich, nicht mal verstanden. Ja, es ist schrecklich, wie wenig man heutzutage Kinder loslassen will. Hier gab es neulich dazu auch einen interessanten Artikel: http://www.spiegel.de/schulspiegel/helikopter-eltern-wuelfrath-plant-kiss-ride-parkplaetze-vor-schulen-a-988877.html

  8. Ich habe ja auch schon ein paarmal auf meinem Blog über solche Sender geschrieben. Und ich bin da haargenau der gleichen Meinung wie du. Auch wenn es Überwindung kostet … aber das gehört auch ein stückweit zur Abnabelung dazu. Es beginnt heutzutage schon mit den Senderbändchen auf der Wöchnerinnen-Station, geht weiter mit dem Babyphon mit Sensormatten, bis hin zu den GPS-Sendern. Ja sogar Stirnbänder gibt es inzwischen, die die Kinder beim Schwimmen anlegen sollen, damit die Eltern im Falle von zu langem Abtauchen alarmiert werden.
    Man muss sich auch mal überlegen, was man seinem Kind damit signalisiert.
    LG, Tina

  9. eine Frage der Zeit, bis sowas auch für diese Zielgruppe genutzt wird. Es wird auf die Angst der Eltern gebaut, die zuzunehmen scheint. Es gibt mittlerweile auch Windeln, die einem eine Nachricht aufs Handy schicken, wenn die gewechselt werden muss.
    Wir sollten Loslassen üben, auch wenn es schwerfällt.

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