Durch das Chaos Cupcakes sehen

Vor Einbrechern haben wir keine Angst. „Wenn die das Chaos hier sehen, denken sie, die Kollegen waren schon da“, sagt mein Mann immer. „Dann gehen die wieder!“

In der Tat könnten Profieinbrecher von meinen Söhnen eine Menge lernen. Die Technik, mit der sie in Sekundenschnelle Schubladen aufreißen, deren Inhalt in Null Komma Nix auf dem Boden verteilen, um dann mit gezieltem Blick das eine Teil zu entdecken, dass gerade nicht zum Spielen geeignet ist, könnte als Lehrvideo für „Oceans Eleven“ dienen.

„Aber bei Dir ist doch immer alles picobello“, höre ich manchmal von anderen Müttern, wenn wir uns auf dem Parkplatz vor der Kita treffen. „Ich hab´ die Fotos auf deinem Blog gesehen- Du hast ja sogar noch Zeit für Deko!“

Und weil man als Mutter zwar ständig Lob verteilt aber nur selten welches kassiert, lächle ich dann so souverän wie möglich und freue mich, während ich denke: „Wenn Ihr wüsstet!“

Neulich zum Beispiel, als ich auf Instagram das Bild von den süßen Cupcakes gepostet habe.

Cupcakes

Ich hatte versprochen, für das Sommerfest der Kita Cupcakes zu backen. Das war allerdings schon Wochen her und war inzwischen auf der Liste in meinem Kopf irgendwo hinter dem Kinderarzttermin und dem Schuh-Kauf verschwunden. Ein Blick in den Kalender verriet mir erst am Nachmittag vor dem Ereignis, dass ich für den nächsten Tag noch zu backen hatte. Ein Blick in den Kühlschrank verriet mir allerdings, dass ich dafür auch noch einkaufen müsste.

Der Mini langweilte sich während des Einkaufs weinerlich schimpfend im Kinderwagen, während der Maxi den Einkaufswagen mit aus seiner Sicht notwendigen Gütern befüllte, die ich nicht annähernd so schnell zurückstellen konnte, wie er den Wagen mit weiteren Produkten bereicherte.

Schweißgebadet kam ich zu Hause an und begab mich ans Backen. Ich hatte gerade das Mehl abgewogen, da tobte um mich herum schon der Wahnsinn. Spielzeugkisten wurden ausgeschüttet und deren Inhalt großflächig verteilt. Anschließend wurde alles beherzt mit Legosteinen vermischt. Der Maxi heizte mit dem Bobbycar durchs Wohnzimmer während der Mini an meinem Bein hing.

Die Geräuschkulisse war ohrenbetäubend. Das Chaos um mich herum wuchs von Minute zu Minute. Ständig rief eines der Kinder nach mir oder wollte auf meinen Arm, während ich mit dem Teig kämpfte.

Am nächsten Tag konnte man auf meinem Blog das Foto eines wunderschönen Cupcakes bewundern, der schön verziert auf einer Serviette lag. Daneben, als würde man nur zugreifen müssen, eine kleine Gabel. Fast hatte man den Geruch von frisch Gebackenem und einer schönen Tasse Kaffee in der Nase.

Das Chaos drumherum sah man nicht. Die Geräusche konnte kein Mensch erahnen. Ich hatte den Cupcake auf den Holztisch vor das Fenster gestellt, dort wo das Licht immer so schön hereinfällt. Die Legosteine auf dem Boden hatte ich mit einer ausladenden Armbewegung schnell beiseite gefegt, ebenso die Reste von Maxis Malaktion auf dem Tisch. Es war das fünfte Foto, das ich von dem Cupcake gemacht hatte- auf den vorherigen vier hatte man immer mindestens zwei Finger einer frechen kleinen Hand gesehen, die nach dem Cupcake griff.

Ist das Foto vom perfekten kleinen Cupcake eine Irreführung? Inszeniere ich in meinem Blog eine schöne Scheinwelt, die es so gar nicht gibt? Nein, aber als Bloggerin tue ich etwas, das ich ganz wichtig für das Leben mit Kindern finde:

Ich sehe meinen Alltag aus dem bestmöglichen Blickwinkel heraus. Das ist nicht immer einfach und manchmal wird mir der Blick ein bißchen verstellt, aber auch nach der kürzesten Nacht und dem härtesten Tag sind meine Kinder das Beste in meinem Leben.

Anders gesagt: Auch im größten Chaos steckt ein süßer Cupcake.

Oder noch anders gesagt: Wenn Deine Kinder Dein Haus verwüsten, dann freu Dich, dass Du Dir die Alarmanlage sparen kannst.

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2 Gedanken zu “Durch das Chaos Cupcakes sehen

  1. Jaaa, liebe Mia! Genauso ist es 🙂 Ich finde mich/uns da total wieder und die kleinen Ausschnitte, die man im www sieht, sind ja nur ein kleiner Blickwinkel. Und ein schöner! Der Blickwinkel, den man bei all dem Chaos nicht aus den Augen verlieren sollte und der einem gut tut. Ich habe gerade drei zuckersüße Kissen auf der Couch fotografiert, die mir meine Freundin genäht hat. Die Kissen sind so schön, aber das drumherum möchte wirklich niemand sehen. Denn meine Kleine hat Kiga Ferien und die Couch ist ihre Höhle, ihre Insel, ihr Schiff…alles liegt verstreut; die großen Kissen, die kleinen Kissen, vier große und zwei kleine Decken sind die Dächer, zwischendrin die Puppen und Kucheltiere und jede Menge Kleinkram, den man auf einer einsamen Insel so braucht.
    Kurzum, ich kann keinen Schritt tun, ohne zu stolpern. ABER auf dem Foto sehe ich nur meine Kissen, diese Schönen 😉

    Bis bald, liebe Grüße, Tanja

  2. Haha, oh du hast so Recht. Ich mache auch immer drölfzig Fotos bis ich eines hinbekomme, dass das Wunschobjekt am schönsten in Szene setzt. Wie es hier wirklich aussieht könnte keiner erahnen, der das Blog liest. Aber das ist auch gut so…;-)

    Ist schon eine besondere Gabe, den richtigen Blickwinkel zu finden…beim fotografieren, aber auch vor allem generell im Leben.

    Toll beschrieben!

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