Starke Mädchen!

Ich bin 35 Jahre alt. Ich bin Volljuristin, Ehefrau und Mutter von zwei Söhnen. Und ich bin immer noch ein Mädchen.

Als Berlinmittemom zu ihrer Blogparade zum Thema: „Gemeinsam für starke Mädchen“ aufrief, dachte ich erst: Schade, schönes Thema, aber ich bin ja ´ne Jungsmama. Nach einigem Nachdenken fiel mir aber ein, dass ich ja selber auch noch ein Mädchen bin, und damit bis heute von dem Thema betroffen.

Ich war glücklicherweise immer ein starkes Mädchen. Vielleicht lag das daran, dass das Leben  es  auf ganzer Linie gut mit mir gemeint hat. Mir ist eigentlich alles zugeflogen: In der Schule musste ich mich nie anstrengen, ich habe alles im Vorbeigehen gelernt (ok, außer Mathe…), jede Sportart, die ich angefangen habe, habe ich nach kurzer Zeit auf hohem Niveau betrieben, für jedes Instrument, das ich gelernt habe, hatte ich Talent. Ich habe mich nie als Außenseiter fühlen müssen und habe für mein Aussehen immer nur Komplimente bekommen.

Keine (größeren) Probleme = starkes Mädchen. Ist das schon das ganze Rezept? Schön wär´s, aber ich kenne viele Frauen und Mädchen, die sind begabt, schlau schön- aber sie sehen es selber nicht. Allzu leicht lassen sie sich verunsichern, und wenn es kein anderer tut, dann verunsichern sie sich eben einfach selbst, das können die richtig gut.

Warum also fühle ich mich stark und habe das mit Ausnahme kleinerer Phasen immer getan?

Es sind sicher viele Komponenten, die in die Antwort nach dieser Frage hineinspielen. Natürlich ist es hilfreich, wenn man sich mit vielem nicht schwer tun muss und wie ich mit einem Gemüt gesegnet ist,  das von jeher das Glas als halb voll betrachtet hat- negative Dinge werden bei mir einfach ausgeblendet. Es gibt aber einen ganz wichtigen Faktor, um den ich bei der Antwort auf die Frage nicht herumkomme: Meine Mutter!

Meine Mutter ist eine echte Löwenmutter. Nicht so, wie wir das von der Tigermutter, Amy Chua kennen, die ihren Töchtern immer wieder Parolen ins Hirn gepflanzt hat. Nein, meine Mutter hat mir das GEFÜHL gegeben, schön, begabt und geliebt zu sein. Sie war immer der sichere Hafen für mich und meine Schwestern. Sie hat uns bedingungslos geliebt und unterstützt und uns dabei immer den notwendigen Freiraum für unsere individuelle Entwicklung gelassen. Und sie hat mir gezeigt, wie man stark ist. Wenn ich es mal nicht selber sein konnte, dann war sie für mich stark.

Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Situation (ich war etwa 16 Jahre alt), da wollte ich in einem Laden ein Kleidungsstück umtauschen. Das Preisschild war schon ab, aber ich hatte es dabei, ebenso, wie die Rechnung. Wohl aufgrund meines exotischen Aussehens sprach die Verkäuferin zuerst auf englisch und dann unangemessen langsam und laut mit mir. Die Rechnung hat sie sich nicht einmal angesehen- für sie war klar, ich hatte das Stück geklaut. Ich war wirklich nicht auf den Mund gefallen, aber mit meinen 16 Jahren kam ich gegen die Frau in dem vollen Laden nicht an. Unverrichteter Dinge und zutiefst gekränkt fuhr ich nach Hause.

Meine Mutter ist ohne zu zögern ins Auto gesprungen um die Sache zu klären. Ich saß neben ihr und wußte schon während der Fahrt, dass sie die Sache geradebiegen würde, und so war es natürlich auch. Die Verkäuferin war am Ende der Rede meiner Mutter ganz kleinlaut- sie hat sich nicht nur bei mir entschuldigt sondern mir sogar noch ein kleines Accessoire geschenkt.

Ähnliche Situationen gab es immer wieder, zum Beispiel auch in der Schule. Immer wenn ich nicht weiterkam, ist meine Mutter für mich in die Bresche gesprungen. Sie hat sich nicht eingemischt, in erster Linie habe ich meine Probleme selber gelöst, aber immer dann, wenn ich nicht weiterkam und ich Hilfe brauchte, ist sie eigesprungen. Ich wußte immer, dass zu Hause jemand ist, der mir hilft, mich unterstützt oder mich einfach auffängt. Ich hatte je nach Bedarf einen Coach oder eine „Geheimwaffe“ zu Hause und das hat mir ein Gefühl von Sicherheit und Stärke gegeben.

In derPubertät gab es Phasen, da war ich verunsichert. Mal fand ich mich zu dick, mal zu klein, mal war der Busen nicht groß genug. Meine Mutter ist auf meine Sprüche dazu gar nicht erst eingegangen. Mit mir über diese Äußerlichkeiten zu diskutieren fand sie überflüssig. Manchmal wußte ich gar nicht so richtig, wohin mit mir. Bin ich auf dem richtigen Weg? Was will ich eigentlich und kann ich das überhaupt schaffen? Wer bin ich und wer will ich sein- ach, die Pubertät war manchmal einfach nur doof! Ich weiß gar nicht so genau, wie meine Mutter es geschafft hat, aber irgendwie hat sie mit ihrer unerschütterlichen Liebe und Zuversicht in den Menschen, der ich bin, gar nicht erst zugelassen, dass Zweifel an mir entstehen konnten, sondern sich zwischen mich und sämtliche Zweifel an mir selbst gestellt. Sich mit Selbstzweifeln zu quälen und in Unsicherheiten zu verlieren, diesen Weg hat sie für mich einfach dicht gemacht.

Meine Mutter hat mir aber nicht nur beigebracht, nicht an mir selber zu zweifeln, sie hat mir auch beigebracht, andere Menschen zu respektieren und zwar so, wie sie sind.

Mommy

 

Es wird sicherlich Jahre geben, in denen auch meine Söhne sich mit sich selber schwer tun werden. Denn auch Jungen sind heute viel mehr als in meiner Jugend dem Druck von Schönheitsidealen ausgesetzt. Dann wird es an mir sein, genau so hinter ihnen zu stehen, wie es meine Mutter bei mir getan hat. Sie sollen immer spüren, dass sie perfekt sind, so wie sie sind. Und genau so sollen sie von mir lernen, andere zu respektieren- auch und gerade Mädchen.

Kein Mensch hat sich selber gemacht, und jeder verdient Respekt- wir selbst und andere. Diese Grundlage meiner Erziehung soll auch für meine Söhne bestehen. Ich hoffe, dass ich ihnen in diesem männerdominierten Haushalt ein gewisses Grundverständnis für das weibliche Wesen vermitteln kann.

Ich weiß übrigens auch heute nicht immer so ganz genau, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ich mochte mein Leben vor Kindern. Ich fand mein Bild von einer Juristin in einem großen Konzern ziemlich toll. Im Moment bin ich aber ganz Mutter. Mein Job kommt mir gerade so unwichtig vor. Ist das gut so? Bin ich eher Business-Frau oder eher Mutter? Kann ich beides in gleichen Teilen sein, beides gleich gut machen, oder steht ein Ziel über dem anderen? Welches?

Vor „Business-Frauen“ habe ich das Gefühl, zu sehr Mutter zu sein, vor manchen Müttern habe ich das Gefühl, verteidigen zu müssen, dass ich bald wieder arbeiten gehen möchte. Und wehe, wenn einer einen Spruch über mein Leben macht, das kann mich auch heute noch ganz schön verunsichern.

Dann rufe ich übrigens immer meine Mutter an. Die weiß immer Rat. Stark, oder?

Eure Mia

 

 

 

5 Gedanken zu “Starke Mädchen!

  1. Liebe Mia, was für ein wunderbarer Text. Vielen Dank, dass du uns an deiner persönlichen Erfahrung teilhaben lässt. Was mir besonders gut gefallen hat? Während du über dich redetest, stand „das Schönheitsideal“ gar nicht im Zentrum deiner Aufmerksamkeit. Es ging um Rückhalt, Zuverlässigkeit, Geborgenheit, Vertrauen. Dinge, die mensch (egal ob Mädchen oder Junge) in der Familie erfahren kann/soll. Ich hoffe, dass wir unseren Kinder diese Sicherheit geben und ihnen gleichzeitig einen kritischen Umgang mit Konsum/Medien/Werbung vermitteln können, damit sie nicht Heidi Klum oder Dieter Bohlen für die obersten Richter halten und auch in der Pubertät frei bleiben von dem Gefühl sich einer äußeren Macht (Peer-Group, Werbung…) beugen zu müssen. Liebe Grüße, Momatka.

  2. Liebe Mia,
    das klingt wirklich wundervoll und „stark“. Deine Mama hat nicht nur „an dir“ einen guten Job gemacht, sondern nimmt aufgrund ihrer wertschätzenden Erziehung über dich Einfluss auf deine Kinder. Wenn das mal keine Motivation darstellt, diesem Weg zu folgen. Ich hoffe sehr, dass ich es meinen Kindern ebenfalls ermöglichen kann, ihr Leben in dieser Sicherheit zu begehen. Stark zu sein bedeutet große Freiheit. Das ist wirklich erstrebenswert.
    Viele liebe Grüße
    Tina

  3. Liebe Mia,
    eine tolle Geschichte von einem starken Mädchen und einer tollen Mama.
    Besonders schön finde ich, dass DU das Thema aufgegriffen hast, weil die Mamas ruhig auch mal vorkommen dürfen, neben den tollen Geschichten über die Kinder 🙂
    Liebste Grüße Christine

  4. Liebe Mia, das ist wirklich ein wunderschöner Beitrag und du kannst dich wahrhaft glücklich schätzen, solch eine Mutter gehabt zu haben. Heute glaube ich, dass es wohl einer der schwierigsten Jobs überhaupt ist, Mutter zu sein. Es ist ein Fulltime-Job und ein Job in dem man, wenn man wirklich ehrlich ist, doch eigentlich nie „in Rente geht“. Ich hoffe, dass ich meinen beiden Jungs selbst immer eine solch gute Mama sein kann, wie es deine Mutter bei dir war. Liebe Grüße

  5. …Wundervoll geschrieben, der passende Text zur Muttertagswoche 🙂 Du bist ein Glückspilz, so eine Mutter zu haben und ein Glückspilz, es auch zu sehen. Sonnige Grüße, Rike

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