Wie man das Leben mit Kindern genießt

„Das ist leider gerade ein ungünstiger Zeitpunkt!“ Der Nachbar von gegenüber steht irgendwie angespannt in der Haustür und will mich nicht reinlassen.

Der sonst so gestriegelte Mann ist unrasiert und seine Haare sehen ohne Gel ganz anders aus.

Ich muss ein bißchen lachen und mir liegt auf der Zunge zu sagen: „Bei Euch gibt´s jetzt erstmal nur noch `ungünstige` Zeitpunkte“. Ich verkneife mir das und sage statt dessen: „Kenn´ich! Ich wollte auch gar nicht stören, sondern Euch nur kurz ganz herzlich gratulieren und das hier abgeben.“ Und damit überreiche ich unserem Nachbarn ein kleines Geschenk zur Geburt seiner ersten Tochter.

Schon seit Tagen habe ich beobachtet, wie die beiden gewartet haben. Die Frau war bereits eine Woche über dem errechneten Termin und konnte kaum noch laufen. Jedes Mal, wenn ich sie traf, sah ich es förmlich in ihrem Gesicht stehen: „Wann kommt endlich das Baby?“

Ihr Haus steht schräg gegenüber von unserem und da ich gerne mit Blick nach draußen in unserer offenen Küche sitze,  bekomme ich ein bißchen von ihrem Lebensstil mit. Am Wochenende gehen die Rolladen nie vor 10 Uhr hoch. Abends sind sie häufig unterwegs. Ich glaube, sie feiern gern. Oft sind sie das ganze Wochenende weg; vielleicht machen sie häufig Wochenendtrips?

Wenn die beiden mir in den letzten Wochen mit ihrem „Wann-kommt-endlich-das-Baby-Gesicht“ begegneten, hätte ich ihnen gerne gesagt: „Das wird schon kommen! Nutzt die Ruhe vor dem Sturm lieber nochmal richtig aus!“

Ich hätte ihnen gesagt, dass sie vorher so oft wie möglich richtig schön ausgiebig essen gehen sollen, bevor die Mahlzeiten demnächst für eine lange Zeit eher hektisch sein werden.

Ich hätte ihnen geraten, vor der Geburt nochmal  einen ganzen Sonntag im Bett zu verbringen.

Ich wollte ihnen den Tipp geben, sich vorsichtshalber das Gefühl von Langeweile einzuprägen, bevor sie es für immer vergessen.

Gerne hätte ich ihnen gesagt, dass sie nichts auf die Elternzeit verschieben sollen, sondern alles erledigen, was sie können, denn mit der Geburt des Babys ist für die meisten anderen Aufgaben irgendwie „Game over“!

„Atmet die Freiheit und die Selbstbestimmtheit noch einmal richtig ein, denn bald gibt es einen neuen Chef im Haus, und der wird den dominantesten Führungsstil an den Tag legen, den ihr je erlebt habt- der duldet keinen Aufschub, keine Kompromisse!“, hätte ich ihnen gerne noch gesagt.

Am Muttertag kam ihre Tochter zur Welt- ohne dass ich vorher meine gut gemeinten Tipps loswerden konnte.

Ein Glück! Denn ich hätte ihnen kaum einen schlechteren Rat geben können.

Ein Baby stellt das Leben komplett auf den Kopf- egal wie man vor der Geburt gelebt hat. Kaum jemand hat wohl ein Leben, in das sich ein Kind einfach so einfügen lässt, ohne dass man großartig etwas ändern müsste.

Aber schnell nochmal das alte Leben geniessen und dem dann jahrelang hinterhertrauern? Da das Baby erst in etwa 18 Jahren wieder auszieht, steht einem mit dieser Einstellung eine ziemlich lange, ziemlich bittere Durststrecke bevor.

Ein viel besserer Tipp an werdende Eltern (und auch an alle anderen Eltern) ist wohl der:

Je schneller ihr in der neuen Situation ankommt, umso schneller werdet ihr glücklich!

geniessen

Es hilft nichts, dem alten Leben hinterherzutrauern. Ich selber lerne das gerade. Lange Zeit habe ich mich ständig nach ein paar kinderfreien Tagen gesehnt, nach einem erholsamen Urlaub, nach einer ruhigen Mahlzeit. Ach, wären sie doch schon größer, dann könnten wir endlich mal wieder…

Jetzt habe ich begriffen, dass es mich glücklicher macht, wenn ich die Veränderungen, die die Kinder mit sich gebracht haben, akzeptiere und Entspannung und Erholung MIT den Kindern suche.

Alles ist anders mit Kindern. Vor allem ist es anstrengend. Aber: Es gibt so viele so schöne Momente. Momente voller Stolz auf diese kleinen Quälgeister, deren Mutter ich sein darf. Unfassbar witzige Situationen- ich könnte eigentlich nebenbei super den Drehbuchautoren einer Family- Comedy- Serie zuarbeiten, ohne selber kreativ werden zu müssen. Und natürlich diese Liebe! Mein altes Leben ist futsch, aber was ich dafür bekommen habe, ist als Gegenleistung nicht zu beanstanden.

Ich werde vermutlich nicht aufhören, mir mehr Freiräume zu wünschen, aber ich versuche nicht mehr, Entspannung als etwas zu betrachten, das ich nur haben kann, wenn jemand auf die Kinder aufpasst. Statt dessen baue ich die Entspannung, den Spaß, die Auszeiten in das Leben mit den Kindern ein. Eine sonntägliche Kuscheleinheit mit der ganzen Familie im Bett, ein Ausflug ins Wildgehege, Kochen mit dem Maxi, Baden mit Mini und Maxi- DAS sind jetzt die Momente, die mir gut tun.

Ich soll in 2-3 Wochen unbedingt mal auf einen Kaffee vorbei kommen, hat der Nachbar gesagt. „Dann sind bestimmt alle etwas entspannter“, meint er. Bestimmt! Und falls die beiden dann noch einen Tipp von mir haben wollen, dann werde ich sagen:

Geniesst Euer neues Leben. Und geniesst Euer Kind.

Geniesst Euer neues Leben mit Kind! Je schneller ihr damit anfangt, umso besser!

Unterschrift_blog

 

23 Gedanken zu “Wie man das Leben mit Kindern genießt

  1. „Ich werde vermutlich nicht aufhören, mir mehr Freiräume zu wünschen, aber ich versuche nicht mehr, Entspannung als etwas zu betrachten, das ich nur haben kann, wenn jemand auf die Kinder aufpasst.“ Liebe Mia, dieser Satz gehört als Mantra auf den Mutterpass gedruckt! Mit Knicks: Anne

    1. Liebe Anne: Danke! Und: Tanzen ist übrigens auch super zum Entspannen. Sogar der Mini tanzt schon. Der dreht sich auf Knien im Kreis, das ist zum Schreien!!

  2. Liebe Mia!
    Genau so ist es! Ich wollte immer ein Kind und sehe es jetzt irgendwie gar nicht ein, mein altes Leben vorzuziehen. Klar, fehlt einem Zeit für sich allein und Zeit als Paar. Aber damals fehlte mir soviel mehr!
    Alles hat seine Zeit…

  3. schon ne weile hab ich nicht mehr kommentiert. aber immer fleißig mitgelesen. danke danke danke! für all die wahren worte bei denen ich weiß: ich bin nicht allein mit meinen gedanken und gefühlen!
    Der beste Blog den ich lese. das ist deiner!
    Hab einen schönen Tag und genieß die Sonne mit Kinder!
    lg kerstin

    1. ich war glücklich mit meinen Kindern und habe für sie immer Prioritäten gesetzt, weil mir klar war | Diese Zeit geht zu schnell vorbei. Jetzt bin ich 65 Jahre alt und bin so dankbar, dass ich die Enkel auch öfter mal betreuen darf? ich brauche vielleicht mehr Nerven, aber die Lebenserfüllung überwiegt. Kinder sind das, was vom Leben übrig bleibt? Nicht Freizeit und Genuss.genießt es so lange wie möglich.

  4. WUNDERBAR. Ja, zwischen dem ganzen „Vereinbarkeit und alles, das ist so schwer“ war dieser Post GOLDRICHTIG!
    Ja, verdammt, Entspannung ist nicht nur kinderlos rumliegen, entspannung ist wenn die Kids um einen herum glücklich sind, weil man es dann unweigerlich auch ist.

  5. Genauso ist es. Die Zeit rennt eh viel zu schnell und die Momente mit den Kindern kann man nicht mehr wiederholen.
    Freue mich auf eine Fortsetzung dieser Geschichte. … und Kaffee wird der Nachbar sicher brauchen 😉

  6. Liebe Mia,
    ein wunderbarer Post!
    Es gibt immer wieder Zeiten, in denen ich meinem Leben vor den Kindern nachtrauere. Sollte es mal wieder so weit ist, werde ich mir deinen Tipp zu Herzen nehmen. Deine Sicht der Dinge öffnet mir meine Augen ganz neu.

    Ich kann mich übrigens super entspannen, wenn meine Jungs ein Konzert für mich geben mit Gitarre (meine alte ausgediente) und Gesang. Sensationell! Glaub es mir. Würde ich es auf You Tube reinstellen, wären wir berühmt.

    Und die allerbeste Entspannung finde ich, wenn ich meine Kinder am Abend in den Schlaf begleite. Sie sind dann so kuschelig und herzallerliebst, dass ich gar nie mehr von ihrer Seite weichen möchte.

  7. Toller Post! Genau so ist es, man muss es nur erst erkennen. Derzeit gerade in unserem ersten Urlaub mit dem MiniFlo (15 Wochen) fange ich so langsam an, neue Momente nun zu drit zu genießen.
    Lg Verena

  8. Toll geschrieben!
    Ich bin vor gut 7 Wochen Mami geworden, unser Baby kam auch eine Woche zu spät und diesen Blick hatte ich bestimmt auch.. Nicht nur bestimmt! Ich hatte ihn, riesengroß im Gesicht stehen!

    Nach knapp zwei Monaten mit meiner Tochter denke ich: dass es so einer Art von tiefer Liebe gibt (nicht zu vergleichen mit der Liebe zu meinem Mann, das ist ganz anders!), diese Mutterliebe – unfassbar, überwältigend! Aber gleichzeitig auch diese Anstrengung, das Gefühl der Müdigkeit, dem plötzlich so chaotischen Haushalt und dem Eindruck zu fast NICHTS mehr zu kommen, daran muss man sich gewöhnen!

    Trotzdem genieße ich so gut ich kann. Die ersten Kleidungsstücke musste ich bereits aussortieren, die Kleine beginnt nun zu brabbeln und zu „erzählen“ – daran merke ich bereits, dass die Zeit rast.

    Aber manchmal lache ich bereits schon jetzt in mich rein. Eine Freundin ist schwanger, das Baby kommt bald und diesen Blick, den hat sie auch. Hach, wenn sie nur wüsste.. Aber ich halte mich zurück. 😉

  9. Sorry aber mir gefällt der Artikel gar nicht. Wieso darf ich mich als Mama nicht nach kinderfreier Zeit sehnen und das auch gleichzeitig geniessen? Ich bin jetzt soweit dass ich ohne schuldgefuhle mir das wünsche und mir die Zeit auch so einteile dass ich auch mal was nur für mich machen kann. Ich finde das ganz normal und das steht jeder Mama und jedem Papa zu dass wenn sie mal die „schnauze“voll haben (und das hat jede Mama mal, wer was anderes behauptet der lügt! )Abstand suchen dürfen zu den lieben kleinen! Und bitte bleiben wir doch bei der Wahrheit:Kinder sind das tollste Geschenk aber ENSTSPANNEND sicher nicht!!!

    1. Ich fürchte, da hast Du etwas missverstanden. Freie Zeit, in der man mal nur machen kann, was einem selber gut tut, ist total wichtig und sollte man sich auch immer nehmen, wenn es irgendwie geht. Und ich bin die letzte, die einen Hehl daraus macht, dass ihr ihre Kinder manchmal tierisch auf den Wecker gehen. Aber ich halte es dennoch für falsch, seinem alten Leben hinterher zu trauern, denn so wird man nicht glücklich. Man muss die neue Situation annehmen und daraus seine Kraft ziehen. Es gibt viele entspannende Momente mit Kindern. Die sehen vielleicht anders aus, als in einem Leben ohne Kinder, aber sie sind dennoch schön und wohltuend. Das schließt nicht aus, dass man immer wieder auch die Verantwortung abgeben möchte und einfach nur seine Ruhe haben, aber Kinder auf der einen Seite und Entspannung nur auf der entgegengesetzten Reihe, das muss so nicht sein.

  10. Das wichtigste um glücklich zu sein mit Kindern ist das Miteinander. Ist das nicht der Fall, lebt jeder nur noch in den Tag hinein und die Harmonie bleibt auf der Strecke.
    Der Beste Tipp ist mit der ganzen Familie immer wieder einen gemeinsamen Ausflüge zu planen, natürlich in Absprache mit allen Beteiligten.

  11. Das wichtigste um glücklich zu sein mit Kindern ist das Miteinander. Ist das nicht der Fall, lebt jeder nur noch in den Tag hinein und die Harmonie bleibt auf der Strecke.
    Der Beste Tipp ist mit der ganzen Familie immer wieder einen gemeinsamen Ausflug zu planen, natürlich in Absprache mit allen Beteiligten.

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