Nicht persönlich nehmen

Tina „kannte“ ich schon, bevor sie anfing zu bloggen. Irgendwo in diesem www haben wir uns getroffen und sie war mir sofort sympathisch und sogar auf eine gewisse Weise vertraut (ich sehe meinen Mann schon den Kopf schütteln, wenn er das liest, tihihi). 

Logisch, dass Tinas Blog „Vom Werden zum Sein“ von seinem Beginn an zu meinen Lieblingen gehörte. 

Tina hatte eine -ich nenne es mal- „bewegte“ Kindheit. In ihrem Blog schreibt sie sehr offen und sehr bewegend über das, was sie erlebt hat. Manchmal denke ich noch tagelang über ihre Posts nach.

Da ich diese Woche im Urlaub bin und der Blog daher ebenfalls pausiert, übernimmt Tina heute sozusagen meine Urlaubsvertretung. Viel Spaß beim Lesen! 

Tina

„Die Versicherung unseres Autos wird nun deutlich teurer aufgrund der Mehrkilometer, das machte ein paar hundert Euro aus!“ Ich schaute meinen Mann an, fragte nach, was ein paar hundert Euro konkret bedeuten würden und schwieg ansonsten dazu. Ehrlich gesagt war ich ein wenig angefressen aufgrund der Aussage. Nach viereinhalb Jahren Elternzeit arbeite ich seit einem dreiviertel Jahr wieder und aus den geplanten zwei Tagen vor Ort und drei Tagen Home-Office wurden fünf Tage vor Ort. Ich fahre täglich 80 Kilometer, das macht aufs Jahr gerechnet richtig viel aus und klar, neben erhöhter Inspektionsfrequenz hat das auch finanzielle Wirkung auf die Versicherung. Aber na und? Ich arbeite wieder, bin glücklich und hey, Geld ist doch nicht alles. Und was wollte er mir damit überhaupt sagen? Dass mein Arbeiten so teuer ist? Dass ich mir einen Job suchen soll, der näher gelegen ist? Die nächsten Tage kochte ich auf kleiner Flamme vor mich hin und dachte über den Kostenfaktor „Frau arbeitet“ nach. Irgendwann kam ich auf die glorreiche Idee, ihn einfach zu fragen, warum er mir das gesagt hat – ganz wertungsfrei. „Weil ich das Wahnsinn finde, dass die paar Kilometer gleich so viel mehr kosten!“ war die Antwort. Und ich schämte mich ein wenig.

Wie oft verarbeiten wir Informationen, verknüpfen diese mit Vorerfahrungen, die wir mit dem Sender, Eltern, Geschwister, Freunde oder Arbeitskollegen gemacht haben und bewerten das Gehörte. Fällt diese Bewertung negativ aus, ist die Gefahr groß, etwas persönlich zu nehmen.

Ich habe einen Bekannten mit Coaching-Ausbildung, der vor langer Zeit einmal zu mir sagte: „Nimm das doch nicht persönlich!“ Damals fand ich diese Handlungsempfehlung sehr befreiend und schaffte es einige Zeit, die Dinge etwas lockerer zu sehen. Jetzt, lebenserfahrener, zwei Kinder und ein paar Ehejahre später dachte ich nach der Situation mit meinem Mann wieder daran. Ist das die Lösung aller zwischenmenschlicher Probleme, nichts mehr persönlich zu nehmen? Und wie genau geht das? Da wo gelebt und geliebt wird, wird zwangsläufig verletzt, nicht zwingend vorsätzlich und wissentlich, aber wo Herzen offen stehen, da tritt man vielleicht unbewusst auf eine Stelle, die weh tut. Das kann man nicht einfach nicht persönlich nehmen. Zugegeben, in meiner Situation wäre das klug gewesen.

Aber da war noch etwas, was mich störte, ohne genau zu wissen, was und so näherte ich mich zunächst einmal äußerst professionell dem Thema: ich googelte „nicht persönlich nehmen“. Erwartungsgemäß stieß ich auf viele Coaching-Seiten mit vielversprechenden Überschriften wie „Selbstbewusstsein stärken“ oder „Mich kränkt so schnell keiner!“. Zusammenfassendes Fazit: Nimm nichts persönlich, denn jeder lebt in seiner eigenen Welt, wenn du einen Angriff erlebst und diesen nicht persönlich nimmst, bist du immun dagegen.

Hier möchte ich massiv widersprechen, ich finde die Aufforderung „Nimm‘ es nicht persönlich“ zu platt und möchte das Thema ein wenig differenzierter beleuchten und unterscheiden zwischen verschiedenen Situationen. Die von mir beschriebene Situation – keine Frage: Hier wäre es klug gewesen, besser und sofort zu hinterfragen und in Betracht zu ziehen, dass die Aussage gar nichts mit mir zu tun hat. Das sind Situationen, die ich „in den falschen Hals kriege“, die nur oberflächlich kratzen und die ich durchaus wegwischen kann, in dem ich den Fokus ändere.

Doch es gibt Situationen, die mich tief innen treffen. Wenn ich etwas als Angriff empfinde, dann bin ich logischerweise bereits in der Verletzung drin. Ich kann versuchen, mir das nicht zu Herzen zu nehmen, das kann klappen, wenn es mich nicht so berührt, aber es gibt Momente, da drückt der Gegenüber einen Knopf in mir und es tut verdammt weh. Ich denke, jeder kennt solche Situationen, die einen mitnehmen, tagelang beschäftigen und man sich selbst erst mal gar nicht auskennt und sich fragt, was los ist.

Vor kurzem saß ich in einer Besprechung und wurde dreimal unterbrochen, indem derjenige einfach mit jemand anderem weitersprach. Zusammen mit seiner darüber hinaus arroganten und sehr dominanten Auftretensweise hing ich zwei Tage lang neben mir. Ich war wütend und mich wühlte das Thema ordentlich auf. Einfach nicht persönlich nehmen und weiter geht’s? Das ging aus zwei Gründen für mich nicht.

Mich hat diese Besprechungssituation mitgenommen, im Versuch, das Thema zu besprechen, war ich nah am Wasser gebaut und ich erkannte meine Wut als eigenes Verletzungsgefühl. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum? Warum rührt mich all das zu Tränen, warum bin ich so verletzt, wo ich doch weiß, dass derjenige so ist und das höchstwahrscheinlich wirklich nicht persönlich gemeint war, weil er jeden so schlecht behandelt? Ich finde, wenn einen eine solche Situation trifft, dann sollte man unbedingt in den Spiegel schauen und sich darum kümmern. Ich weiß nun, es lag daran, dass ich mich herabgesetzt fühlte, das ist meine Achillesferse. Hier zu sagen, ich nehme das einfach nicht persönlich, wäre doch eine Verleugnung meines Selbst, ich würde mich über Zeichen meines Herzens, meiner Seele oder was auch immer und über meine Gefühle der Verletzung hinwegsetzen und die Chance vergehen lassen, mich weiter zu entwickeln. Wenn ich all das weiß, kann ich im nächsten Schritt „den Angriff“ von der Person trennen, er hat mich wahrscheinlich wirklich nicht persönlich angegriffen, es ist sein fragwürdiges Verhalten, welches er vielen Menschen gegenüber an den Tag legt. Und doch ist es in Ordnung, dass das etwas mit mir macht. Es nicht persönlich zu nehmen, bietet mir die Gelegenheit, den Fokus vom Angreifer auf mich zu konzentrieren.

Aber ich sehe auch einen zweiten Punkt: Nimm es doch nicht persönlich! – suggeriert das nicht, dass ich über das Verhalten meines Gegenübers einfach hinwegsehen soll, weil schließlich jeder in seiner eigenen Welt lebt? Dann könnte jeder als gesellschaftlicher Geisterfahrer unterwegs sein und weitermachen, ohne Konsequenz, weil ich alles mit mir selbst ausmache? Natürlich kann ich meinen Gegenüber nicht ändern und dennoch: Ist man nicht dazu verpflichtet – so rein gesellschaftlich und für seinen eigenen Selbstwert – seine Grenzen aufzuzeigen und zu sagen: „Stopp, bis hierhin und nicht weiter“? Dann und ich denke, nur dann, stärke ich mein Selbstbewusstsein und nicht, in dem ich so tue, als würde mir all das nichts ausmachen.

Hier geht es zu Tinas Blog: http://vomwerdenzumsein.wordpress.com

Und hier könnt Ihr Tina über Facebook liken: https://www.facebook.com/werdenundsein

Tinas lesenswerte Tweets gibt es unter: https://twitter.com/werdenundsein

Tinasblog

 

 

6 Kommentare

  1. Der Artikel regt zum Nachdenken an. Wirklich wahr und toll geschrieben. Mir passiert es auch oft, dass ich tagelang über Kommentare von Mitmenschen nachdenke und die Bedeutung deren Wortwahl hinterfrage. Nur leider meistens mich selbst frage und nicht den Menschen direkt. Anderseits habe auch ich gewiß schon Leute mit meinen Worten verunsichert und habe es gar nicht gemerkt und nicht gewollt. Ich denke weiter nach…. Viele Grüße, Meike

  2. Ja. Alles davon :).

    Und dein Fazit, dass trotz alledem das Aufzeigen von Grenzen ganz wichtig ist, ist etwas, das viele vergessen. Denn dass alles an einem abprallt, kann ja nicht das Ziel sein für den denkenden und fühlenden Menschen.

    Sehr gerne gelesen, und viele Grüsse,
    Christine

  3. Das Nicht-persönlich-nehmen ist sicherlich eine der schwierigsten Übungen überhaupt. Ich arbeite schon seit immer daran.

    Aber es gibt auch einen Unterschied zwischen alles hinnehmen (z.B. Unhöflichkeiten oder Respektlosigkeiten) und trotzdem Nein sagen und es nicht persönlich nehmen.

    Beim Nicht-Persönlich-Nehmen geht es meiner Meinung nach darum sicher zu sein, dass ich (oder meine Mängel) nicht die Ursache für alle Launen anderer sind. Heißt aber nicht, dass ich dem anderen nicht sagen kann, dass er sich unhöflich, unfreundlich, unangemessen verhält und das bitte (als Erwachsener) anders sagen oder tun kann.

    So träum ich mir meinen naiven Wunschplaneten.

  4. Wie immer sehr offen und berührend geschrieben. Ich habe mir im Laufe der Zeit angewöhnt, direkt nachzufragen: „Wie/warum meinst du das?“, wenn mich eine Aussage irritiert oder verletzt. Über rücksichtslose Mensch in Meetings könnte ich Bücher verfassen, da hilft es vielleicht, noch mal in Eric Bernes „Spiele der Erwachsenen: Psychologie der menschlichen Beziehungen“ nachzulesen. Und manchmal ist es gut, wenn der Kragen platzt und man die Wut einfach rauslässt. Nach dem Gewitter ist die Luft oft klarer ;-). Liebste Grüße, Valérie

  5. Ein sehr gefühlvoller und ehrlicher Artikel.
    Man könnte sich so viele schlechte Gedanken und Grübeleien ersparen, wenn man sofort nachhakt oder sich manchmal wehrt.
    Nein, dieser unhöfliche Kollege meinte es mit Sicherheit nicht persönlich, aber sein Verhalten hat Dich nun mal getroffen.
    „Besteht noch Interesse an meinem Vortrag oder soll ich hier enden?“ wäre vielleicht eine passende Reaktion gewesen, auch wenn das Herz dabei in die Hose rutscht. Dir hätte es vermutlich gut getan und er hätte was zum Nachdenken(?)gehabt.
    Da stellt sich mir die Frage, ist das eigentlich ein typisches Frauenproblem?
    Nachdenkliche und liebe Grüße
    Sam

  6. Aus dem Psychologiestudium:
    Die Botschaft entsteht beim Empfänger.

    Ein Satz mit seeehr weitreichenden Folgen. Für den Sprecher und die Zuhörer.

    Wenn nur meine ehemalige Chefin (mit der ich immernoch zusammenarbeiten muss) diesen Satz doch nur verstehen würde… Da ist die Botschaft wohl nicht angekommen…

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