Bock zu verkaufen

„Kind, männlich, 3 Jahre alt, bildschön aber sehr laut, günstig abzugeben. Nur Selbstabholer.“

Es hat nicht viel gefehlt und Ihr hättet diesen Text in den ebay-Kleinanzeigen gefunden.

Vielleicht war es im Nachhinein nicht so klug, dem Maxi einen CD-Spieler zu Weihnachten zu schenken. Bestimmt hätten wir besser an dem ein oder anderen Tag auf einen Mittagsschlaf für ihn bestanden. Und rückblickend hätten wir wohl wissen müssen, dass freier Zugang zu Süßigkeiten unserem Kind nur bedingt gut bekommen würde-  jedenfalls war unser Nervenkostüm nach ein paar Tagen Weihnachtsferien deutlich angegriffen.

Und dann kam auch noch der Bock.

Mein sonst sehr wortgewandtes Kind schien plötzlich nur noch ein Wort zu kennen: „NEIN!“ Das war nicht das zeternde „Nein!“, das wir von seinen filmreifen Trotzanfällen kennen, sondern ein bockiges „Nein“, mit ganz weit vorgezogener Unterlippe. Dieses „Nein“ duldet keinen Widerspruch, es ist vollkommen immun gegen die Überredungskünste, die mein Mann und ich in den letzten Monaten perfektioniert haben. Es ist, als würden nach diesem bockigen „Nein“ sämtliche Empfänger beim Maxi ausgehen. Da kommt einfach nichts mehr. Kein Geschrei, kein Gemotze, keine weiteren Worte, nur „Nein!“. Einerseits herzallerliebst, andererseits…ich nenne es mal anstrengend.

Ich glaube, es ist ein kleiner Bock, der vom Maxi Besitz ergreift, anders kann ich mir Szenen wie diese nicht erklären:

Mann und Maxi wollen einkaufen gehen.

„Zieh Dir schonmal die Jacke an, Maxi!“

„Nein!“

„Aber Du wolltest doch mitkommen, dann brauchst Du eine Jacke!“

„Nein!“

Geht und zieht sich wortlos die Jacke an. Über dem Mann erscheint ein riesengroßes Fragezeichen.

Mann will dem Maxi den Reißverschluss der Jacke zu machen. Maxi macht einen Satz zurück: „Nein!“

Mann zieht die Hände zurück. „Okay, okay!“ Maxi:“ So, und jetzt zumachen!“

Mann: „Hä??“

Ich stand dabei und beobachtete das Spektakel und konnte nicht anders, als mich kaputt zu lachen. Der Mann war so verwirrt, der Maxi so bestimmt, aber irgendwie auch verwirrt- es war herrlich. Natürlich ist diese Phase nicht immer nur witzig. Oft geht der Bock ganz schön an die Substanz.

Wenn man ganz genau hinsieht, kann man kleine Hörner auf Maxis Kopf entdecken, wenn der Bock kommt. Ich vermute, dass es sich dabei um irgendeine magische Substanz handelt, die sich gelegentlich materialisiert. Das Faszinierende daran ist: Es geht auch in die entgegengesetzte Richtung.

Als ich neulich kurz davor war, den kleinen Bock zu verkaufen, da hatte sich mein Kind morgens wieder verwandelt.

Der Maxi (sonst ein Morgenmuffel) erschien mit seinem Superman Schlafanzug in unserem Schlafzimmer. Im Arm ein sehr großes Kuscheltier. Er hatte einen ganz entspannten Gesichtsausdruck und er bewegte sich sanft schreitend durchs Zimmer.

„Ich bin die Maria“, verkündete er. „Ich bin die Mama von dem Jesuskind.“ Er hielt das Kuscheltier hoch: „Das ist das Jesuskind!“ Ganz vorsichtig und liebevoll hielt die kleine Maria ihr Baby im Arm.

Maria

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das war wieder so ein Mami-Moment, in dem mein ganzer Körper in Bruchteilen von Sekunden spürbar von Liebe geflutet wird. Ich habe noch nie zuvor etwas so Süßes gesehen. Oder vielleicht doch, aber das waren dann auch der Maxi oder der Mini.

Und ich schwöre: Ich konnte einen Heiligenschein über dem Maxi sehen! Wirklich! Echt und ehrlich! Kein Morgenmuffel, kein Bock weit und breit. Der Maxi war die Sanftmut in Person. Wenn ich daran denke bin ich sofort wieder gerührt bis auf den Herzensgrund.

Der Maxi hat die Rolle erstaunlich lange durchgezogen. Er wollte keine Milch haben, sondern meinte, Maria trinke Kaffee. Als ich sagte: „Maxi Du bist so süß!“, sagte er ganz ernst und ein bißchen tadelnd: „Ich bin die Maria! Das weißt Du doch!“

Erst nach etwa 10 Minuten meinte er gnädig und ganz leise: „Mama, wenn Du willst, kannst Du mir auch eine Milch machen.“

Die interessante Frage lautet nun: Wann materialisieren sich die Hörner des Bocks und wann der Heiligenschein? Kann ich das beeinflussen? Gibt es einen Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme? Hat es etwas mit den Mondphasen zu tun?

Die Bockforschung in diesem Hause ist noch ganz am Anfang.  Bis ich Näheres weiß, ist ein Verkauf jedenfalls vom Tisch.

 

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4 Kommentare

  1. ich verstehe soooo gut was du meinst.
    solltest du zu einem forschungsendbericht kommen lass es mich wissen. 🙂

    und danke für deine beiträge.
    lese schon einige zeit mit und hab (jetzt) auch zwei kids mit 29 monaten und drei wochen (Love)!!!

  2. Sehr nett geschrieben. Und die kleine Anekdote ist echt zum Lachen!
    Derartige Vorfälle gibt es hier bei uns auch manchmal – vor allem bei meinem Sohn. Er ist inzwischen zwar schon 5. Aber so wie bei ihm ist mir dieses Phänomen vorab bei seinen älteren Schwestern nie aufgefallen. Es geht hier zwar weniger um den Bock – den es bei uns leider auch immer mal wieder zu studieren gibt – sondern mehr die Tatsache, dass Aussage und das, was das Kind tatsächlich will, absolut widersprüchlich sind. Es kam hier nicht nur einmal vor, dass mein Sohn eine Frage gerade mit NEIN beantwortet hat und dann ganz plötzlich doch will…
    z.B. „Willst Du mit Papa mit?“
    „Nein“
    1min später kommt ein total aufgelöster Junge an, weil der Papa weg ist und er aber doch mit wollte. Nur hat´s von den Eltern mal wieder keiner gehört :-0
    Und das sind keine einmaligen Vorfälle…

    Bin gespannt auf weitere Forschungsergebnisse aus Eurem Hause 🙂
    gruß
    doro

  3. Herrlich!!! Lese schon eine Weile still mit, und bin von deinem Schreibstil begeistert. Diese Anekdote hat gerade meinen bis dato mehr als bescheidenen Abend gerettet. Ich habe selbst eine Tochter die im “ Februjar 4 wird“ laut eigenen Aussagen, laut meiner Aussage wird sie drei. Ich kann manchmal bei deinen Geschichten schmunzelnd Ähnlichkeiten finden, den Bock kenn ich gut. Also her mit den Forschungergebnissen :-). Grüssle

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