Da fehlt doch was: Wie man jeden Erziehungstipp ergänzen sollte

Ich lese gerne Erziehungstipps. Ich meine nicht, dass ich mir dazu (viele) Bücher kaufe, aber ich bleibe immer an den Artikeln in Zeitschriften und auf anderen Blogs hängen und freue mich über die immer wieder in Zeitungen auftauchenden Interviews mit Jesper Juul.

Ich kann mich sehr für die guten Tipps begeistern, die man überall so zu lesen bekommt. Erst letzte Woche habe ich total entzückt den Blogpost von Uta (Wer ist eigentlich dran mit Katzenklo) auf meiner Facebookseite geteilt. Das klingt alles immer so einfach. Ja, genau so muss man das machen, dachte ich. Genau so wollte ICH mich in meiner nächsten Mutter-Challenge verhalten und freute mich fast auf Maxis nächsten Ausraster, damit ich es schnell ausprobieren kann. Schließlich wird man ja nicht zu einem guten Koch, indem man die Kochbücher nur liest, ne!

Maxi zeigte sich sehr kooperativ und gab mir schon am nächsten Morgen  freundlicherweise eine Chance: Er wollte mal wieder mit den geliebten gefütterten Gummistiefeln in die Kita ziehen. An diesem Punkt endete Maxis Kooperationsbereitschaft dann aber auch. Aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen wagte ich, einen Einwand zu erheben und schon hatte ich das schreiende Kind vor mir, auf das ich gewartet hatte. 

Ohne die Einzelheiten meiner erzieherischen Verzweiflungstaten an dieser Stelle vertiefen zu wollen: Es hat nicht funktioniert. GAR NICHTS hat funktioniert.

Mit den Erziehungstipps ist es nämlich so: Sie alle haben eine gemeinsame Schwachstelle: Sie enden da, wo unsere Kinder einsetzen.

Das Schema von Erziehungsratgebern ist immer das:

Beispielsituation -> Sehr kluge Reaktion des Erziehungsberechtigten -> ENDE

Die Realität ist sieht eher so aus:

Beispielsituation -> Sehr kluge Reaktion des Erziehungsberechtigten -> Beispielsituation hält an -> Weitere sehr kluge Reaktionen des Erziehungsberechtigten -> Beispielsituation verschärft sich -> Immer noch ziemlich kluge Reaktion des Erziehungsberechtigten -> Kind wird lauter -> Leicht genervter Unterton in der ansonsten sehr klugen Reaktion des Erziehungsberechtigten -> Kind hat bislang keine der sehr klugen Reaktionen mitbekommen -> ErziehungsberechtigterschlägtsichwirklichtapferaberirgendwannistjaauchmalSchluss -> Eskalation (auf beiden Seiten)!

Kein Ratgeber/Tipp/Methode/Theorie/ wird jemals bewirken, dass der Maxi einen seiner (im übrigen für sein Alter total normalen) Wutanfälle unterbricht und sagt: „Ach so, das wußte ich ja nicht. Dann machen wir es so, Mama!“

Ich schätze, kein Erziehungsratgeber nimmt für sich in Anspruch, die vielen nervenaufreibenden Situationen mit trotzenden/übermüdeten/reizüberfluteten/…(hier zutreffendes Adjektiv einfügen) Kindern mit einem einfachen Patentrezept aufzulösen. (Das denke ich nur immer, denn ich falle gerne auf die vielversprechenden Überschriften herein. Das Prinzip sollte mir eigentlich von den vielen Frauenzeitschriften bekannt sein, die mit „50 neue Frisuren für jede Haarlänge“ oder „Die schönsten 30 Frisuren für jeden Typ“ werben. Ich kaufe die immer! Von den schätzungsweise 3476 Frisuren, die ich mir auf diese Weise angeschaut habe, waren bislang genau Null für mich dabei!)

Erziehung

Erziehungsratgeber können jedenfalls aus meine Sicht keiner Patentrezepte liefern, aber ein Verständnis der Eltern für ihre Kinder erleichtern und so die Grundstimmung in der Familie positiv beeinflussen. Das hilft zwar in der Situation nicht immer weiter, aber deswegen lese ich sie doch gerne.

Ich bin allerdings dafür, dass alle Beispielsituationen in sämtlichen Erziehungsratgebern überarbeitet werden: Nachdem die Erziehungsberechtigten ihren sehr klugen Satz abgelassen haben, ist ja das Kind wieder dran und dann wieder die Erziehungsberechtigten und dann wieder das Kind und dann wieder … 

Deswegen könnten Jesper Juul und Kollegen das ja vielleicht demnächst so machen:

Beispielsituation

Kind sagt…

Mutter/Vater sagt…

Kind sagt…

Und jetzt kommt die Ergänzung:

Mutter/Vater: OMMMMMM 

Passt immer!

Die gefütterten Gummistiefel habe ich im Keller versteckt, als der Maxi in der Kita war. Dafür möchte er neuerdings nicht mehr baden. Versucht mal, das wertschätzend aber in der Sache konsequent zu lösen. Wie das funktioniert, dürfte Jesper Juul bis nach Dänemark hören können.

Ich sach nur: OMMMMMM! 

Und was sind Eure „Ommmm-Situationen“?

Unterschrift_blog

 

 

 

 

 

 

13 Gedanken zu “Da fehlt doch was: Wie man jeden Erziehungstipp ergänzen sollte

  1. Schöner Artikel!
    Ich finde mich da voll und ganz wieder!
    Mein Monster (süßer blonder Engel, der aussieht, als könne er kein Wässerchen trüben), ist jetzt 2 Jahre alt.
    Das Lieblingswort ist „Naaaaaaahiiiiiiiiiin“ mit erhobenem Zeigefinger oder wahlweise mit Fäusten in der Taille.
    Egal was gesagt wird, es wird erstmal total ignoriert, dann kommt das „Nein“. Erst ein kurzes knappes Nein, dann gaaaaaanz langgezogen. Gleich darauf folgt das obligatorische auf den Boden stampfen, kreischen, sich auf den Boden fallen lassen, natürlich ohne mit dem kreischen aufzuhören, um dann weiter auf den Boden zu trampeln.
    Sie schreit und drückt Tränen raus und dreht und windet sicg, das ich manchmal ernsthaft in Betracht ziehe, einen Exorzisten zu konsultieren.
    Jedenfalls war ich vor kurzem bei einem Seminar, frei nach Jesper Juul, mit dem Thema „Wenn Kinder sollen und nicht wollen“…..
    Das war ja alles gut und schön, aber auch da wurde immer der Idealfall gezeigt, nämlich Kind macht was, das es nicht soll, Mutter/Vater sagt “ ich mache mir Sorgen das Du Dich verletzt. Hör bitte auf“ Kind hört auf.
    Wenn ich meinem Monster mit Erklärungen komme, interessiert sie das Null!
    In der anschließenden Beratungsrunde, sprach ich eben genau das Problem an und bekam die Antwort, das ich unserer Tochter viel zu viel Verantwortung aufbürde, wenn ich sie z.b. frage, ob sie ihre Schuhe allein anziehen möchte oder ob ich helfen soll.
    Na dann ist ja jetzt alles klar!
    Ich mag Jesper Juul auch und der Ansatz ist gut, aber alles doch sehr praxisfern…

    1. Liebe Manuela,
      ja, den Maxi interessiert es auch meisten Null. Eine Zeitlang habe ich versucht, ihn zu fragen: Warum bist Du denn jetzt so wütend? Da hat der mich angeguckt, als wollte er sagen: Woher soll ich das denn wissen- ist doch auch völlig egal, ich bin wütend, ich muss schreien!!
      Ich sag nur Lmmmmm!LG Mia

  2. Liebe Mia, köstlicher Artikel und so wahr. Ich lese in den Ratgebern immer, dass man seine Kindee auf keinen Fall erpressen sollte… Ist aber oft das einzige, was bei meinen funktioniert. aAlso tue ich es und nenne es „logische Konsequenz“. Liegt ja manchmal nah beieinander. Liebe Grüße,
    Claudia

    1. Liebe Claudia, ja, Erpressung ist effektiv 😉 Ist ja logisch, dass das nicht in Ordnung ist, aber manchmal MUSS man halt…

  3. Das hatte ich heute hier schon mehrfach. Kreischendes Kind, genervte Mama. Und dank deinem Post hier habe ich ans Oooooommmmm gedacht. Danke.

  4. Ja, ich habe auch einiges an Literatur konsumiert und das hat mir auch geholfen. Vor allem weiß ich jetzt, dass mein Kind nicht funktionieren muss. Beruhigend. Trotzdem habe ich Jesper tatsächlich eine Mail geschrieben und gefragt, wie ich mit all den Situationen umgehen soll, in denen meine Tochter eben nicht will…
    Er ist ja leider sehr krank, aber falls eine Antwort kommt, melde ich mich umgehend ;-). Ich schätze aber, seine Antwort wird Deiner sehr ähneln. Ommmmm!

    Genießt die Sonne!
    Julia mit Pauline

  5. Hahahaaa, so gelacht! Genau so, ich denk auch immer, oh ja, das kann ich auch mal versuchen! Irgendwo hab ich gelesen, wenn das Kind wütend ist und einen Zornausbruch hat, sollte man sagen „oh ich merke, Du bist grad seeehr wütend“, damit man zeigt, dass man es versteht…
    Das funktioniert schonmal GAR nicht…mein 2jähriger guckt mich weiter zornig an/brüllt/schleudert seine Wasserflasche/Buch/wasauchimmer durch die Gegend zum 5. Mal, da interessiert es ihn null, ob ich grad seine Wut mitfühlen kann oder nicht! :)))
    Liebe Grüße, Julia

  6. Wie wahr! 🙂 Lässt sich übrigens eins zu eins auf all die schlauen Erziehungsratgeber für Hunde übertragen. Ich habe etwa 30 Stück davon im Bücherregal stehen, meinen Hund darin aber noch nicht wiedergefunden…

    Liebe Grüße
    Mareike

  7. Da hast du mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen 😀
    Ohmmmmmmm….
    Falls du Lust hast, schau doch mal bei mir auf den Blog. Ich habe dich für den Liebster Award nominiert!
    LG
    Katja

  8. Ohh, was bin ich froh, dass mein großer (bald 3) gerade deutlich wemiger trotzt als noch vor ein paar Wochen. Gerade gabs nur eine harmlose Situation vor dem Essen.

    Ich fange gerade an zu kochen.
    sohn: „mama ich habe solchen Hunger. Gib mir ein Duplo sonst verhungere ich.“
    Ich: „es gibt gleich Mittagessen“
    Sohn: „ich will aber duplo. Sonst muss ich jetzt weinen.“
    Fängt theatralisch an zu weinen. Ich ignoriere ihn.
    Eine Minute später: „mama, ich will auf den Arm“ dort tröste ich ihn dann mit einem Stück Gurke.

    Aber ich mir sicher: die nächste ohmmmm Situation wird kommen. Meine Prognose: heute Nachmittag, wenn nach dem Schwimmen Haare waschen auf dem Programm steht…

  9. Liebe Mia,
    dein Post ist herzerfrischend und ob eines 2 jährigen, einer 7jährigen und einer 14 jährigen zu Hause Ommmmme ich hier sehr viel, manchmal schaff ich auch das Omm nicht mehr und schreie doch mal wieder los. Was einen auch ziemlich aus dem Gleichgewicht bringt sind dann ältere Kinder die einen darauf hinweisen, dass sie diesen „Tonfall“ absolut unpassend finden , sie meinen den Tonfall in dem man verständnisvoll aber bestimmt und konsequent sowieso mit ihnen sprechen soll. Denn was auch in den Erziehungsratgebern fehlt ist der Hinweis, das Kinder merken wenn man Erziehungsratgeber versucht anzuwenden, zumindest wenn sie etwas älter sind und einem dann auch gerne mitteilen, dass „diese Frage“ vollkommen albern ist… :-)! also immer was neues auf dem Weg in die Selbstständigkeit :-)! Der Kleinste hat auch gerade die Trotzphase erreicht und ihn interessieren auch keine Erziehungsratgeberkonsequenzen…leider!“
    Danke für den schönen Artikel!
    LG Steffi

  10. Unsere „Große“ ist 2 Jahre und 7 Monate…

    Meine Schwiegermutter erzählt mir immer, dass ich gaaanz gelassen auf die Stänkereien und Wutanfälle meiner Kleinen reagieren soll… Und letztens kamen beide vom Spielplatz zurück und mein Mäuschen hat sich weinend an meine Beine geklammert – Oma ist fast geplatzt, als die Kleine nicht mehr von der Schaukel runter und Oma nach Haus gehen wollte. *lol* Hach ja…

    Neuerdings wird, wenn sie zu frech wird, vor ihren Augen ein Gummibärchen (.o.ä.) gegessen… Nach langem Weinen und Klagen kommt dann immer ein kleiner Engel in ihr zum Vorschein. Ich hoffe nur, wir ruinieren uns nicht unsere Figur… 😉

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