Mias Must Haves- Ein (fast) vergessener Nesthäkchen Band

Auf der Suche nach einem schönen Buch als Weihnachtsgeschenk für mein Patenkind bin ich auf die Nesthäkchen Reihe gestoßen.

Habt Ihr die damals auch gelesen?

Nesthäkchen hat schon meine Mutter als Kind gelesen und als ich alt genug war, bin ich mit meiner Mutter in ihr altes Kinderzimmer im Haus meiner Großeltern gegangen und durfte mir den ersten Band mitnehmen. Ich habe ihn verschlungen. Die Geschichten sind so herzergreifend, so schön geschrieben. Nach und nach habe ich mir einen Band nach dem anderen aus Mamas altem Kinderzimmer geholt- ein paar fehlten allerdings, die haben wir neu gekauft.

Meine älter Cousine hat damals immer behauptet, in dem letzten Band „Nesthäkchen in weißem Haar“ stirbt Nesthäkchen. Ich hatte deshalb immer Angst davor, dieses Buch zu lesen. Zum Glück hat meine Cousine mich nur ärgern wollen.

Später habe ich die Bücher immer und immer wieder gelesen. Eine meiner Lieblingsstelle ist die, in der Nesthäkchen ihr erstes Kind bekommen hat: “ Unter der mit goldenen Blättern geschmückten Linde steht ein Wiegenkorb. Ein weißer Schleier -Annemaries Brautschleier- ist schützend darübergebreitet (…) Hand in Hand stehen die Eltern an der Wiege des Kindes. Mit glücklichen Augen flüstert Annemarie: „Nun bin ich kein Nesthäkchen mehr- nun habe ich selber mein Nesthäkchen!“

Zwischen dem dritten und dem vierten Band der Nesthäkchen Reihe gibt es zeitlich eine große Lücke. Gerade noch im Kinderheim ist Nesthäkchen plötzlich ein Backfisch. Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht und bin jetzt ganz zufällig über die Begründung gestolpert:

Es gab ursprünglich einen Band zwischen diesen beiden: „Nesthäkchen und der Weltkrieg“. Dieser Band, der Nesthäkchens Erlebnisse im Ersten Weltkrieg beschreibt, wird seit 1950 in Deutschland nicht mehr aufgelegt. Der Hintergrund ist klar: Nesthäkchen und der Weltkrieg ist ein sehr problematischer Band.

Nesthäkchen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geschrieben hat Else Ury diesen Band zwischen 1917 und 1921. Else Ury selber war Jüdin und starb 1943 im Konzentrationslager in Auschwitz. Das Buch ist in seiner Botschaft nicht eindeutig. Einerseits finden sich Stellen, in denen der Krieg wie ein großes Abenteuer erscheint- zumindest Nesthäkchens Bruder Klaus gibt sich sehr kämpferisch und natürlich Vaterlandstreu. Auf der anderen Seite beschreibt Else Ury den Krieg als eine Zeit großen Leids und Kummers. Auch gibt es eine Episode, in der sich Nesthäkchen sehr feindlich einer neuen, ausländischen Mitschülerin gegenüber verhält, ein Verhalten, das als töricht und falsch dargestellt wird.

Ich tue mich immer sehr schwer damit, wenn Bücher vom Markt genommen werden und ich war deswegen sehr neugierig auf dieses Buch.

Insgesamt muss man ja sagen, dass Nesthäkchen zwar ein Klassiker ist, der aber in einer ganz anderen Zeit geschrieben wurde, so dass wir die geschichtliche Kulisse (nicht zuletzt hinsichtlich des Frauenbildes) bei der Lektüre durch unsere Kinder sicherlich begleiten sollten.

Für Euch alle, die Ihr die Nesthäkchen Bücher gelesen habt, ist „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ aus meiner Sicht eine tolle Ergänzung. Ich glaube nicht, dass wir Else Ury und ihrer Reihe gerecht werden, wenn dieser Band vom Markt entfernt und so gezwungenermaßen ignoriert wird. Es ist ein interessantes Zeitdokument, entstanden zwischen zwei Weltkriegen.

Da das Buch in Deutschland nicht mehr aufgelegt wird, müsst Ihr es entweder in Englisch bestellen, oder auf Ebay mit ein bißchen Geduld einen alten Band ersteigern.

Viel Spaß dabei!

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5 Kommentare

  1. Ich habe diese Reihe nie gelesen, aber schon oft davon gehört. Ich kenne nur die „Pucki“-Reihe, die anscheinend ähnlich ist oder zumindest immer damit verglichen wird. Ich weiß nicht, ob Nesthäkchen auch so ein verstaubtes Rollenbild hat wie Pucki? Das fand ich damals als Kind ganz furchtbar, wie sie ihrem Claus hörig war. Später besserte sich das aber und sie war selbstbewusst.

    Dass der Band zum Weltkrieg aus dem Programm genommen wurde, finde ich furchtbar schade. So wie du es beschreibst, ist es nicht voller rechter Propaganda und daher eben ein Zeitdokument.

    Meine Oma hat den Krieg teilweise ähnlich beschrieben. Man darf ja auch nicht vergessen, dass die Menschen damals nur einen beschränkten Zugang zu Informationen hatten und überhaupt einiges anders war. Da empfand man so, wie du es sagst: Abenteuer, Ausländer waren in vielerlei Hinsicht fremd, und so weiter.

  2. Liebe Mia, erst einmal Gratulation zu Deinem schönen Blog, über den (das???) ich kürzlich gestolpert bin…

    Ich liebte Nesthäkchen als kleines Mädchen und habe alle Bände gelesen, und bin auch noch im Besitz fast aller Bände in einer 50er-Jahre-Auflage. Außer dem einen – interessant, was Du schreibst, und dass man ihn auf Englisch tatsächlich noch bekommt, danke für die Info. Ich werde ihn sicherlich mal bestellen. Ich gebe Dir völlig recht, dass das Verbieten schwierig ist. Und im Übrigen sind auch die anderen Nesthäkchen Bände nicht „ohne“ . Ich erinnere mich gerade nur spontan an „Nesthäkchens Enkel“ und den „gruseligen Mohr“ , vor dem die deutschen Kinder sich fürchten. Frauenbild, Du hast es angesprochen (immerhin beginnt das Annemiechen ja wenigstens ein Medizinstudium…) und diese komische „Deutschtümelei“. Ich habe von der ausführlichen Lektüre als Kind mE aber keinen „Schaden“ davongetragen. Alleine wegen der Sprache war für mich sonnenklar, dass die Bücher eben aus einer anderen Epoche kommen und eine andere Zeit beschreiben.

    Ganz liebe Grüße
    Emi

  3. Hallo Mia,
    Ich habe die Bücher als Kind verschlungen und sie stehen immer noch in meinem Bücherregal (und da werden sie auch bleiben). Die Lücke IST mir auch aufgefallen, aber ich habe mir nie wirkliche Gedanken darüber gemacht. Vielleicht werde ich das Buch irgendwann doch noch lesen. Dass die Bücher in einer anderen Zeit geschrieben wurden sollte man schon im Hinterkopf behalten, aber ich finde gerade aus dieser Sicht sind sie doch schon relativ modern: dass Nesthäkchen z.b. Medizin studieren kann war ja in der Zeit nun nicht gerade normal. Mich hat auch immer fasziniert, dass bereits meine Oma die Bücher gelesen hat.
    Liebe Grüße,
    Stephi

  4. Nesthäkchen habe ich auch gelesen – wie ich mich kenne wohl eher „gefressen“ 🙂 Leider habe ich es nicht hier, sondern aus der Bücherei ausgeliehen gehabt, sonst würde ich es jetzt glatt noch einmal zur Hand nehmen. Ähnlich wie bei „Der Trotzkopf“ habe ich das meiste nämlich leider wieder vergessen. Neben Dolly, Hanni & Nanny und denn ganzen anderen Mädchenreihen, die alle in dem einen Regal standen.
    Hach, was waren das für andere Welten 🙂
    Bin jetzt total neugierig auf den einen Band!

  5. Hi Mia! Soo, toll. Das Nesthäkchen war in meiner Erinnerung total verschollen, ich hab das wirklich damals verschlungen. Das passt ja perfekt in meine Rubrik „Kinderklassiker“, werd ich auf jeden Fall bald was drüber schreiben.
    Grüße, Chris

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