Im Wochenbett

In der Nacht, in der ich meinen ersten Sohn zur Welt brachte, fing es an zu schneien. Es schneite so stark, dass keine Busse mehr zur Uniklinik auf dem Venusberg hoch fuhren. Wir waren froh, dass wir noch vor dem großen Schneechaos ins Krankenhaus gefahren waren.

Es schneite mehrere Tage lang und der Schnee blieb wochenlang liegen. Wie eine dicke Schicht Watte legte sich der Schnee auf die Stadt, um unser Haus und um unsere neue kleine Welt als Familie.

Im Rheinland ist man auf Schnee selten vorbereitet. In diesem Winter hatte die Stadt zu wenig Streumaterial gekauft und so bleiben viele Straßen vereist- ein Drama für den gemeinen Rheinländer. Wir haben genau einmal versucht, den Kinderwagen durch den Schnee zu schieben bevor wir beschlossen, es uns zu Hause gemütlich zu machen und erst als der Schnee zu schmelzen begann kamen die Besucherscharen. So kam ich nach 18 Stunden Geburt zu einem sehr entspannten Wochenbett.

Im Wochenbett mit Maxi 2010

Im Wochenbett mit Maxi 2010

 

Auch zur Geburt von Sohn Nr.2 haben wir es so gerade eben noch ins Krankenhaus geschafft. Das lag aber nicht am Wetter, sondern daran, dass seine Geburt nur zwei Stunden dauerte, und ich mich die erste Stunde fragte, ob das denn jetzt wirklich echte Wehen seien. Ich kniete schnaufend im Wohnzimmer- ich hätte früher drauf kommen können…

Nach dieser kurzen Geburt sagte ich zu meiner Hebamme: „Das war ja einfach!?!“ Ich fühlte mich sofort topfit. Wenige Stunden später nahm ich eine herrliche Dusche und war bereit, Bäume auszureißen.

Ich war nicht annähernd so geschafft, wie nach Geburt Nummer 1. Natürlich dürfte das auch damit zusammenhängen, dass ich nach 2,5 Jahren als  Mutter die Begriffe „müde“ und „erholungsbedürftig“ bereits aus meinem Wortschatz gestrichen hatte.

Auf den Tag eine Woche nach Minis Geburt heiratete meine kleine Schwester in unserer 100 km entfernten Geburtsstadt.

Ich habe nicht eine Minute darüber nachgedacht, ob mir das zu anstrengend sein könnte. Selbstverständlich fuhren wir hin.

Es war wunderschön. Meine kleine Schwester war eine zauberhafte Braut und es war ein tolles Fest.

Und ich? Ich war so stolz und so glücklich. Die ganze Großfamilie war da, auch diejenigen, die meinen Mini sonst erst viel später kennengelernt hätten, weil sie viel zu weit weg wohnen. Ich wurde beglückwünscht und bekam so viele Geschenke in die Hand gedrückt, dass man hätte meinen können, ich sei die Braut. Ich durfte 100 Mal die Geschichte von Minis Geburt erzählen, was ich sehr genoss, denn in meinem Kopf und in meinem Herzen spielte sich die Geburt seit einer Woche in Endlosschleife ab. Ich habe den größten Teil der Feier in einem Lounge Bereich verbracht, wo ich dauernd stillte und wickelte und stillte und wickelte… Ich habe die Rede meines Papas verpasst und hatte auch keine Zeit, die Schwester von Berlinmittemom richtig kennenzulernen, dabei hatte ich mich darauf so gefreut (unsere Schwestern haben zusammen studiert). Aber ich war dabei. Mit meinem Baby. Stolz wie Oskar, hormongeflutet und glücklich.

Das Einzige, das mich genervt hat, waren Sprüche wie: „Was machst Du denn hier? Du bist doch im Wochenbett!“

Erst auf der Heimfahrt spürte ich die Anstrengung. Mein Beckenboden schmerzte so sehr- ich konnte nicht einmal mehr sitzen, ich wollte einfach nur liegen. Auch am nächsten Morgen war ich körperlich noch völlig geschafft. In den nächsten Wochen habe ich vorsichtshalber keine weiteren Hochzeiten besucht.

Noch einmal Stillen, bevor es in die Kirche geht.

Noch einmal Stillen, bevor es in die Kirche geht.

Zwei Dinge habe ich über das Wochenbett gelernt:

1. Es ist DEINE Zeit. Tu, was gut für Dich ist.

Ich bin ein Familienmensch, ich konnte einfach die Hochzeit meiner Schwester nicht verpassen und ich wollte unbedingt der Großfamilie mein Baby präsentieren. Ich gehörte an diesem Tag nicht ins Bett, sondern auf dieses Fest. Für mich war das wichtig. Es war die Anstrengung wert, denn das hätte ich nicht verpassen können.

Es wäre aber genauso in Ordnung gewesen, zu sagen: Ich kann das noch nicht! Man muss nicht acht Wochen lang im Bett liegen, aber man sollte sich von den Erwartungen anderer frei machen und nur das zulassen, was wirklich gut tut. Ich habe in den Wochen nach der Hochzeit ganz viel Zeit im Liegestuhl und auf dem Sofa verbracht- aber auch viel auf dem Spielplatz, denn dank Sohn Nr. 1 konnte ich natürlich nicht NUR tun, was mir gut tat. Ich habe keinen Besuch abgewehrt oder ähnliche Dinge, weil ich mich über jeden gefreut habe, der an meine Tür kam um mir zu meinem Baby zu gratulieren.  So bin ich. Wenn eine andere Frau mehr Ruhe und Rückzug braucht, dann ist das so. Gerade im Wochenbett, wo Mütter bis  in die (wochenlang nicht gefärbten) Haarspitzen voll mit Hormonen sind, darf jede so leben, wie es ihr gut tut. Abgesehen davon, dass der Körper mit Rückbildung beschäftigt ist, muss man ja schließlich Kräfte sammeln für den Alltag mit Kind!

 

2. Unterschätze das Wochenbett nicht.

Auch wenn man sich (wie ich) zum Bäumeausreißen fühlt- der Körper braucht Erholung. Wie sehr, das merkt man schon nach einem kleinen Spaziergang. Ein ganzer Tag auf einer Hochzeit inklusive 200km Fahrt- das war eigentlich zu viel. Aber da greift eben wieder Punkt Nummer 1.

 

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Dieser Beitrag ist Teil einer Blogparade, initiiert von Jana vom Hebammenblog. Weitere Beiträge findet Ihr dort.

 

 

2 Kommentare

  1. Das hast du schön geschrieben 🙂
    In meinem Wochenbett lag ich mehr oder weniger 3 Wochen erst mal flach und konnte kaum einen Fuß vor den andern setzen. Aber ich musste auch in der Schwangerschaft viel liegen und hatte absolut keine Kondition mehr. Gut zu wissen dass es bei dir 2 Mal sehr unterschiedlich war!
    Ich war jedenfalls mega froh, dass meine Hebamme für mich da war. Zum reden, zum Tips geben und um auf meine und Sophias Gesundheit zu achten. Sowohl im Wochenbett als auch zuvor in der Schwangerschaft, wo ich wöchentlich Akupunktur gegen Rückenschmerzen bekam un die tatsächlich besser wurden.
    Ein Hoch auf die Hebammen!
    LG
    Katja

  2. Oh ja, dass Wochenbett. Die Geburt vom zweiten kleinen Äpfelchen war ja eine Woche vor Weihnachten und ich wollte das gleiche schöne Weihnachtsprogramm wie immer. Alles war auf „Ja“, dass schaffe ich programiert und natürlich war es sehr schön. ABER ich habe mich und meinen Körper überschätzt, danach war ich tagelang völlig fertig. Nichts ging mehr, zum Glück war der große Schatz immer in der Nähe und auch für unsere „große“ Kleine da. Beim nächsten Mal würde ich es anders machen, viel mehr Ruhe, mehr Zeit für sich und das Baby, auch wenn man im ersten Moment denkt, Bäume ausreißen zu können.

    Liebe Grüße, Tanja

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