Weiter weg

Ich gehe so schnell ich kann. Ich kämpfe mich vorwärts, aber mit dem Kinderwagen komme ich auf dem Kiesweg nicht so schnell voran. Mein Großer ist mit Oma und Opa, meiner Schwester und deren Mann etwa zehn Meter vor mir.

Ich weiß genau, was gleich passiert und ich möchte dabei sein.

Ich strenge mich wirklich an, aber ich bin zu langsam (dieser blöde schicke Kinderwagen mit den kleinen Vorderrädern!).

Dicht gedrängt stehen die Leute am Zaun. Der Maxi hat einen Platz ganz vorne ergattert; mein Schwager hebt ihn hoch und setzt ihn auf den Zaun. Ich stehe weiter hinten. Ich war zu langsam und jetzt habe ich keine Chance mehr, mich mit dem Kinderwagen bis nach vorne zum Maxi zu drängeln.

Wir sind beim Pferderennen auf der Galopprennbahn. Gleich startet das erste Rennen und die Leute wollen vorher im Führring einen Blick auf die Pferde und Jockeys werfen.

Der Maxi sitzt da ganz vorne auf dem Zaun und ich stehe mit dem Mini ein paar Meter entfernt. Ich kann den Mini im Kinderwagen nicht alleine lassen, dabei würde ich so gerne nach vorne zum Maxi laufen.

Jetzt kommen die Pferde in den Führring.  Ich sehe den Maxi- er thront auf dem Zaun, umarmt von meiner Mutter und meinem Schwager. Es ist sein erstes Pferderennen und ich kann von hinten sehen, wie er aufgeregt glücklich strahlt.

Das wäre mein Moment gewesen. ICH wollte das mit ihm erleben.

Ich bin schon als Kind mit meinen Großeltern und meinen Eltern oft beim Pferderennen gewesen und ich habe es geliebt. Ich weiß, wie spannend es für ein Kind ist, wenn diese großen Pferde am Führung so nah an einem vorbei gehen- eine Mischung aus Faszination und Angst vor den großen Tieren. Ich wollte dieses  Erlebnis jetzt mit meinem Sohn teilen.

Wenn ich mich nicht um den Mini kümmern müsste, wäre ICH mit dem Maxi nach vorne gestürmt. ICH hätte ihn auf den Zaun gesetzt und ich würde ihn jetzt dort im Arm halten. Es liegt aber nicht am Mini, dass ich nun da stehe und bloß sehnsüchtig zu meinem Maxi schaue. Es liegt daran, dass der Maxi groß wird.

Maxi kann schon lange Dinge, für die er mich nicht mehr braucht. Das ist toll, gut, richtig und wichtig, aber es versetzt mir manchmal einen Stich.

Ich wäre gerne diejenige, die ihm alles Neue zeigen darf. Ich wäre gerne die, mit der er die schönsten Momente seiner Kindheit teilt, aber ich weiß, dass ich schon mitten drin im Loslassen bin.

Der Maxi startet durch in sein eigenes Leben, an dem ich zwar teilhaben kann, aber in dem ich wohl immer öfter nur aus der Ferne zuschauen kann. Ich werde oft das Gefühl haben, nicht mehr nahe genug dran zu sein.

Als würde ich ihm mit einem Kinderwagen auf einem Kiesweg hinterherlaufen.

Eure Mia

aufunddavon

 

 

7 Kommentare

  1. schnüff. Mich macht das jetzt schon etwas wehmütig. Dabei bin ich gerade erst Mutter von einer einjährigen Tochter…Du hast das schön geschrieben. Man braucht ja nur an seine eigene Rolle als Tochter zu denken in Bezug auf die eigenen Eltern. Dann weiß man auch, dass die eigenen Kinder gar nicht unbedingt wollen, dass man immer hinterherkommt, oder? Kinder loslassen, eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt.

  2. jetzt hab ich doch glatt tränen in die Augen bekommen.
    Genau die gleichen Gefühle trage ich schon seit längerem mit mir rum, einerseits ist man so stolz darauf was die kleinen schon alles können, aber andererseits ging das alles viel zu schnell!

    • Liebe Ayscha, liebe Christina, ja, so ist es: Man ist so stolz, aber auch wehmütig, weil es einfach zu schnell geht. Bei mir muss das der Mini ausbaden: Da er sich noch nicht wehren kann, wird er von morgens bis abends beknuddelt und abgeknutscht!

  3. Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen: echt ergreifend.
    Ich hoffe meine Tochter (16 Monate)lässt mir noch etwas Zeit, ehe ich „loslassen“ muss. Momentan ist sie sehr verschmust und kommt mit großer Begeisterung auf mich zugerannt, wenn ich nur mal kurz den Müll runter gebracht habe und dann wieder in der Türe stehe. Als wäre ich wochenlang weg gewesen… Ich kann es mir noch gar nicht vorstellen, wie es sein wird, wenn sie in ein paar Jahren zu mir sagt: „Mama, geh weg, ich möchte alleine spielen“. 🙁

  4. wir sind ebenfalls mittendrin in dieser phase.der große wird im dezember drei und kommt in die kita. Aufgeregter bin im moment ich. Ganz klar. Der kleine ist ein halbes jahr. Und wenn ich mit ihm knuddel muss ich immer an die zeit mit dem großen zurückdenken. Ich kann alle deine sätze nachfühlen und musste beim lesen eine kleine träne verdrücken.

  5. Ich kann es so gut nachvollziehen. Unser Großer ist nun 20 Monate und unsere kleine fast 3 Monate. Er ist dennoch so klein und noch auf mich angewiesen, aber ich bin nun auch Mama einer kleinen Tochter. Ich möchte mich zerreißen, aber es zerreißt nur mein Herz, wenn ich mich wieder einmal nicht teilen kann. Der geringe Abstand war nicht beabsichtigt, aber es ist wie es ist und wir lieben unsere beiden kleinen Menschen über alles. Es ist manche Tage so schwer. Doch die schönen überwiegen und der Gedanke, das es später wenn die Kleine größer ist noch besser, schöner wird, lässt mich „durchhalten“.

  6. Oh Mann, was ein Mutterherz alles durchmacht.
    Ich bin auch manchmal sehr wehmuetig, wenn meine Motte stolz schon Dinge ganz alleine macht und so ueberhaupt nicht kuscheln will.
    Dabei ist Nr. 2 noch nicht mal auf der Welt.

    Ich bin auch „eifersuechtig“ auf jeden, der einen besonderen Moment mit ihr teilen darf. Obwohl ich ihr das von Herzen goenne.

    Dein Text ist sehr schoen und treffend geschrieben.

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