Kleine Weltmeister- ein Brief an meine Söhne

Meine lieben Söhne,

endlich ist es wieder so weit, es ist Fußball Weltmeisterschaft 2018.  Ich freu mich schon wie verrückt auf das Spiel heute Abend.

Für Euch habe ich leider eine schlechte Nachricht: Ihr dürft das Spiel nicht sehen, Ihr geht mal schön ins Bett. Um 20:00 Uhr geht das Licht aus und dann will ich nichts mehr hören. So.

Diesen Brief an Euch habe ich übrigens schon während der letzten WM 2014 geschrieben.  Da ist Deutschland Weltmeister geworden und Ihr beide wart 1 und 3,5 Jahre alt.

WM5

Von dieser hammermäßigen WM habe ich herzlich wenig mitbekommen und der Grund dafür seid Ihr! Ihr müsst wissen, dass ich mal ein großer Fußballfan war, früher, als ich bei Fußball noch nicht an verregnete Sonntage denken musste, an denen ich Euch vom Spielfeldrand aus fröstelnd anfeuern muss. Als Fußball weder stinkende Socken in meiner Wäsche bedeutete, noch dreckige Fußballschuhe, die Ihr aus irgendwelchen Gründen nie im Flur ausziehen könnt (denn darauf scheint es hinauszulaufen- bei der wachsenden Fußballeidenschaft von Dir, Maxi, bin ich sicher, 2018 wird es genau so aussehen). Damals jedenfalls, bevor ich eine Fußball-MAMA wurde, war ich einfach nur Fußball-FAN und fieberte auf die WM hin.

Ihr habt mir da ganz schön einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Spiele der Vorrunde fanden 2014 um 18 Uhr statt. Um 18 Uhr wart Ihr damals immer unausstehlich, denn dann wart Ihr müde vom Tag, hungrig und total überdreht. (Ich schreibe „wart“ weil ich hoffe, dass sich das gebessert haben wird, wenn Ihr diesen Brief in vier Jahren lest!).

Ich habe alles versucht: Einen zweiten Mittagsschlaf, damit Ihr zu Spielbeginn nicht so müde seid. Gar keinen Mittagsschlaf, damit Ihr spätestens in der Halbzeitpause im Bett seid. Abendessen vor dem Fernseher, sogar von schwarz, rot, goldenen Papptellern, Süßigkeiten und sämtliche handelsüblichen Bestechungsmaßnahmen für Kinder. Geholfen hat es nichts.

Mit dem Anpfiff verwandeltet Ihr Euch in kleine Monster. Das erste Vorrundenspiel gegen Portugal haben wir sensationell mit 4:0 gewonnen. Statt uns zu freuen, waren der Papa und ich danach total mies gelaunt, völlig fix und fertig und der Papa hat gesagt: „Beim nächsten Spiel packe ich sie mir ins Auto, fahre zwei Stunden durch die Gegend und höre mir das Spiel im Radio an!“

WM2

Das hat er zwar nicht gemacht, aber ich saß trotzdem alleine vorm Fernseher. Ihr wart nämlich rechtzeitig im Bett, aber Du, Mini, wurdest kurz später wieder wach und Papa ist bei dem Versuch, Dich wieder in den Schlaf zu bringen, selber eingeschlafen. In der Halbzeitpause fand ich ihn neben Dir im Bett und als wir uns aus dem Zimmer schleichen wollten, warst Du wieder wach.

Meistens seid Ihr wie die Irren auf dem Sofa herumgesprungen und Papa und ich mussten Euch dauernd kurz vor dem Aufprall auf den Boden auffangen. Der Fernseher lief zwar, aber keiner von uns beiden konnte länger als zwei Sekunden am Stück auf den Bildschirm gucken, denn dann hättet Ihr Euch Gehirnerschütterungen und Knochenbrüche zugezogen und wir wußten ja nicht, ob es im Krankenhaus einen Fernseher im Wartezimmer gab.

WM3

Erst als die Spiele um 22 Uhr stattfanden, wurde es langsam besser, aber einer von Euch beiden ist eigentlich immer aufgewacht.

Es war eine so tolle WM! Ganz Deutschland war eine Party- und ich habe es verpasst. Ich war ein tapferer  Fan, wirklich! Ich war doch so begeistert- ich war kurz davor, mir schwarz rot gold auf den Hintern tätowieren zu lassen!  Ich habe kein einziges Public Viewing erlebt, weil ich der Babysitter für Euch war und Ihr habt mich nicht einmal halbwegs in Ruhe die Spiele ansehen lassen.

Und als ich im Finale mit Dir, Mini, auf dem Arm so auf dem Sofa saß und versuchte, Dich irgendwie so zu halten, dass Du weiter auf mir rumklettern und an meinem Ohr ziehen kannst und ich trotzdem ein bißchen Fußball gucken kann, da dachte ich mir: Bei der nächsten WM sind die Jungs 5 und 7 Jahre alt, da wird es sicher besser werden. Dann sind sie mindestens so fußballbegeistert wie ich.

MOMENT! FUSSBALLBEGEISTERT? Das ist es!

In vier Jahren werde ich mich rächen, habe ich mir damals überlegt. Rache ist süß! Ätsch!

Okay, es war toll damals mit Euch. Kurz vor dem Abpfiff, in der 118. Minute, haben wir auch Dich, Maxi, geweckt, weil wir es Dir versprochen hatten, und weil wir wollten, dass Du dieses Ereignis miterleben darfst. „Ich will, dass sie wissen, wie sich das anfühlt, gelebte Freude,“ hat meine Blogger-Kollegin Lisa neulich in ihrem Blog geschrieben, und so ging es Papa und mir auch. Und dann haben wir uns tatsächlich ins Auto gesetzt und sind eine kleine Runde Autokorso mitgefahren. Da wart Ihr schon sehr süß! Mini ist einfach eingeschlafen, und Du Maxi, hast ganz angespannt geguckt und alle Eindrücke in Dich aufgesaugt. Aber als ich die Fahne aus dem Fenster gehalten habe, hast Du angefangen zu weinen, weil Du Angst hattest, ein Auto könnte mir den Arm abfahren! Also hast Du wohl doch zugehört, wenn ich Dir immer sage, Du sollst im Auto nicht das Fenster aufmachen und die Hand rausstrecken.

Nach dem Autokorso
Nach dem Autokorso

Ich wäre ja gerne noch weiter mit dem Auto herumgefahren, aber Ihr wart so müde. Das war ein schöner Abschluss, aber insgesamt seid Ihr mir während der WM ganz schön auf den Wecker gegangen. Ja, Ihr wart noch sehr klein, trotzdem hättet Ihr mir doch ein bißchen Fernsehen gönnen können. Ob Du 2018 doch noch ein Durchschläfer geworden bist, Mini?

Also, wie gesagt, Ihr geht jetzt ins Bett!

Jetzt stelle ich mir gerade vor, wie Ihr gemeinsam diesen Brief lest: Wenn Ihr beide Eure Köpfe zusammensteckt, dann war das schon vor vier Jahren so, dass am Ende irgendein Blödsinn dabei heraus kam. Am Ende schmiedet Ihr schon Pläne und sagt jetzt Eurerseits: „Rache ist süß!“. Dann werdet Ihr 2022 vermutlich alle Eure Freunde zum Fußballgucken zu uns einladen. Es wird Alkohol geben, heimlich geraucht werden und die Eltern Eurer Freunde werden uns für den ersten Rausch Ihrer Kinder verantwortlich machen. Wir werden unser Haus renovieren müssen (schon wieder!), die Polizei wird kommen und…ach, wißt Ihr was? Vergesst das mit der Rache!

Jungs, kommt runter. Das Spiel fängt gleich an!

Mama

 

 

 

 

 

 

13 Gedanken zu “Kleine Weltmeister- ein Brief an meine Söhne

  1. Und genau dafür liebe ich deinen Blog!!! DANKE, Mia, dass du all diese schönen Erlebnisse mit uns teilst! Ich freue mich auf den Antwortbrief deiner Jungs 2018.

    Alles Liebe,
    Anni // kardamomzimt.de

  2. Einfach nur toll beschrieben!!!! Danke für deine offene, witzige und reale Art, von Euerem Familienleben zu berichten. U make my day !!

  3. Ich habe auch die letzten Spiele nicht wirklich mitbekommen. Im Urlaub konnte ich immer hinter der kleinen Tochter herlaufen. Um 22 Uhr ging es dann besser, aber leider haben wir nicht einen einzigen freiwilligen gefunden, der mal aufpassen würde, während wir mal auswärts gucken. Gestern haben wir es dann einfach gemacht :Kinder mit zur Party genommen. Die kleine Tochter hat im Nebenraum im Kinderwagen geschlafen und die große Tochter hat sich an salzstangen und Fanta erfreut. In der Halbzeit wurde die kleine Tochter wach und wir sind schnell nach Hause. Haben den Rest zusammen auf der Couch geguckt. Die große Tochter ist einfach eingeschlafen und die kleine Maus hat ganz ruhig Alles mit angeschaut. Und dann bis 10uhr geschlafen. LG und Hauptsache Weltmeister…

  4. Vollstes Verständnis!!! Mein Sohn ist zwar schon 5 Jahre alt, aber der Abend gestern war weit weg von gemütlich und schön! Spannend war er allerdings: wie oft kann man vor lauter Müdigkeit und Überdrehtheit das Wasserglas innerhalb von 5 Minuten umkippen, wann wird Söhnchen merken, dass Mama keine Hüpfburg ist und wann flippt Papa aus, weil der Fernseher mit Handabdrücken übersäht ist, weil der Filius Spielzüge strategisch erläutern musste? Egal, wir sind Weltmeister und bei der nächsten WM wird alles besser 🙂

  5. Schön, dass es nicht nur uns bei den 18 Uhr Spielen so ging 🙂 Bei den Deutschlandspielen haben wir vor dem TV zu Abend gegessen und als gar nix mehr ging, haben wir dem kleinen Mann eine Wasserpistole in die Hand gedrückt und ihn auf den Balkon zum Spielen geschickt. Er konnte sein Glück gar nicht fassen, denn mit der Pistole darf er sonst nicht spielen (eigentlich bin ich ja Pazifist, aber nicht wenn Deutschland spielt). Bei den späten Spielen hatten wir Glück. Da wurden wir nicht gestört und sogar gestern ist er noch nicht einmal von unserem Jubel und der ganzen Knallerei draußen wach geworden.
    Allerdings hätte ich mir das ein oder andere Spiel auch mal gerne beim Public Viewing angeschaut. Aber 2018. Da sind wir sowas von dabei 🙂

  6. Schöner Post!! ICH habe gestern das Tor in der Verlängerung verschlafen, da ich vom ganzen Tag und der Nacht davor so kaputt war, da MiniFlo heftig gezahnt hat und deshalb den ganzen Tag unausstehlich war. Wenn ich überlege wie ich die letzten Meisterschaften mitgefeiert habe……
    Vielleicht in vier Jahren wieder, mal schauen. Ich baue da auf unsere Jungs, die dann wieder die Meisterschaft gewinnen.

    Lg Verena

  7. Ui, den Brief könnte ich mir fast 1:1 kopieren und meinen Söhne (1 + 4) geben, da es bei uns fast genauso lief. Vor allem der kleine Zwerg will derzeit nur schlafen, wenn jemand – vorzugsweise Mama – Körperkontakt mit ihm hält. Also hatte ich die Wahl zwischen früh zu Bett gehen, oder der Zwerg bleibt wach und schaut die Spiele mit uns. Meist hab ich mich für zweiteres entschieden, was den Kleinen auch sehr gefreut hat, aber natürlich war das Spiel schauen nicht wirklich entspannt (Stichwort Hüpfburg).

  8. Ach nein, ich musste so… schmunzeln… irgendwie erinnert mich das an die WM 2006, mit einer damals 2-jährigen Motztante. WM im eigenen Land und Mama hört nur das Gejubel der Anderen. Hachja…

    Wunderbar geschrieben, ganz große Klasse!

    Liebe Grüße,
    die Alltagsheldin

  9. Hihi sehr cool dein Post!
    Uns ging es genauso! Das Beste war, dass ich am Abend des Endspiels zusammen mit der Kleinsten, die wie üblich wieder wach geworden war, gegen 10 eingeschlafen bin. Am Morgen bin ich wach geworden und dachte: „Hat bestimmt nicht geklappt für die Deutschen! Ich hab gar kein Gejubel und Gehupe gehört!“ Mein Mann hat mir dann erzählt, dass zusätzlich zum Hupkonzert sogar geböllert wurde! 😀

  10. Vielleicht hab ich ja was falsch verstanden, aber 2022 ist in 8 Jahren. Dann sind die beiden 9 und 11,5. Da laden die Kumpels ein zum rauchen und saufen? da sollte man sich evtl andere Gedanken machen. Klingt irgendwie ziemlich unrealistisch. Ansonsten könnte ich die Eltern der „Kumpels“ gut verstehen.

  11. Wunderbar geschrieben. Vom großen gehupe und gejubel haben wir aber auch nicht viel mitbekommen. Mädelsmama kann es sein, das du wie ich auf dem Land lebst und alle in die Stadt sind?

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