Selbstgeboren. Kehrseiten einer Protestbewegung.

Ich habe meine Kinder selbstgeboren. Oder etwa nicht?

Ein Aufruf einer Hebamme hat mich und viele andere Mütter in meiner Timeline am Donnerstag aufgewühlt. Worum ging es?

Für ein Buchprojekt rief eine Hebamme Mütter, deren Partner und andere Hebammen dazu auf, ihr die Geschichten von Geburten zuzusenden. Einzige Bedingung: Es musste sich um „kraftvolle und selbstbestimmte“ Geburten handeln. Diese Geburten fasst sie unter dem Stichwort „selbstgeboren“ zusammen. Nicht darunter fallen nach ihrer Definitionen Geburten mit eingeleiteten Wehen, PDA oder Kaiserschnitt.

 

Geht der Hebammenprotest mich nichts an? 

Als ich den Aufruf las, wurde mir schlagartig klar, warum mich der Hebammenprotest bislang so wenig berührt hat: Meine Kinder sind beide in einem großen Krankenhaus zur Welt gekommen und für mich war das gut so. Eine Hausgeburt wäre für mich nicht in Frage gekommen. Bei dem Hebammenprotest geht es natürlich um viel mehr als nur darum, Frauen auch weiterhin Hausgeburten zu ermöglichen, aber was ich immer herausgelesen und gehört habe war überspitzt ausgedrückt: Wir brauchen Hebammen, damit Geburten  ohne Eingriffe von außen und am besten zu Hause stattfinden können- also nicht für Frauen wie mich.

Bis Donnerstag hatte ich mich lediglich nicht richtig angesprochen gefühlt. Der Aufruf, Geschichten über „kraftvolle und selbstbestimmte“ Geburten von Müttern, die ihre Kinder „selbstgeboren“ haben, machte mich nun richtig wütend.

 

Die Kehrseite des Hebammenprotests 

Von meinen beiden Geburten ist eine komplett ohne Eingriffe von außen abgelaufen: Keine PDA, keine Hilfsmittel, kein Dammschnitt- nichts. Die andere Geburt musste eingeleitet werden und nach einigen Stunden winselte ich nach einer PDA. Beide Geburten waren für mich wundervolle Erlebnisse, beide haben mich viel Kraft gekostet und waren ein hartes Stück Arbeit. Beide Geburten sind einzigartig und es sind MEINE Geburten, die Geburten MEINER Kinder, die ich in meiner Erinnerung für immer als die großartigsten Erlebnisse meines Lebens bewahren werde. Und nun kommt jemand und klassifiziert die eine dieser Geburten als kraftvoll und selbstbestimmt und die andere nicht?

Eine Klassifizierung von Geburten ist ganz sicher nicht das Anliegen des Hebammenprotestes, aber er birgt genau diese Gefahr. Frauen darin zu bestärken, dass sie die Kraft haben, ein Kind ohne Hilfsmittel zur Welt zu bringen, ist gut und wichtig, aber der Umkehrschluss darf nicht sein, dass jede Geburt, die nicht ohne Eingriffe auskommt, ein „Weniger“ ist: weniger selbstbestimmt, weniger kraftvoll, weniger natürlich.

Mir ist deshalb wichtig, drei Dinge herauszustellen:

 

1. Auch eine assistierte Geburt kann kraftvoll und selbstbestimmt sein.

Schon an dem Begriff „Selbstbestimmtheit“, der im Zusammenhang mit dem Hebammenprotest häufig fiel, habe ich mich immer gestört, denn es entsteht der Eindruck, dass eine Geburt nur dann selbstbestimmt sein kann, wenn sie ohne Eingriffe verläuft.

Die Geburt meines ersten Kindes wurde eingeleitet, weil die Fruchtblase geplatzt war, aber auch 24  Stunden später keine Wehen einsetzten. Ich war in die Entscheidung zu 100% eingebunden. Die Geburt dauerte insgesamt 18 Stunden. Aufgrund der Einleitung hatte ich sehr starke und sehr rasch aufeinanderfolgende Wehen. Nach ein paar Stunden war ich mit meinen Kräften am Ende und wünschte mir eine PDA. Sie wurde mir nicht angeboten- ich musste danach fragen. Ich war nämlich etwa in der 36. Woche in der Klinik gewesen, um die Geburt zu besprechen. Dort hatte ich gesagt, dass ich es erstmal ohne PDA versuchen möchte, aber auch nicht unbedingt etwas gegen eine PDA hätte.

Ärzte habe ich während der gesamten Geburt nur drei Mal kurz gesehen: Einmal, als die PDA gelegt wurde. Das zweite Mal, als die Herztöne meines Sohnes ganz plötzlich absackten. Wie aus dem Nichts stand innerhalb von Sekunden ein Arzt im Zimmer und vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war- dann verschwand er so schnell, wie er gekommen war. Es gab mir ein herrliches Gefühl von bestmöglicher medizinischer Versorgung. Als schließlich die Geburt nicht weiterging, standen wieder Ärzte im Zimmer und beratschlagten, ob ein Kaiserschnitt nötig werden würde. Zu diesem Zeitpunkt war die PDA längst nicht mehr zu spüren.  Ich war zwar kaum noch geistig anwesend, trotzdem wurde mir alles genau erklärt. Ich hatte in der Besprechung in der 36. Woche erklärt, dass ich aufgrund einiger traumatischer Erlebnisse in der Verwandtschaft nicht das geringste Risiko eingehen wollte. Unter der Geburt habe ich das nochmal bekräftigt. Gemeinsam einigten wir uns darauf, noch ein wenig abzuwarten- und dann ging es zum Glück doch weiter.

Am Ende hielt ich mein erstes Kind im Arm. Ich war Mutter geworden. Niemand hat mir irgendetwas abgenommen- so gerne mein Mann es auch getan hätte. Ich habe es allein geschafft. Mit meiner Kraft und mit von mir gewählten Hilfsmitteln zum von mir gewählten Zeitpunkt.

Selbstbestimmte Geburt

Natürlich gibt es auch andere Beispiele, wie das von Berlinmittemom, die sich vom Klinikpersonal übergangen fühlte, übrigens in derselben Klinik, nur 8 Jahre früher. Wer aber die Beteiligung von Ärzten mit der Abwesenheit von Selbstbestimmtheit gleichsetzt, der schießt über das Ziel hinaus.

 

2. Die Schulmedizin ist ein Segen- sie ist nicht der Feind der Geburtshilfe

Im Zuge des Hebammenprotestes wird immer wieder hörbar, dass Geburten „drohen“ allein in Kliniken verortet zu werden. Eine Klinik ist jedoch ebensowenig eine Bedrohung, wie die Schulmedizin selbst. Ich glaube, dass auch hier zum Teil unglückliche Formulierungen falsche Rückschlüsse erlauben. Denn auf die Schulmedizin können und wollen wohl auch Hebammen nicht gänzlich verzichten.

Ich persönlich halte ein Nebeneinander von Ärzten und Hebammen für ein großartiges System: Die Errungenschaften der Schulmedizin gepaart mit dem Wissen um natürliche Geburtshilfe sichert Mutter und Kind die bestmögliche Versorgung. Innerhalb dieses Rahmens die Möglichkeit zu haben, seine Schwerpunkte wählen zu können, ist etwas, wofür ich dankbar bin. Wir haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wo eine Geburt stattfinden soll- zu Hause oder im Krankenhaus. Es geht darum, die Wahlfreiheit zu erhalten. Wer sich für ein Krankenhaus entscheidet, bringt seine Kinder nicht fremdbestimmt, kraftlos und unselbst zu Welt.

Ich sehe natürlich die Gefahr, dass in Kliniken und ohne Hebammen Eingriffe deutlich schneller gemacht werden, Schmerzmittel schneller verabreicht werden, schnell ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. Das müssen wir Mütter uns bewußt machen, hier sind wir selber gefragt. Unter der Geburt ist man schnell entscheidungsunfähig, also müssen wir Dinge im Vorfeld festlegen und beispielsweise unseren Partner briefen, denn sonst kann uns eine Hebamme genau wie ein Arzt das Heft aus der Hand nehmen.

 

3. Jede Frau bringt ihre Kinder selbst zur Welt

Jede Frau, die ein Kind zur Welt gebracht hat, hat Großes geleistet- völlig unabhängig davon, wie das Kind zur Welt kam. Ich weigere mich, Geburten als mehr oder weniger „richtig“ oder „gut“ einzustufen, und somit einen unsinnigen Wettbewerb unter Müttern zu schaffen: Wer am meisten Schmerzen ausgehalten hat, der hat es am besten gemacht. Wer einen Kaiserschnitt braucht, hat versagt. Wer eine Saugglocke benötigt, hat sich nicht richtig angestrengt…

 

Es darf und es kann aus meiner Sicht keine Abwertung von Geburten geben und das gilt für jede Geburt inklusive geplanter Kaiserschnitte. Jede Mutter will das Beste für ihr Kind. Sie trägt und übernimmt die Verantwortung für das Leben ihres Kindes. Eine Entscheidung, die in diesem Zusammenhang getroffen wird, kann nicht falsch sein. Auch einem geplanten Kaiserschnitt geht eine Entscheidungsfindung der Mutter voraus, und am Ende ist das eben ihr Weg, ihr Kind auf die Welt zu bringen.  Ich tue mich sogar schwer damit, eine Geburt als mehr oder weniger natürlich zu bezeichnen. Wenn ich an die Geburt meines Sohnes zurückdenke, die sowohl eine Einleitung als auch eine PDA beinhaltete, so kann ich nur sagen, dass ich mich nie zuvor und nur einmal danach (bei Sohn Nr 2) so nah dran am Leben gefühlt habe. Eine Geburt ist das pure Leben. Immer. Wie kann sie nicht natürlich sein?

Ein Buch mit dem Titel „Selbstgeboren“ sollte ein buntes, facettenreiches Buch voller Geschichten sein, die so unterschiedlich sind, wie die Frauen selber. Subjektive Erlebnisse, aber alle voller Kraft- der Kraft von uns Müttern.

Ich habe zwei ganz unterschiedliche Geburten erlebt.

Ich habe gekämpft, gelitten, gehofft, gebetet, geweint.

Ich habe es geschafft.

ICH.

Ich habe meine Kinder selbstgeboren. Wer denn sonst?

 

Unterschrift_blog

 

 

 

 

34 Kommentare

  1. MissCe84

    Du sprichst mir sooo aus der Seele! Ich finde dieses eindimensionale Denken ganz fürchterlich. Ich wünsche mir mehr Toleranz und weniger Verurteilungen für jede Seite.

  2. wow! toller artikel, danke.

    ich habe 3 kinder auf die welt gebracht:
    lara mit saugglocke (kann ich nicht pressen?)
    lilli mit einleitung, pda und saugglocke (nein, ich kann es nicht..)
    sophie sturzgeburt „ohne alles“ (ach, DAS sind presswehen!)

    hab ich toll gemacht, finde ich, und jedes mal war es sooo toll, dass ich am liebsten nochmal möchte 😉

    natürlich möchte ich nicht auf hebammen verzichten, sie sind super wichtig und tolle begleiter- aber du hast schon recht, JEDE geburt ist gut und schön und richtig und die sicherheit haben zu wollen, in einer klinik zu entbinden sollte auch respektiert werden.

    lg, yvette

    ps: passt jetzt nicht, aber ich mach gerade eine blogparade zum kindergeburtstag. du planst doch bald einen 1. geburtstag, oder?
    http://www.engelundbanditen.de/blog/blogparade-zum-thema-kindergeburtstag/

    • Liebe Yvette, Danke für diesen Kommentar! Ich möchte auch am liebsten nochmal!! Deine Blogparade schaue ich mir gleich mal an! LG Mia

  3. Danke! Du sprichst mir aus der Seele. Wirklich Super auf den Punkt gebracht. Liebe Gruesse aus Marokko

  4. Huhu

    Ja, du hast Recht! Es ist absolut falsch ausgedrückt, natürlich sind auch Geburten mit dpa etc. selbstbestimmt, und beileibe nicht weniger Wert, als eine interventionsarme Geburt.
    Nicht richtig ist jedoch, dass es bei dem Hebammenprotest um außerklinische Geburtshilfe geht. JEDE Hebamme muss sich versichern, auch angestellte Klinikhebammen.
    HIER ist es super zusammengefasst: http://www.zockt.com/vonguteneltern/?p=1537

    LG, sunrise (Hebamme in spe 😉 )

  5. Ich hatte einen geplanten KS. BEL. Spontangeburt wäre uns nach Kindslage zu gefährlich gewesen und ein passendes KH war auch nicht in der Nähe. Ich habe lange nach der Geburt noch mit mir gehadert, letztendlich war es richtig. Ich hatte 2 Wochen lang Schmerzen, konnte nicht aufrecht gehen. Auch ich habe „unter Schmerz“ geboren, der seelische musste lange verarbeitet werden… deswegen finde ich solches in Schubladen stecken auch zum ko…
    Jede Mutter wird geboren, wie auch ihr Kind. Egal wie… Schmerz ist immer dabei und jede Geburt verdient Anerkennung..

  6. Katharina

    Du hast völlig recht! Eine seltsame Unterscheidung.
    Meine Tochter ist auch in der Klinik geboren, und das war genau so gut, wie es war.
    Allerdings war da eine Hebamme dabei, bei dir sicher auch, die in jeder Situation, auch bei der Frage Eingriff ja oder nein, für mich da war. Wie eine Geburt ohne Hebammen wäre kann ich mir nicht vorstellen. Wenn Hebammen keine Berufshaftpflicht mehr bekommen können trifft dies auch jede einzelne Klinikgeburt.
    Ich finde es sehr, sehr schade bei vielen das der Eindruck besteht, beim Hebammenprotest ginge es nur um Haus- und Geburtshausgeburten. Es geht auch um Beleghebammen, um Klinikangestellte Hebammen und um die anderen geburtsbezogenen Dienstleistungen, von der Schwangerschaftsbegleitung über Geburtsvorbereitung bis zu Nachsorge und Rückbildung. Gerade die Nachsorge daheim, in der eigenen Wohnung, und die Hilfe bei den ersten Tagen mit dem Baby, möchte ich nicht missen.
    Daher meine Bitte: hilf mit, dass der Eindruck, beim Hebammenprotest ginge es nur um Haus- und Geburtshausgeburten ohne Hilfe der Schulmedizin, falsch ist!

    PS: ich lese hier seit ein paar Monaten sehr gerne mit, meine Elternzeit neigt sich dem Ende entgegen und ich gehe wieder Teilzeit in „meiner“ Rechtsabteilung arbeiten. Du sprichst mir oft, nicht nur mit diesem Post, aus der Seele!

  7. Liebe Mia,
    vielen Dank für diesen tollen Artikel.
    Ich finde es eine Karastrophe, wenn sich Mütter gegenseitig bewerten hinsichtlich ihrer Geburten.
    Was mir hier fehlt, ist ein Punkt 4, warum der Hebammenprotest-Elternprotest alle angeht. Es geht ja eben darum, dass uns Frauen das Recht auf Hebammenunterstützung egal in welcher Phase von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett und egal wo zusteht. Diese Recht wird uns genommen, wenn nichts passiert. Ohne unseren Einsatz werden die Politiker weiter beobachten und abwarten. Das tun sie seit 2010 (oder seit 2007 oder noch länger?).
    Hier in Bayern werden übrigens etwa 80% der Kreißsäle von freien Hebammen geleitet. Was passiert, wenn plötzlich 80% schließen? Wo sollen wir hin zur Geburt?
    Ich würde mich sehr freuen, wenn du deinen Artikel ergänzen würdest. Es ist so wichtig, dass endlich ankommt, worum es wirklich geht bei der Hebammenunterstützung der verschiedenen Initiativen und Vereine.

    Herzliche Grüße aus München
    Laura

  8. Wie recht du doch hast, mit allem, was du schreibst.Hier waren es drei Kaiserschnitte bis jetzt, keiner davon freiwillig. Ich brauche nicht noch jemanden, der mich für diesen Geburtsmodus verurteilt.
    Danke für diesen Post.

  9. Anne Kathrin

    Hallo Mia,
    ein toller Artikel, der mich persönlich berührt und betrifft!
    Auch ich habe einen Kaiserschnitt beim zweiten Kind erlebt… Lange habe ich mit dem Ausgang dieser Geburt gehadert, doch auch mein Kaiserschnitt war eine Selbstbestimmung Geburt für mich und unseren Sohn! Wenn es nach dem Arzt gegangen wäre, hätte ich meinen Sohn unter Vollnarkose bekommen, dich ich habe „SELBSTBESTIMMT“ entschieden, dass er bei vollem meinem vollen Bewusstsein das Licht der Welt erblickt, wenn uns genügend Zeit bleibt…. (Ich wollte nicht umsonst fünf vorhergegangene Stunden ohne Schmerzmittel hinter mich gebracht haben müssen.
    Zu meinem Glück hatte ich eine Hebamme, die mich in diesem Wunsch unterstützt hat…
    Vielen Dank noch mal für deine Schilderungen, ich wünsche dir ein schönes Wochenende,
    liebe Grüße von Anne Kathrin (mit zwei unterstützten Geburten)

  10. Mädelsmama

    Ja du hast Recht! Diese Unterscheidung finde ich auch diskriminierend und vermittelt den Eindruck, dass nur eine bestimmte Form der Geburt erstrebenswert und erfüllend ist.
    ABER: Ich finde es fast tragisch dass du bisher dachtest, der Hebammenprotest ginge dich nichts an! Es ist sicherlich auch auf die unzureichende oder fehlerhafte Berichterstattung in der Presse zurück zu führen. Ich befürchte dass viele Frauen so denken wie du. Es betrifft nämlich eben doch auch Frauen, die ihre Kinder im Krankenhaus bekommen! Zusätzlich sind Leistungen wie Vorsorge, Nachsorge und Kurse wie z.b. Rückbildung betroffen. Das fällt auch alles weg! Und auch wenn sich wieder ein Versicherer findet: bei der geringen Bezahlung werden sich das immer weniger Hebammen leisten können. Da wird ein Beruf systematisch kaputt gemacht, der für uns Frauen so wichtig ist! Das darf uns nicht egal sein!!!

  11. Danke für diesen Text.
    Was hätte ich vor und während meiner traumatischen Geburt nur ohne Hebammen gemacht?
    Sie begleiten auch Fehlgeburten, Abtreibungen, Kaiserschnitte, die Zeit danach, die nötigen Trauerprozesse, die nötigen Entscheidungsprozesse.
    Auch Hebammen können, genau so „gut“ wie Ärzte, der Gebärenden und Wöchnerin das Heft aus der Hand nehmen, die Selbstbestimmung entziehen.
    Und wer sich – aus welchen Gründen auch immer – für eine Klinikgeburt oder einen Kaiserschnitt entscheidet, gibt nicht seine Selbstbestimmung an der Anmeldung ab! Nur damit das noch einmal gesagt ist.

  12. Beim Hebammenprotest geht es darum, die Wahlfreiheit zu erhalten. Dass ich eben nicht in ein Krankenhaus MUSS, weil es keine andere Möglichkeit mehr gibt, sondern dass ich mich entscheiden darf. Weil ich den für mich besten Ort zum Gebären gewählt habe. Das schließt Beleg- und Klinikgeburten allgemein ein. Das Problem betrifft ALLE Hebammen, auch die im Krankenhaus angestellten. Denn es geht auch um den Wegfall von Beratung, Vorsorge, Kursangebote und Nachsorge durch Hebammen. Da frage ich mich wirklich, warum Dich bzw deine Töchter und Schwiegertöchter nicht tangieren sollte.
    Die Herausgeberin des Buches hat sich Kriterien überlegt, weil ihr Buch eine bestimmte Art von Geburt zum Th
    ema hat. Es gibt Bücher über Hausgeburten, Kaiserschnitte, Pdas. Ich fühle mich doch nicht diskriminiert, weil das Thema eines Buches mich nicht zur Zielgruppe hat.

    • Liebe Jessica, vielleicht hast du den Text nur überflogen? Die Punkte, die Du ansprichst kommen z.T. sogar wörtlich in meinem Post vor. LG Mia

  13. danke für den artikel.
    allerdings sitzt du der gleichen unterscheidung wieder auf. auch eine eingeleitete, ein ks, eine mit pda etc kann selbstbestimmt sein? das ist doch nicht der punkt. ich hatte eine ziemlich unselbstbestimmte geburt mit not-ks und habe nun viel mit dem diskurs zu kämpfen, das sei ja keine richtige, echte geburt gewesen. what?! wir haben überlebt (!!!) und es war irgendwie trotz allem auch schön. jegliche klassifizierung einer geburt ist schlimm. egal wie weit du die definition von selbstbestimmt öffnest. immer ist eine unter uns darunter, die noch unselbstbestimmter die geburt erlebt hat und durch die klassifizierung mal wieder verletzt wird.

    • Liebe foufly, richtig, der Punkt ist nicht, wie selbstbestimmt eine Geburt ist, oder ob sie überhaupt selbstbestimmt ist. Ich wollte nur die Definition von selbstgeboren der Autorin auseinandernehmen. Am Ende habe ich aber formuliert (und da sind wir ganz einer Meinung), dass jede Geburt ihre eigene Geschichte hat und der Weg von dieser Frau und diesem Kind ist. Jede Klassifizierung ist unfair und unnötig.
      LG Mia

  14. Ich hab nochmal über den Artikel und die Kommentare nachgedacht.
    Mich stört der Titel „Kehrseiten einer Protestbewegung“. Denn der Aufruf der Autorin und Hebamme zum Buchprojekt „selbstgeboren“ ist ja nicht mit dem Hebammen-Elternprotest verknüpft.

    Wie also können wir Mütter erreichen, dass unser Recht auf Hebammenunterstützung vor, während und nach der Geburt nicht abgeschafft wird? Das freie Wahlrecht bedeutet ja auch, dass ich als Frau entscheide, in welche Klinik (sofern es noch eine Auswahl gibt) ich zur Geburt gehe. Oder ob ich zur Geburt in ein Geburtshaus gehe oder zuhause bleibe.
    Selbstbestimmt bedeutet, dass ich aufgeklärt und nach Abwägung aller Möglichkeiten und Risiken entscheide, was für mich und mein Baby das Beste ist.
    Ohne Hebammen sieht es, egal an welchen Ort, ziemlich düster für uns aus.

    Ich bin überzeugt davon, dass wenn angemessen bezahlte Hebammen, egal ob angestellt oder freiberuflich, in ausreichender Zahl in Geburtskliniken arbeiten, dort eine 1 zu 1 Betreuung der Gebärenden gewährleistet ist und dort nicht Rationalisierung, Kostendeckung und Auslastung der Geräte im Vordergrund stehen, für mehr Mütter als heute selbstbestimmte Geburten möglich sind.

    Geburten, bei denen sich Mütter übergangen, ungehört und fremdbestimmt fühlen, sind oft durch Klinikroutine, Zeitmangel, Personalmangel, fehlender oder mangelhafter Aufklärung und verloren gegangenem Geburtswissen bedingt.

    Wer für selbstbestimmte Geburt – egal wie und egal wo – eintritt, muss also automatisch für den Erhalt des Hebammenwissens kämpfen!

  15. Mir gefällt deine Art zu schreiben und dein Artikel spricht mir aus der Seele!
    Ich hatte bei der Geburt meines Sohnes erst eine Einleitung, dann eine PDA und zu guter Letzt dann doch einen Kaiserschnitt!
    Meinen Sohn habe ich im Krankenhaus mit Hilfe einer Beleghebamme, die mir die ganze Zeit zur Seite gestanden hat, zur Welt gebracht. Ich habe alles in Anspruch genommen, was mir zur Verfügung stand und das nur zu einem einzigen Zweck: Ich wollte alles mir mögliche für mein Baby tun, damit es den bestmöglichen Start ins Leben hat. Ich bin keine schlechtere Mutter, weil ich die moderne Medizin in Anspruch genommen habe und doch kommt es einem manchmal so vor, als würden viele Menschen ebendiese Meinung vertreten.
    Danke für diesen tollen Artikel!

  16. elisabeth

    Ich denke es geht bei diesem Aufruf um Geburtserlebnisse, in denen die VERANTWORTUNG die Frau bei der Geburt selbst getragen hat. Da ich auf einer Geburtenstation arbeite, sehe ich immer wieder Frauen,die Ihre Eigenverantwortung an der Tür beim eintreten abgeben. Oft wird dies eben vom diensthabenden Mediziner inszeniert. Da wird mit Angst die Frau soweit gebracht, nicht mehr den eigenen weg zu folgen, sondern auf „das Beste“ – für den Arzt einzusteigen.
    Dieser Aufruf hat für mich den Hintergrund, ALLE Möglichkeiten für Mutter und Kind offen zu lassen und den Weg für beide so frei zu halten wie möglich. Ob dabei eine PDA oder Einleitung oder Kaiserschnitt nötig ist nebensächlich, solange Gebärende nicht fremdkontrollieren lassen. Lg Elisabeth

  17. Hab Traenen in den Augen, nachdem ich den Beitrag jetzt gelesen habe. Meine 2 Soehne sind beide durch Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Es war nicht meine Wahl, die Gruende waren rein medizinisch. Und doch habe ich mich selbst, insbesondere nach der ersten Geburt, mehrere Male sagen gehoert: „Wer einen Kaiserschnitt braucht, hat versagt“. So habe ich mich lange Zeit nach der Geburt gefuehlt, ich machte mir selbst Vorwuerfe, dass ich als Frau und als Mutter das Wichtigste im Leben nicht richtig geleistet habe. Es war ganz schlimm so zu fuehlen, ich denke, ich war damals sogar sowas von depressiv. Jetzt aber, nach ueber 6 Jahren seit der Geburt meines aelteren Sohnes, bin ich viel staerker und nicht mehr so streng mir gegenueber. Aus genau den Gruenden, die du oben so schoen genannt hast. Frueher sagte ich immer „meine Kinder wurden … geboren“, ich wagte einfach nicht mit Worten „Ich hab Rafael und Radoslav zur Welt gebracht“. Heute hab ich schon den Mut.
    es gruesst (aus Polen)
    anja 🙂

  18. Liebe Mia, einen ganz wunderbaren Artikel hast du da geschrieben. Und du hast vor allem so recht damit. Ich war so schockiert von dieser Hebamme und ihrem Buchprojekt, dass ich dazu auch gleich was geschrieben habe. Liebe Grüße, Dajana

  19. Super Artikel, finde ich ganz klasse!

    Ich hatte eine Geburt mit Einleitung (weil sich trotz 4 Nächten starker Wehen die Frequenz derselbigen nicht unter 10 Minuten bewegt hat, PDA, Saugglocke und am Ende noch Bluttransfusionen wegen Uterusatonie III. Grades. War das heftigste Erlebnis meines Lebens, es war für mich und meinen Sohn ganz knapp. Laut den Hebammen im Krankenhaus, die zusammen mit den Ärzten einen phantastischen Job gemacht haben, hätte ich eine Hausgeburt nicht überlebt. Ich finde es deswegen eine Unverschämtheit, dass Hebammen meinen, ich hätte deswegen meinen Sohn nicht „selbstgeboren“.

    Klar ist die Versicherungssituation für Hebammen schlimm, ich hätte auch nicht auf meine Nachsorgehebamme verzichten wollen, aber wie immer im Leben geht es um „Leben und Leben lassen“, jeder soll doch wählen können, wie er gebären will, da brauche ich keine blöden Kommentare von Hebammen…….

  20. Super super super, ich lese hier immer öfter und finde immer mehr. Aber dieser Artikel ist einfach super!
    Danke!!!

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