Bist Du glücklich? Blöde Frage!

Samstagabend. Annette Frier sitzt bei „Wetten Dass“ und erzählt davon, wie sie als frischgebackene Zwillings-Mutter ständig gefragt wurde, ob sie denn nun glücklich sei. Ob alles schön sei.

„Ich war so perplex, ich wußte gar nicht, was ich sagen soll. Ich dachte, ich werde nie wieder etwas sagen, ich werde für immer mit dem Kinderwagen am Rhein entlang gehen.“

Ich saß vorm Fernseher und wußte genau, was Annette Frier meinte. Warum fragt man Mütter sowas immer? Ich weiß nie, was der andere dann von mir hören möchte.

Eine Mutter muss ja wohl glücklich sein, scheint hinter der Frage zu stecken. Kann man schließlich noch unglücklich sein, wenn man Kinder hat? Wer mich als Mutter fragt, ob ich glücklich bin, der möchte ein verklärtes Lächeln über mein Gesicht huschen sehen wenn ich von ganzem Herzen jubilierend sage: „Ja, so habe ich mir mein Leben immer vorgestellt! So sollte sein! Ich bin angekommen!“

Manchmal liegt mir genau so eine Antwort sogar auf der Zunge. Oft möchte ich allerdings lieber antworten: „Naja, so glücklich wie man eben sein kann,wenn man vor Müdigkeit kaum geradeaus gucken kann!“ Oder: „Ja, wenn ich gerade nichts Wichtigeres zu tun habe, bin ich auch glücklich.“

Wenn ich die Frage ganz genau nehmen würde, müsste ich ungefähr so antworten: 

Ich bin glücklich, weil meine Jungs die süßesten kleinen Lausbuben sind, die ich mir vorstellen kann. Ich bin verliebt in einen tollen Mann. Meine Söhne haben ein sorgenfreies, unbeschwertes, glückliches Leben. Ich bin gesund. Ich habe ein schönes Haus, einen interessanten Job, nette Freunde, tolle Leser.  Ich bin mit meinem Aussehen zufrieden und ich freue mich auf unseren Hollandurlaub nächsten Monat.

Ich wünsche mir aber auch, endlich mal wieder in Ruhe eine Mahlzeit zu mir nehmen zu können und eine Nacht durchzuschlafen. Ich sehne mich nach mehr Zeit für mich, ich würde gerne mal ungestört schreiben können und fühle mich manchmal wie gefangen. In meinem Träumen sitze ich in der Sonne, schaue aufs Meer und genieße ein Glas Rotwein, nachdem ich den ganzen Tag geschrieben habe. Gelegentlich mache ich mir Sorgen über den Wiedereinstieg in den Job.“

Und das ist nur die Kurzfassung!

So genau will das natürlich niemand von mir wissen. Das ist genau der Grund, warum ich diese Frage so blöd finde.  „Bist Du glücklich?“- das ist so eine Teenager-Frage. Das Leben eines Erwachsenen ist viel zu vielschichtig, als dass man auf allen Ebenen immer nur glücklich sein könnte . Das gilt auch für das Muttersein.

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Natürlich bin ich glücklich, wenn ich mein Baby im Arm halte. Muttersein bringt definitiv eine ordentliche Portion emotionaler Hochs mit sich. Auf der anderen führt es aber auch zu emotionalen Tiefs, denn Muttersein bedeutet auch Sorgen, Ängste, Müdigkeit, Erschöpfung, Streß, Zeitmangel, Fremdbestimmtheit- alles Dinge, die eher nicht so glücklich machen. Glück auf der ganzen Linie bis in alle Ewigkeit, das wird einem mit dem Baby nicht automatisch mitgeliefert.

Das zeigt auch die weltweite Studie zum Thema Glück. Menschen mit Kindern sind nicht glücklicher oder unglücklicher als Menschen ohne Kinder. Lediglich in der Altersgruppe der 34-46jähringen waren Eltern ein bißchen glücklicher als Kinderlose.

Dieses Ergebnis hat mich aber doch ein bißchen überrascht. Dass Elternsein nicht automatisch Glücklichsein bedeutet, ist klar, aber dass Eltern nicht wenigstens ein bißchen glücklicher sind, als Kinderlose? Der Schlüssel zum Glück liegt nämlich nach meiner Ansicht in uns selbst: Es gibt immer schöne und weniger schöne Dinge in unserem Leben. Die Kunst ist, die schönen Dinge stärker zu gewichten und die unschönen Dinge ausblenden zu können.  Und wer bitte bekommt täglich mehr Schönes geliefert, das man in die Waagschale fürs Glücksgefühl werfen kann, als Eltern?

Kleine, unschuldige, süße Babys auf krummen Beinchen,  die ihr Glück wiederum auf Mamas Arm gefunden haben, die bestechende Logik von Kindergartenkindern, die einem die Welt erklären, saftige Küsse verteilen und sagen: „Mama, ich hab Dich an den Beinen und an den Armen lieb!“

Das hört irgendwann auf, schon klar, und wenn ich sehe, dass laut der Studie die über 46jährigen Eltern nicht mehr glücklicher sind als Kinderlose, dann schwant mir, dass in der Pubertät Schreckliches auf uns zu kommt…

Manchmal geht es mir wie Annette Frier in ihren ersten Wochen als Zwillingsmama. Ich möchte antworten: „Was?? Glücklich?! Nee! Ich bin müde!!“

An den meisten Tagen gelingt mir aber die richtige Gewichtung. Dann bin ich glücklich. Wenn ich gerade nicht zu beschäftigt bin, versteht sich.

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8 Kommentare

  1. Darf ich das auf Karten Drucken lassen und an alle verteilen, die mir diese Frage ständig stellen? Bis auf den Hollandurlaub (kleiner Neid), den Rotwein (mag lieber Grauburgunder) und die Jungs (ein Mädchen) könnte das von mir stammen.
    Danke für’s Ausformulieren :-)!
    Liebe Grüße
    Julia (mit Pauline)

  2. Ach das hast Du echt so passend formuliert ! Mich selbst beschäftigt die Frage des Glücklichseins schon zuuu lange. Ja ichbinklein sehr glücklich nach der Geburt meines Sohnes vor 6 Wochen und war auch vorher eine glückliche Mutter meiner Tochter (6). Trotzdem bin ich sooooooooo müde und etwas emotional labil aufgrund dessen… Ich schreie das Glück nicht hinaus , weil ich mich nicht danach fühle und trotzdem sind da die kleinen Momente bei mir und auch bei uns, da ist es greifbar ! Baby Luuk beim schlafen zuzuschauen ist unbezahlbar und mit meiner großen Quatsch machen, tanzend durchs Haus, lässt alle kleinen Sorgen nichtig erscheinen.

  3. Genau, auf die richtige Gewichtung der guten und schlechten Momente kommt es dann! Damit tue ich selbst mich leider oft schwer, denn wenn ich müde bin und zu wenig Zeit für mich habe, werde ich ziemlich schnell knatschig…
    Über diese Studie habe ich übrigens auch gelesen (und gebloggt: http://importkaaskop.wordpress.com/2014/03/26/machen-kinder-glucklich/) Bei mir ist es wirklich der Stress/Zeitmangel, der mein Glücksempfinden trübt. Aber vielleicht muss ich einfach mal jeden Abend eine bunte Kugel in ein Glas werfen (rot für einen insgesamt schlechten Tag, gelb für einen guten)und dann jeden Monat Bilanz ziehen….
    Enden tun die Tage sowieso alle ziemlich glücklich: ich schleiche mich jeden Abend noch mal ins Kinderzimmer und betrachte meinen schlafenden kleinen Kaaskop! Und wenn er dann auch noch wie heute abend sagt: „Noch een Küsschen! Mama ook lieb.“… *glücklich seufz*
    Liebe Grüße aus Holland,
    Kristine

  4. Ein wirklich schöner Beitrag, den kann ich zu 100 Prozent genau so unterschreiben 😉
    Die Vielschichtigkeit von Glück finde ich besonders wichtig zu betonen. Man kann mit dem einen Teil des Lebens glücklich sein, mit dem anderen nicht so sehr. Eine allgemine Aussage: „Ja, ich bin glücklich“, ohne Wenn und Aber, würde ich niemals aussprechen.
    Und was ich noch interessant fand: Glücklichsein liegt im Auge des Betrachters und hängt davon ab, welche Ansprüche man an sein Leben stellt. Sind diese (unerreichbar) hoch, kann das Glück einfach nicht an der Türe klopfen.
    Lieben Gruß, Wiebke

  5. Ein sehr interessanter Aspekt. Ich stand vor Kurzem in einem Austausch mit ungewollt kinderlosen Frauen, die mir die Aussage „Ich wäre ohne Kind nicht glücklich“ ankreideten nach dem Motto „Ohne kann man nicht glücklich sein“. So war es natürlich nicht gemeint, und wer meine Beiträge kennt, würde eher denken, ich wäre kreuzunglücklich. Man kann doch auch beides sein, oder? Unglücklich weil man keine Zeit mehr hat und total genervt ist und gestresst wird und glücklich weil man endlich das Kind hat, das man immer haben wollte. Sehr schwierig das Thema – und schlussendlich kann man nur sagen, ja, die Frage ist wirklich saublöd 🙂

    Liebe Grüße, Janina

  6. Ich lese jetzt schon eine Weile deinen Blog & freue mich immer über
    deine treffenden Formulierungen. Auch dieser Beitrag trifft mal wieder ganz genau den Kern. Danke 🙂 Du bringst mich oft zum schmunzeln!!!

  7. Du hast es wieder treffend formuliert. Ich habe auch keine Scheu der Wahrheit entsprechend zu antworten, nur leider komme ich nie im richtigen Moment drauf. Darum, die Idee mit den Karten finde ich gar nicht mal so schlecht

  8. Vielleicht ist es auch das Wort „Glück“, welches in diesem Zusammenhang problematisch ist. Ich verstehe, dass es fast schon belastend sein kann, aufgrund der eigenen Kindern glücklich sein zu müssen! Viel eher wäre es hier angebracht von Zufriedenheit oder Freude zu sprechen.

    Alles Liebe
    Mira

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