Tempus fugit und was sonst noch von der Schule übrig blieb

Zugesagt hatte ich sofort. Auch die 22 Euro fürs Essen waren längst überwiesen, aber als es so weit war, hätte ich beinahe gekniffen.

Was soll schließlich so ein Ehemaligentreffen? Mein Abitur ist 16 Jahre her. Heute sind das alles nur noch Fremde für mich.

Auf manche war ich neugierig, aber ich stellte mir auch vor, wie sie vielleicht neugierig auf mich wären. Und wie sie sich freuen würden, wenn sie sehen, dass ich,  runder geworden bin.  Schaffe ich noch eine Blitzdiät? Nee? Dann gehe ich lieber nicht hin! Na, vielleicht doch, aber dann muss ich vorher unbedingt den grauen Ansatz nachfärben. Und was in aller Welt ziehe ich an? Vor meinem Kleiderschrank stehend sah ich mich heute und ich sah mich vor 16 Jahren und das einzige Kleid, das ich mir gerne übergezogen hätte, war mein Ich von damals.

Ich- damals und heute.
Ich- damals und heute.

Als ich den Raum betrat, sah ich auf den ersten Blick viele graue Haare und zusätzliche Kilos. Da erst wurde mir klar, das die Zeit ja nicht nur vor mir nicht Halt gemacht hatte, sondern dass auch für alle anderen 16 Jahre vergangen waren.

Es wurde ein richtig schöner Abend.  Alte Geschichten wurden erzählt und ich musste feststellen, dass ich mich an vieles überhaupt nicht mehr erinnern kann- jedenfalls nicht, wenn es den Unterricht betrifft. Die außerschulischen, zwischenmenschlichen Geschichten, die sind noch alle da!

Bis zu dem Tag unseres Abiturs hatten wir alle den gleichen Lebenslauf gehabt. Seit dem ist viel Zeit vergangen und viel passiert. Eigentlich ist jetzt alles anders, trotzdem hat sich nicht viel geändert.

Diejenigen, mit denen mich damals am meisten verbunden hat, sind auch jetzt noch diejenigen, mit denen ich die halbe Nacht quatschen könnte.

Der allergrößte Bubi ist tatsächlich erwachsen geworden. Ich könnte ihn glatt sehr attraktiv finden- wenn ich nicht wüßte, wie er  mit 18 ausgesehen hat.

Der ruhige, introvertierte, den wir damals eigentlich nie zu Wort kommen ließen, wirkt heute so interessant. Bestimmt wird er von Menschen, die er heute kennenlernt so respektiert, wie er es auch damals verdient hätte.

Der Coole erscheint mir heute eher etwas seltsam. Wenn mir der heute begegnen würde, würde ich ihn jedenfalls nicht mehr cool finden. Der Respekt von damals ist trotzdem einfach noch da.

Und der Eine- bei dem kann ich tatsächlich immer noch nur an das Eine denken.

Insgesamt war ich verwundert, dass ich sie alle immer noch mit denselben Augen sehe wie damals. Wenn wir heute alle zusammen auf einer einsamen Insel stranden würden, hätten wir vermutlich innerhalb von zwei Tagen dieselben Freundschaften und Cliquen wie am Tag unseres Abiturs.

Als ich später am Abend den Schlüssel in der Haustür umdrehte, hatte ich so sehr das Gefühl, nach Hause zu kommen. Hatte ich wirklich ein paar Stunden vorher vorm Spielgel gestanden und hätte mich gerne 16 Jahre zurück gebeamt?

Da wartete mein wundervoller Mann. Ich habe viele, sehr viele, na gut, fast alle Frösche aus meinem Abijahrgang geküsst, und obwohl ihnen allen die Magie vergangener Zeiten anhängt, will ich meinen Mann nicht einmal für ein kleines Gedankenexperiment eintauschen.

Und meine Söhne. An diesem Abend stand ich noch ein bißchen länger als sonst vor ihren Betten und bewunderte diese perfekten kleinen Wesen.

Verliebt, glücklich und zufrieden schlief ich ein. Das waren verdammt gute 16 Jahre!

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5 Gedanken zu “Tempus fugit und was sonst noch von der Schule übrig blieb

  1. hach, wunderschön geschrieben 🙂 Da kriege ich direkt Lust, endlich mal ein Treffen unseres Abi-Jahrgangs zu organisieren. Aber wie Du sagst: Am Ende des Tages ist man einfach happy, bei seinen Lieben zurück zu sein. We made the perfect choice!

  2. Ein sehr schön geschriebener Beitrag. Das zeigt mal wieder, dass man sich viel zu viele unnötige Gedanken macht. Und das schönste: Wenn man merkt, dass man alles richtig gemacht hat und es auch wieder so tun würde. Ein besseres Gefühl gibt es nicht.

  3. Schön geschrieben! Vielleicht lohnt sich doch der Blick auf die ehemaligen Mitschüler. Ein Blick auf Facebook lässt ja auch schon einiges erahnen.

    Die Frage ist nur, ob man plötzlich mit denen spricht, für die man mal Luft war. Ich – die Einzelgängerin. Mit dem einzigen, mit dem ich noch Kontakt habe, bin ich verheiratet. 😀

    Liebe Grüße
    Sarah

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