Alles im Griff. Alles relativ.

Es ist so einfach, dass ich mich wundere, warum ich da nicht früher drauf gekommen bin. Endlich habe ich den Schlüssel für das „Ich-bin-so-eine-tolle-Mutter-Gefühl“ gefunden!

Na schön, die Methode entspricht wohl nicht so ganz der feinen englischen Art, aber wer sein Schlafdefizit seit Monaten wie eine Tsunami Welle vor sich her schiebt, wer drei Mal täglich zur Haustür rennt, um dann festzustellen, dass das Klingeln doch wieder nur in seinen Ohren war und wer ständig von einem zahnenden Baby so vollbesabbert wird, dass er sich von den nassen Klamotten schon eine Erkältung zugezogen hat, der muss nehmen, was er kriegen kann.

Mein Mutter-Ich kennt gute und schlechte Tage.  Die ganz besonders schlechten Tage erleidet mein Mutter-Ich nicht durch meine Kinder, sondern durch andere Mütter. Es gibt da vor allem eine Mutter in meinem Umfeld, die es regelmäßig schafft, dass ich mich schlecht fühle. Sie scheint alles im Griff zu haben, ist immer auf jede Lebenslage vorbereitet, kennt für jedes Problem die passende Lösung, hat immer auch für mein Kind Obst, Gemüse, Getränke dabei. Ihre Kinder können alles besser als meine, können alles früher als meine und sind vor allem besser erzogen. Das liegt natürlich daran, dass ich meine Kinder überhaupt nicht erziehe, deswegen macht sie das kurzerhand für mich mit.

Ich finde sie eigentlich nicht besonders toll. Ich habe regelmäßig nichts zu essen dabei, weil ich nicht glaube, dass meine Kinder im 60-Minuten-Takt etwas essen müssen. Ich habe kein Spielzimmer im Kofferraum meines Autos dabei, weil ich glaube, dass meine Kinder immer und überall etwas zum Spielen finden. Ich finde, diese Mutter ist immer ein bißchen „drüber“, aber ich fühle mich trotzdem nicht gut, wenn ich nach einem Tag mit ihr wieder zu Hause bin. Ich fühle mich faul, wenn ich auf der Bank sitzen bleibe, während sie die Streitereien unserer Kinder löst. Ich fühle mich wie ein Schmarotzer, wenn meine Kinder ihren Kindern die Apfelschnitze wegessen. Und ich gerate ins Grübeln, ob mein Sohn nicht vielleicht doch (so wie ihrer) langsam eine Fremdsprache lernen sollte.

Ebenfalls nicht gut für meinen inneren Frieden sind Mütter mit nur einem Kind, das schon mindestens vier Jahre alt ist. Die unterhalten sich immer so ruhig mit ihren Kindern, während von meinen immer eines brüllt und eines an mir rumzerrt, oder eines gerade auf die Straße rennt während das andere sich Sand in den Mund stopft. Dann fühle ich mich immer, als hätte ich gar nichts im Griff und als sei ich total überfordert. Während ich kopflos versuche, meine Kinder davor zu bewahren, sich den Hals zu brechen oder sich zu vergiften, stehen Mutter und Kind da, knabbern mitgebrachte Bio-Möhren und sehen mich mitleidig an.

Eher zufällig bin ich auf den Trichter gekommen, dass ich einfach nur in die Rolle der anderen Mutter schlüpfen muss, damit ich zufrieden lächelnd den Heimweg vom Spielplatz antreten kann.

Wir trafen eine befreundete Mutter auf dem Spielplatz. Sie musste das Anschaukeln ihres 1 1/2-jährigen unterbrechen, weil das Neugeborene wie am Spieß schrie. Während sie das Baby stillte, machte der Große ein Riesentheater und ihr blieb nichts anderes übrig, als verzweifelt zu versuchen, ihn mit immer lauteren Ermahnungen zu beruhigen, denn sie saß ja stillend auf der Bank fest. Mit hochrotem Kopf und zerzausten Haaren verließ sie später gemeinsam mit uns den Spielplatz. Ihr Großer wollte erst gar nicht laufen, dann wollte er weglaufen, dann schmiß er sich protestierend auf den Boden- das volle Programm. Mein Großer fuhr friedlich auf seinem Laufrad neben mir her, der Mini schlief im Kinderwagen. Gut, der Mini hatte vermutlich etwa 700g Sand im Bauch und der Maxi sang irgendetwas von „Kackpups“ , aber was ist das schon gegen zwei brüllende Kinder?

Plötzlich war ich diejenige, die ein bißchen mitleidig der anderen Mutter ihre Hilfe anbot. Ich war plötzlich diejenige, bei der scheinbar alles wie am Schnürchen lief. „Ja, als der Mini geboren wurde, hatte der Maxi auch eine anstrengende Zeit, aber das wird besser“, konnte ich total relaxed erklären. Ich war mit meiner Mutterrolle im Einklang, ich hatte alles im Griff.

Trefft Euch nicht mit diesen Supermüttern. Sucht Euch Mütter mit möglichst vielen, möglichst kleinen Kindern, am besten doppelte Drillingsmütter und verbringt die Nachmittage mit denen. Wenn ihr mal das Gefühl habt, ihr habt nichts im Griff: Es gibt immer jemanden, der hat die Dinge noch weniger im Griff!

Jaaa guuuut, das ist gemein. Aber man kann nicht immer nur nett sein. Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass sich einige Mütter aus genau diesem Grund so gerne mit mir treffen…

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20 Gedanken zu “Alles im Griff. Alles relativ.

  1. *strahl*freu* grins* oh wie wunderbar.. wie perfekt!!!!!!!!! genau das das habe ich heute zum lesen gebraucht.. nachdem ich nach einem fiesen tag mit 2 kindern,( eins zahnend mit erkältung, eins noch am ausfechten der erziehungsdefizite seiner chemo und bestrahlungszeit) aufs sofa fiel.. und mir ( mal wieder) dachte ich bin die mieseste,unkompetenteste mutter der welt… 🙂 herrlich , danke

    1. Oh, das klingt wirklich schlimm. Chemo und Bestrahlung, das hört sich nach einer sehr schlimmen Zeit an. Ich hoffe, Ihr habt das überstanden!? Liebe Grüße. Mia

  2. Das hast du mal wieder sehr witzig auf den Punkt gebracht liebe Mia 🙂 ich treffe mich schon seit langem nur mit Mamas die eine ähnlich Grundeinstellung haben wie ich,unabhängig wieviele Kinder und welcher Altersabstand. Das allgemeine aneinander messen findet meiner Meinung nach nur unter Müttern statt,die sich eh nicht 100% grün sind,also gibt es nur eins,solchen Menschen aus dem Weg gehen! 😀 funzt bei mir prima!
    LG Kristin,Leo (3J.) und Mats (6Mon.)

    1. Genau das finde ich auch! Wenn sich die Mütter super verstehen, dann wird nämlich auch mal über etwas anderes, als die Kinder gesprochen:)
      Ich habe es mir schon lange abgewöhnt, einfach so auf den Spielplatz zu gehen, um dort auf irgendwelche tollen Mütter zu treffen. Ich verabrede mich mit Frauen die ich mag und unsere Kinder können spielen, ganz ohne Vergleiche oder sonstiges.

  3. 🙂 Sehr schön..

    Wir hatten auch so zwei Mütter in unserem Kinder-Kurs.. „Also bei uns…“ Ich bin gleich beim ersten Termin „unangenehm“ aufgefallen, da ich es wagte meinem Kind (damals 15 Monate) zum Frühstück, was die Kleinen dort gemeinsam abhalten, einen Leibnitz-Keks zu reichen.. „Ahhh, da gibt es schon Leibnitz-Kekse, also bei uns gibt es die noch nicht…“ Dazu eine verächtlich hochgezogene Augenbraue.. So ging das dann auch weiter, bis sie dann in den „besseren“ Kurs gewechselt haben..

    Nachmittags erwischte ich mich dabei, das ich bei DM vor den Super-Duper-Ökö-Dinkel-Keksen stand.. Nach einigen Sekunden dachte ich mir nur: Bist Du eigentlich bescheuert??

    Ich habe mir angewöhnt, mit solchen Sachen teilweise bewußt zu provozieren 🙂 Das macht auch Spaß und ich habe so gar kein schlechtes Gewissen. Weder gegenüber dem Kind noch mir selber.

    Bin eh der Meinung, das die Familien, die nach außen immer so rund laufen und alles so super im Griff haben zuhause hinter verschlossenen Türen ihre Kinder genauso „unmöglich“ behandeln wie wir 🙂

    Es gibt so ne schöne Kurzgeschichte, ich glaube von Kerstin Gier aus der Mütter Mafia-Reihe, wo genau das zum Thema steht, sich die Mutter neidisch auf die Super-Tolle Mutter einschießt und hinterher das alles nur Lug und Trug nach aussen ist.

    Dann geh ich eher als durchgeknallt durch.. Zumal mein Kind jetzt gerade so rüüüchtüg in der „Ich setz mich jetzt hier und steh nie wieder auf“ Phase, am liebsten auf den schmalen Fußweg, wo kein Mensch durchkommt (jetzt 19MOn) 🙂

    Hihi, was mir gerade noch einfällt: Das von Dir beschriebene Gefühl geht auch bei Hunden.. Meine beiden gehören zu der Rasse „HörtNicht“.. Beim Tierarzt waren sie aber so aufgeregt, das sie ausnahmsweise mal hörten und fein Platz machten.. Da meinte die Hundemutter mir gegenüber: Guck dir das an, die können das 🙂 Sonst bin ich immer die mit dem keifenden Kleinhund, der immer mit hochgezogenen Augenbrauen bedacht wird.. Besonders spannend, wenn Kind dazu die Sitzblockade ausführt 🙂

    Schönen Abend noch

    1. Liebe Nicola, DIE Phase hat der Maxi zum Glück hinter sich, aber da habe ich ja auch immer Schweißausbrüche bekommen, wenn der sich irgendwo auf die Erde geschmissen hat und gefühlt die halbe Stadt ihre mitleidigen Blicke auf mich gerichtet hat. Viel Spaß noch 🙂

      1. Ich bin da recht entspannt 🙂 Und das obwohl ich mit meinen jetzt 36 Jahren laut der Theorie meiner jüngeren Schwester zu der von dir beschriebenen Art Mütter gehören müsste.. Spätgebärende und so..

        Ich bin zwar noch nicht soweit, das ich mich auch auf den Rücken schmeißend daneben lege (dafür ist das hier doch zu sehr Dorf), aber ich kann das aushalten 🙂 Gerne auch der engen Kasse im Rewe, wo Kind sowohl links als auch rechts mit leicht gestrecktem Arm an die Süßigkeiten kommt 🙂

  4. Uaaahahaha! Ich liebe diesen Text. Danke! Genauso eine Mutter habe ich auch im Freundeskreis. Aber ich mag sie sehr. Trotzdem fühle ich mich schlecht, wenn wir uns mal treffen. Auch ich sitze nämlich lieber faul auf der Bank, während sie auch noch meine Tochter anschaukelt. Jawoll.

    Hach, danke. You made my day!

    Liebste Grüße

  5. Love it! 🙂 du hast mir echt den tag gerettet nach einer schlaflosen Nacht wegen den zähnchen :/

    Ich werde deinen tipp befolgen denn ich fühle mit dir 🙂

    Grüsse aus Zürich
    Tanja

  6. Oh wie Recht Du doch hast! Düsen Post rahme ich mir ein! Es wird genug Tage geben, an denen ich ihn brauchen werde. Denn erst gestern brauchte es mal wieder drei Anläufe um meine schreienden und trotzenden Kinder vom Spielplatz zu bekommen… und erst mit Hilfe einer anderen Mutter war ich erfolgreich. Danach hätte ich erst einmal heulen können. So geht es mir oft am späten Nachmittag… je quengeliger die Kinder werden, desto mehr ist mir zum heulen zumute. Und wenn ich innerlich total aufgescheucht und unruhig zu hören bekomme „Ich bewundere immer Deine Ruhe. Ich könnte nicht so ruhig bleiben!“… ich auch nicht, aber scheinbar wirke ich nach außen hin anders als ich mich innerlich fühle!

    Ganz liebe Grüße
    Katharina

    P.S. eigentlich wollte ich schon die ganze Woche gefragt haben, ob Ihr Sonntag Zeit habt. Aber so kurzfristig seid Ihr sicherlich schon verplant.

  7. Hallo Mia,

    wie recht du hast! Ich habe vier Kinder und bin alles andere als perfekt..Was ich auch immer besonders schlimm finde ist diese ständige Esserei…auf dem Spielplatz angekommen wird nicht gespielt sonder gegessen, die knappe Stunde im Marionettentheater kann nur überlebt werden, wenn mindestens 1 Liter Flüssigkeit, 2 Äpfel und eine endlose Menge an Keksen gereicht wird. Ich finde das schrecklich!!! Auch ich bin der Meinung, ein Kind braucht nicht ständig zu Essen. Das sind dann die Mütter die mich volljammern: Mein Kind isst ja sooo schlecht zu den Mahlzeiten. Ja warum wohl??? Und wenn ein Kind tatsächlich mal Hunger hat? Ich frage mich ob das nicht sogar gut ist? Klar, alles im Rahmen natürlich. Aber darf der Bauch nicht mal knurren und man sich so richtig auf die nächste Mahlzeit freuen? Darf ein Kind nicht auch mal frieren und sich auf das knisternde Feuer zu Hause im Ofen freuen? Es darf und es sollte! LG Sandra

  8. Bei uns war es gestern genau anders rum. Wir waren auf dem Spielplatz und der kleine Mann spielte ganz lieb und friedlich alleine im Sandkasten. Ich saß auf der Bank und genoss die Sonne. Außer uns waren nur noch eine andere Mama mit ihren beiden Kindern dort. Die Ältere (schätzungsweise 5 Jahre alt) hatte sich ein Spiel ausgedacht und wurde fuchsteufelswild als die Mama und die kleine Schwester nicht genau die Regeln befolgten. Sie schrie, heulte und schlug um sich. Ich versuchte das ganze Szenario zu ignorieren und schaute angestrengt in die andere Richtung. Mein Kleiner allerdings dachte gar nicht daran das zu ignorieren und stellte sich direkt vor die Familie und schaute denen ganz interessiert zu. Ich glaube, das machte die Mutter, die ziemlich laut wurde, ganz schön nervös, denn sie wurde noch lauter. Daraufhin kam der kleine Mann zu mir, gab mir einen Kuss, drückte mich kurz und spielte wieder seelenruhig weiter. Obwohl ich überhaupt keinen Grund hätte, war mir das ganze irgendwie peinlich.

  9. thumbs up für diesen post … sooo wahr.
    habe 2 kinder genau im alter von deinen und auch immer wieder das gefühl ich krieg nix gebacken. mein sohnemann ist irgendwie jetzt mit 3 erst richtig in der trotzphase angekommen. also auf dem boden rumsitzen und heulen ist bei uns noch ganz aktuell.

    lg

  10. „doppelte Drillingsmütter“ – diese Rarität wird schwer zu aufzufinden sein. Aber da ich erst ein Kind habe, tun es vielleicht Mütter mit zwei Kindern auch? 😉

    Schön geschrieben und irgendwie sooo war. Es ist doch alles relativ.
    LG Wiebke

  11. *kicher** Jetzt muss ich gerade ein bisschen Lachen. Die Idee ist wirklich gut 😉 (wenn auch ein wenig fies)

    Ich denke auch immer, dass es so extreme Supermütter gibt, bei denen scheinbar alles perfekt ist. Haushalt grundsätzlich tip top. Immer gestyled hoch 10 und die Kinder sowieso die Liebsten. Selbstverständlich hat sie auch was zu Essen bei und ihre Kinder trinken anstandslos Wasser aus ihren Tupper-Flaschen. Da kommt man sich stets so Rabenmuttermäßig vor daneben…

  12. Liebe Mia, du musst es von der positiven Seite sehen! Die Supermutter hat Essen, Spielzeug, Windeln, Taschentücher,… dabei? Super! Sparst du dir schon die Zeit, alles selber zu schnippeln und zusammenzupacken. Sie kümmert sich um die Kinder? Cool! Nimm dir doch demnächst was zu lesen mit! Der Einfachheit halber könntest du sie nnatürlich auch bitten, deine Kinder direkt mit zum Spielplatz zu nehmen. Schafft sie doch bestimmt mit links… 😉
    P.S.: ich kann Kristin nur beipflichten. Wenn sich die Mütter nicht ganz grün sind, entsteht eher dieses Konkurrenzgefühl. Bei richtig guten Freundinnen können sich die Kinder noch so daneben benehmen, da fühle ich mich trotzdem nicht schlecht!

  13. Liebe Mia,

    Ich musste zwar auch erst schmunzeln, da ich mich einige Male ähnlich doof gefühlt habe und auch die andere Seite erleben konnte.
    Dann dachte ich aber: „Warum zieht sie Mia diesen Schuh überhaupt immer noch an?“ An vielen Stellen lese ich momentan wie unvollkommen sich einige Mütter fühlen, weil sie es woanders wie am Schnürchen klappen sehen.
    Aber kennen sie auch alle Seiten dieser vermeintlichen Super- Mütter?
    Ich habe im Laufe der Jahre vielfach die Erfahrung gemacht: War ich an Stelle A neidisch, klappte es aber eben an Stelle B gar nicht. Auch wenn manchmal etwas Zeit vergehen musste, aber das Bild der perfekten Mom bröckelte immer irgendwann.
    Was glaubst Du, wie oft Du damals (insgeheim) für dein Durchschlafkind beneidet worden bist?
    Inzwischen denke ich mir einfach beim ersten neidischen Gedanken einfach: „Dafür wird es wohl an anderer Stelle nicht so gut klappen. Nur das erzählt sie einfach nicht oder wird noch kommen“.

    Aber das Ding mit der allzeit bereiten und stets perfekten Supermom nehme ich keiner mehr ab – und verstehe nicht, warum man sich deswegen das Leben schwer macht.

    1. Das trifft ja genau den Kern. Ich glaube definitiv nicht, dass es eine Supermom in dem Sinne gibt, dass bei ihr an allen Ecken alles super läuft. Deswegen heißt der Post ja auch: „Alles relativ“. Bei der einen klappt es hier besser, bei der anderen da, und deshalb sucht man sich die Leute, mit denen man seine Zeit verbringt, am Besten mit Bedacht aus.LG Mia

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