Wie kommt die Tomatensauce an die Zimmerdecke? Kinder und Tischmanieren

Wie groß ist die maximale Fläche, die man mit einem einzigen Stück Schokolade einschmieren kann?

Dieses und andere Experimente machen meine Jungs in ihrem Labor, das irgendwann mal mein Wohnzimmer war, täglich.

Mit Essen spielt man nicht- so eine Regel können sich ja auch nur Erwachsene einfallen lassen. Die Wahrheit ist doch: Mit Essen lassen sich die allerbesten Spiele veranstalten.

Bea Beste, Erfinderin der Tollabox, hat auf ihrer Facebookseite einen Anti-Knigge veröffentlicht und Dajana vom Blog „Mit Kinderaugen“ hat über Kinder und Tischmanieren gebloggt. Am Wochenende entstand auf meinem Lieblingskanal Twitter ein kleiner Chat zum Thema (auf Twitter geht das ja in nahezu Lichtgeschwindigkeit), und schon war die Idee zur Blogparade geboren.

Tischmanieren

Bea und ich wollen mit Euch allen darüber diskutieren, wie Ihr das Thema Tischmanieren mit Euren Kindern angeht. Gar nicht? Oder mit eingeklemmten Büchern unter den Armen?

Kinder und Regeln- passt das zusammen?

Als ich den „Anti-Knigge“ las, musste ich natürlich erstmal schmunzeln, denn wer kennt das nicht: Die lieben Kleinen, die beim Essen alles tun, nur nicht stillsitzen und essen.

Die Frage ist aber: Müssen Kinder sich überhaupt an diese „Erwachsenen-Regeln“halten? Dajana meint: Nein. Es seien ja keine Erwachsenen.  Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Kinder und Regeln, das geht nicht gut zusammen. Kinder sollen spielen und Spaß haben. Wer seinen Kindern eine glückliche Kindheit garantieren will, der zwängt sie nicht in ein Regelwerk.

Das ist ein schöner Gedanke, und wo immer es geht, sollten wir versuchen, unseren Kindern Regeln zu ersparen.

„Regeln“ und „Manieren“, diese Wörter klingen nicht unbedingt wie Musik in unseren Ohren. Sie sind auf gewisse Weise negativ behaftet.  Regeln bedeuten aber nicht automatisch, dass wir unsere Kinder in einen Rahmen pressen, der ihrem Wesen widerspricht. Manche Regeln machen nicht nur Sinn, sie sind sogar eine Bereicherung für unsere Kinder.

Dazu gehören in meinen Augen Benimmregeln und Tischmanieren. Diese dienen nämlich nicht dem reinen Selbstzweck oder um einigen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich mit Besserwisserei abzuheben. Es geht um Rücksicht aufeinander und damit um Wertschätzung und Respekt im Umgang miteinander.

Essen ist etwas, das wir gemeinsam am Tisch tun. Wir kommen miteinander ins Gespräch- und sei es auch erstmal nur: „Kannst Du mir mal bitte die Butter geben?“ Wir bewerfen uns nicht gegenseitig mit essen, wir nehmen dem anderen nicht das Essen vom Teller und so sind die gemeinsamen Mahlzeiten Kommunikation und Rücksichtnahme- ein prima Ausgangspunkt für das Leben da draußen.

Wie immer im Leben kommt es auf das WIE an. Wie bringen wir unseren Kindern Tischmanieren bei? Hier sind ein paar unserer Regeln:

1. Regeln ja-Zwang nein

Ich halte generell wenig davon, Kindern Regeln einfach einzuhämmern und ihnen die ewig gleichen Regeln gebetsmühlenartig immer wieder um die Ohren zu hauen. Regeln, die uns selber wichtig sind, lernen Kinder sowieso, sie machen uns schließlich alles nach. Gerade beim Thema Tischmanieren finde ich es besonders falsch, Kindern Regeln über Zwang aufzuerlegen. Essen soll Spaß machen, die Kinder sollen gerne am Tisch sitzen und das Beisammensein genießen. Mir selber sind Tischmanieren so wichtig- ich kann mich am Tisch gar nicht daneben benehmen. Das sehen meine Kinder und hier und da gebe ich dazu Erklärungen ab- oft auch in einem sehr bestimmten Ton, aber niemals über den Weg des Schimpfens („jetzt sitz endlich still!“). Meine Erfahrung ist, dass Kinder Regeln sogar ganz gerne mögen, wenn sie verstehen, welchen Sinn sie machen. Maxi ist in der Tat sehr regelkonform- das kann sogar lästig werden, besonders beim Autofahren: „Mama, beide Hände ans Steuer!!“ Und so erkläre ich viel und erwarte Einiges, aber nur das, was ein Dreijähriger oder Einjähriger verstehen kann.

2. Sitz still (solange Du kannst)

Wenn der Maxi keinen Hunger mehr hat, darf er aufstehen. Mein Mann und ich genießen das Essen dann eben ohne den Maxi weiter und unterhalten uns. Wenn der Maxi an unserem Gespräch teilnehmen will, muss er halt am Tisch bleiben. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir ihn ignorieren, wenn er von außerhalb des Tisches mit uns spricht, aber die Musik spielt während der Mahlzeit eben am Tisch und es bleibt dem Maxi überlassen, sich dazu zu gesellen, oder alleine zu spielen. Ein Kind wie der Maxi, das von morgens bis Abends in Bewegung ist, und sich in der Kita und am Nachmittag mit Freunden austoben darf,  kann durchaus mal gebeten werden, ein paar Minuten am Tisch sitzen zu bleiben.

2. Mit Essen spielt man nicht (mehr als nötig)

Mit Essen spielt man nicht  jeder seinem Alter entsprechend. Der Mini matscht mit dem Essen wie ein Weltmeister. Das darf er, weil er noch nicht ordentlich essen kann. Er ist noch in der Phase, in der Babys Essen im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Maxi mit seinen 3 1/2 Jahren darf nicht mehr matschen, aber er darf spielen. Er darf  Figuren auf dem Teller legen und das Essen auch mal mit den Händen essen- solange es keine Suppe ist. Ich selber „spiele“ schließlich auf meine Weise auch mit dem Essen: Ich stehe auf den perfekten Bissen und packe mir auf jede Gabel etwas von jedem Lebensmittel, das auf meinem Teller liegt. Der Mann hingegen isst das Essen gerne so, wie es auf dem Teller liegt, also ohne Dinge zu vermischen. Maxi isst gerne mit Messer und Gabel- aber wenn er das tut, gibt es auch Regeln und es wird nicht mit dem Besteck in der Gegend rumgefuchtelt oder in den Tisch gehauen. Den Umgang mit Messer und Gabel kann man übrigens super mit einer Banane üben. Das macht Spaß und Maxi ist stolz wie Oskar.

3. Gegessen wird da, wo es am Schönsten ist

Wir essen am Tisch. Als der Mann und ich noch alleine waren, haben wir gerne vorm Fernseher gegessen. Meistens aus einer Schüssel und darum hieß das Essen vorm Fernseher bei uns immer „Napfessen“. Vorm Fernseher zu essen ist für mich aber das Gegenteil von Essen Genießen und Kommunikation und deshalb gehört es dort einfach nicht hin. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber als Ausnahme gilt für mich nur Fußball-Weltmeisterschaft, Bundestagswahlen oder Krankheit.

4. Essen ist auch ein Spiel

Spielzeug gehört nicht an den Esstisch. Der Maxi schafft es je nachdem, was es zu Essen gibt, zwischen fünf und 20 Minuten am Tisch zu sitzen. Es ist ihm durchaus zuzutrauen, dass er sich in dieser Zeit nur auf das Essen und seine Familie konzentriert- schließlich darf er auch (in einem gewissen Rahmen) mit dem Essen spielen. Manchmal legt er ein Spielzeug auf den Tisch, damit sein kleiner Bruder es sich nicht schnappt, während er isst. Das ist okay, aber es wird während der Mahlzeit nicht damit gespielt. Das gilt natürlich genauso für den Mann und mich, die wir uns schon gelegentlich damit schwer tun, unsere Smartphones beiseite zu legen.

5. Der Weg ist das Ziel

Eines Tages sollen meine Söhne Tischmanieren verinnerlicht haben. Diesen Weg gehen wir Schritt für Schritt. Anfangs war es zum Beispiel okay, wenn der Maxi vom Tisch einfach aufgesprungen ist. Heute fragt er: „Darf ich aufstehen?“ Auch der Mini lernt schon seine ersten Tischmanieren: Die Füße gehören nicht auf den Tisch. Natürlich könnte man sagen, für so etwas sei er doch noch viel zu klein. Es ist aber gar kein Problem, seine kleinen Füßchen immer wieder mit einer Erklärung vom Tisch zu schieben- und so gewöhnt er sich tatsächlich gar nicht erst daran. Das funktioniert. Wirklich.

Für alle, die jetzt denken: „Huch, so haben wir die Mia aber gar nicht eingeschätzt, die ist doch sonst so entspannt“ muss ich noch ergänzen: Ja, ich achte darauf, dass meine Kinder Tischmanieren lernen. Aber: Die Jungs machen da nicht immer so mit, wie ich mir das denke. Unsere Mahlzeiten sind oft von ohrenbetäubendem Lärm begleitet und anschließend sieht es hier aus, als wäre Godzilla zum Essen da gewesen. Den Anti-Knigge könnte ich daher gemeinsam mit meinen Söhne noch um viele Punkte erweitern. Trotzdem bleiben wir dran. Und dann gibt es da noch den weisen Spruch meiner Oma (über diese tolle Frau habe ich hier schonmal geschrieben):

Wer die Regeln kennt, darf sie auch brechen!

In diesem Sinne: Immer locker bleiben!

Und jetzt seid Ihr dran! Wie ist das bei Euch mit den Tischmanieren? Hinterlasst einen Kommentar und diskutiert mit uns unter dem Hashtag #tischmanieren auf Twitter. Und wer einen eigenen Blog hat, ist herzlich eingeladen, zu dem Thema einen Blogpost zu verfassen und ihn hier zu verlinken. Dazu einfach unten auf den Button klicken.

Bea und ich sind schon ganz gespannt!

12 Gedanken zu “Wie kommt die Tomatensauce an die Zimmerdecke? Kinder und Tischmanieren

  1. Liebe Mia,
    wieder ein wundervoll geschriebener Post. Ich finde mich total wieder. Man will nicht ständig nur schimpfen oder ermahnen, aber auch nicht einfach alles ertragen, was da auf und neben und vor allem unter dem Tisch passiert. Die kleine Tochter (16 Monate) darf noch viel matschen und mit den Fingern probieren. Aber sie besteht auch auf ihre eigene Gabel oder Löffel für Dekozwecke. Denn benutzen will sie die noch nicht. Und wenn ich ihr etwas auf die Gabel piekse, nimmt sie die andere Hand dazu, um z.B. die Nudel von der Gabel zu ziehen und in den Mund zu stecken. Aber da bin ich gelassen und helfe ihr so gut es geht. Die große Tochter (4 Jahre) kann schon sehr gut mit Messer und Gabel essen. Nur leider isst sie sehr wenig und sortiert immer aus. Kein gekochtes Gemüse und nichts mit Kartoffeln. Keine Pommes, kein kartoffelbrei… einfach nichts mit Kartoffeln. Und was mich da am meisten ärgert ist, dass sie es nicht mal probieren will. Und die Dauer des Essens. Furchtbar bei uns. Im Gegensatz zum Maxi hat meine Sitzfleisch und isst sehr langsam. Wir sitzen manchmal 45 MInuten an einem Teller Nudeln. Es stört sie nicht und sie isst dann auch auf, aber in der Zeit habe ich schon die ganze Küche aufgeräumt. Klar, man soll neben dem Kind sitzen….aber das ertrag ich nicht immer. Ansonsten essen wir möglichst alle 4 zusammen, ohne Spielzeug oder Radio (TV läuft eh nicht), mit dem Popo auf dem Stuhl und den Füßen unter dem Tisch, jeder darf mal erzählen und das war es auch schon fast an Regeln. Saugen und wischen muss ich mehrmals am Tag unter dem Tisch, aber ich mache das einfach. Dauert auch nicht länger als schimpfen. LG

  2. Sehr guter Artikel!
    Ich sage von uns selber immer, das wir eigentlich sehr locker sind, unsere Kinder haben bedeutend mehr Freiheiten als andere Kinder, aber beim Essen gibt es keine Kompromisse.
    Von klein auf haben sie gelernt mit Besteck zu essen, nicht mit dem Essen zu spielen und keine unnötigen Geräusche von sich zu geben:)
    Ja, es mag altmodisch sein, ansonsten können sie lärmen und rumtoben so viel sie möchten, aber am Tisch gibt es feste Regeln, die uns wichtig sind.

  3. Hallo Mia!
    Auch wir können den Anti-Knigge auswendig herunterbeten :-0 Wir haben uns nach der Lektüre diverser Erziehungsratgeber dazu entschlossen, uns notgedrungen zu entspannen und abzuwarten- im Vertrauen auf das Lernen am Modell. Lange Zeit verzweifelten wir oft aufgrund des schieren Chaos auf, unter und neben dem Tisch. Doch langsam und kaum merklich gibt es bei dem Großen (3,5) keine Schmutzberge mehr zu beseitigen und das Besteck wird mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit. Darum wischen wir dem Kleinen nun mit weniger Verzweiflung hierher. Mein Appell an alle Mütter und Väter: entspannt euch! Mit Schimpfen und Mäkeln erreicht ihr euer Ziel nicht unbedingt schneller, verliert aber kostbare Lebenszeit 🙂

  4. Guten Morgen!

    Im Laufe der letzten 4 Lebensjahre meines Sohnes habe ich gelernt, dass ich so viele Regeln aufstellen kann wie ich lustig bin – wenn ER die Regel nicht versteht, befolgt er sie nicht. Das hat mich in mancher Situation schon verzweifeln / resignieren lassen. Aber am Tisch gelten unsere (Papa und Mamas) Regeln und nicht Pauls. Auch wenn er sie noch so gerne hinterfragt – da bleiben wir „hart“. Bei uns wird auch nichts gespielt oder gesungen oder getanzt (geht prima auch im Sitzen…) oder gesummt (macht Pauls Freundin und das macht mich wahnsinnig!!!) oder… Wie du schon geschrieben hast, müssen auch wir Großen uns daran halten („Paul, bitte nicht schlürfen!“ „Aber der Opa macht das auch…“). Aber Paul darf auch aufstehen, wenn er mit dem Essen fertig ist, so dass mein Mann und ich noch 5 Minuten für unsere Themen haben.
    Ich wünsche allen noch einen schönen Dienstag! 🙂

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