Erster! Oder: Was man seinem Sohn so alles abgewöhnen soll

Manchmal denke ich, das kann nur am Testosteron liegen. Der Maxi muss damit bis in die Haarspitzen hinein voll sein.

Es ist nämlich so: Maxi kann nicht verlieren. Genau genommen kann er nicht einmal Zweiter sein. Maxi muss immer der Erste sein.

Beispiele gefällig?

Wenn ich ihn aus der Kita hole frage ich ihn immer, ob er nochmal auf die Toilette muss. Die Antwort lautet in der Regel „Nein!“ Wenn allerdings ein anderes Kind gleichzeitig abgeholt wird, und dieses möchte zur Toilette, dann schreit der Maxi: „Ich zueeerst!!“, rennt los, überholt das andere Kind und springt triumphierend auf den Thron- ob er muss oder nicht.

Bin ich mit Mini und Maxi im Auto unterwegs, muss ich immer zuerst den Maxi aus dem Auto herausholen. Schon wenn ich den Motor ausstelle, wird er nervös: „Ich will zuerst aussteigen!“

Ganz schlimm war es neulich, als wir eine Freundin aus der Kita zu Besuch hatten. Die beiden kletterten im Garten auf die Rutsche und ich dachte, die hätten jetzt erstmal Spaß. Nachdem der Maxi sich erfolgreich als Erster auf die Rutsche gekämpft hatte, rutschte seine Freundin hinterher. Maxi schrie von unten:“Ich zuerst!“ Das Problem beim Rutschen in Endlosschleife war nämlich: Nach dem Maxi ist vor dem Maxi! Ein Teufelskreis!

Ich selber hatte mit diesem Verhalten überhaupt kein Problem. Ich fand es sogar ganz putzig. Hier und da habe ich ihm erklärt, dass es nicht schlimm ist, auch mal anderen den Vortritt zu lassen, aber grundsätzlich habe ich ihn gewähren lassen. Bis die ersten Sprüche von anderen Eltern kamen.

„Du musst dem Maxi mal beibringen, dass er nicht immer Erster sein muss. Das ist nicht gut“, sagte eine Mutter zu mir. „Du musst mal mit dem Maxi reden, der will ja immer Erster sein. Das müsst ihr dem mal abgewöhnen!“, sagte eine Freundin zu mir.

Mir würde ja niemals einfallen, anderen Eltern zu erzählen, was sie ihren Kindern beibringen oder abgewöhnen müssen, daher fehlt mir für solche ungebetenen Ratschläge das Verständnis. In diesem Fall konnte ich es auch inhaltlich einfach nicht nachvollziehen.  Muss ich denn meinem Kind eigentlich alles abgewöhnen? Ist jede Eigenschaft, mit der er aus der Masse austritt, automatisch nicht gut?

Ich kommentiere Maxis Verhalten hier und da, aber ich würde niemals zu ihm sagen: „Bleib stehen und lass den Leo vor!“ Maxi lernt von mir, dass man andere Kinder nicht verletzen darf. Ich gehe zwar nicht immer sofort dazwischen, denn ich finde, Kinder müssen hier und da auch Dinge unter sich regeln. (solange es keine Verletzten gibt). Spätestens zu Hause erkläre ich ihm aber, dass man anderen nicht weh tun darf usw.

Mit seinem Ehrgeiz, immer vorne sein zu wollen, tut er aber doch keinem weh. Die anderen Kinder können genauso gut lernen, auch die Ersten sein zu wollen. Es fällt mir schwer, mein Kind so auszubremsen. Ist es überhaupt richtig, wenn Erwachsene von außen die Spielregeln festlegen, also bestimmen, dass jeder mal Erster sein darf. Ist es nicht auch wichtig für das Sozialverhalten, wenn Kinder sich so etwas selber erarbeiten? Und wenn es ein anderes Kind gar nicht stört, nicht der Erste zu sein? Müssen wir Eltern da wirklich eingreifen?

Maxi wird in seinem Leben oft genug Menschen treffen, die größer oder schneller, stärker oder ehrgeiziger sind als er. Dann wird er in dieser Hinsicht auf ganz natürlichem Wege sozialisiert werden und ich werde das kommunikativ begleiten.

Apropos sozialisiert: Ich bin ja schon ein paar Jahre älter als der Maxi, ich musste lernen, mich anzupassen. Um nicht aus der Reihe zu tanzen und nicht den Unmut anderer Eltern auf mich zu ziehen, habe ich also angefangen, im Beisein anderer Eltern in solchen Situationen halbherzige Kommentare von mir zu geben. „Sollen wir nicht heute mal den Felix vorlassen?“, frage ich meinem davonflitzenden Kind etwas lahm hinterher. Ohne Erfolg natürlich, aber ich finde, ich bin damit allen Seiten gerecht geworden.

Als ich neulich mit dem Mini in Hamburg war, musste mein Mann den Maxi aus der Kita abholen. Abends erzählte er mir, dass gleichzeitig ein anderes Kind abgeholt wurde und der Maxi aufgeregt auf dem Parkplatz  geschrien hat, dass er vorfahren will.

„Und dann sagt doch die andere Mutter erklärend zu mir, dass der Maxi das immer macht, weil er immer Erster sein muss. Als ob ich das nicht wüßte. Wir reden doch miteinander, das ist schließlich mein Sohn! Was denkt die denn?“ Einmischungen von Anderen kann mein Mann noch schlechter ertragen, als ich.

„Und was hast Du geantwortet?“, fragte ich vorsichtig und ahnte schon Schreckliches.

„Ich habe gesagt `Ja, natürlich, das bringen wir ihm so bei!  Zweiter zu sein ist doch keine Option im Leben!`“, antwortete mein Mann grinsend.

Wie ich vermutet habe: Wahrscheinlich doch Testosteron!

Und das andere Kind? Das will neuerdings zumindest auf dem Parkplatz auch immer Erster sein. Mir gefällt das!

Eure Mia

10 Kommentare

  1. Mal eine andere Sicht der Dinge. Gefällt mir!
    Mir hat eine Kita-MitMama die Freundschaft gekündigt, weil mein Sohn „anders sei… z.B. wolle er ja immer der Erste sein“.
    Ich finde das gar nicht. Er ist nämlich eher zurückhaltend, aber ihr wohl zu intelligent… – Wer will nun in diesem Fall tatsächlich immer vorne dran sein??

  2. Hehe, find ich gut. Die anderen Kinder sind schließlich in Maxi’s Alter und wenn sie auch mal erster sein wollen, sollen sie es doch probieren. Solange keiner verletzt wird (und das ist dir ja auch das Wichtigste), ist das doch in Ordnung.
    Problematischer könnte es werden, wenn der Mini auch mal älter wird und seine Bedürfnisse hat. Aber das wirst du ja sehen, wenns soweit ist. Und dann wirst du das so handlen, wie DU das willst (bzw. dein Mann und du). Eure Kinder -> eure Erziehung! Und da haben sich die anderen nicht einzumischen.
    Übrigens finde ich die Aussage von deinem Mann super! Man muss sich nicht alles gefallen lassen 😉

  3. Die Phase haben sogut wie alle Kinder im Alter von 3-4 Jahren 🙂 Allerdings gab es bei uns immer geknatsche wenn der Mini eben NICHT zuerst die Tür aufmachen konnte oder nicht als erster die Treppe unten war! Das ging mir irgendwann dann doch arg auf die Nerven das ich ihm erklärt habe das ICH auch mal erster sein will, genau wie andere Menschen auch. Und das erster sein garnicht sowas besonderes ist und quasie quatsch ist in bestimmten dingen. Er hat es zum glück dann irgendwann kapiert…..denn diese wutausbrüche konnte ich nicht mehr ertragen:D

  4. Ach, was man nicht so alles muss…
    Ich find es gut, dass du ihn „machen lässt“. Manche Eltern können es nicht lassen, die Kämpfe ihrer Kinder auszutragen…lehn dich zurück und schau dem kleinen ehrgeiz-krümmel zu wie er sich selbst behauptet. Wir müssen soviel…aber vor allem die Kinder mal Kinder sein lassen.

  5. Ich kenne solche Ratschläge nur zu gut. Wenn ich ehrlich bin, habe ich in den letzten Wochen vor allem eines gelernt : Ein Kind darf heute aus der Masse nicht mehr hervorstechen. Es muss sich dem Ganzen ein wenig fügen. Ich finde es falsch. Meinen Sohn versuche ich so viele Freiheiten einzuräumen wie nur möglich. Auf der einen Seite lesen wir in allen Ratgebern doch, dass Kinder individuell sind und sich individuell entwickeln. Auf der anderen Seite muss das eigene Kind aber möglichst immer genauso sein wie hundert andere. Doch warum? Warum geben wir ihnen nicht die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen und selbst auch mal zu lernen. Es gibt Kinder, die extrem ehrgeizig sind. Ich sehe kein Problem darin, wenn dein Maxi immer der Erste sein möchte. Ganz im Gegenteil. Warum versuchen wir eigentlich schon die Kleinsten in ein genaues Bild zu „stopfen“ und ihnen alles abzutrainieren, was vielleicht nicht ganz so gesellschafts-like ist?

  6. Müllerin BW

    Hallo Mia! Das mit der vermutung wegen des Testosterons kann ich dir eindeutig verneinen – und zwar nicht in Funktion als endokrinologie-Assistentin sondern als Mama von 2 Mädels und einem 10 Monate altem Prinzen: nein- auch unsre Mädels möchten „erste“ sein! Ganz besonders wenn unsre 2jährige überzeugt ist, sich gegen ihre 5jährige Schwester behaupten zu müssen. Und ich finde es gut,- und amüsant (naja, meistens…). Es ist ja auch ein Ausdruck von Selbstbewusstsein und Lebensfreude. Also negative Kommentare so gut wie es geht ignorieren und daraus lernen, sich selbst besser zu verhalten… Vielen dank für deinen Blog; es ist immer wieder erfrischend bei dir zu lesen. Grüße aus dem Schwabenländle!

  7. Mir wurde mal gesagt, dass der Testosterongehalt bei kleinen Jungs in Relation zum Körpergewicht besonders hoch sein soll. Und wenn ich mir meinen Sohn so anschaue, dann strebt der auch mit fast zwei Jahren wohl ein Maximum an, das die nächsten Jahre dann konstant bleibt.

  8. Auch2jungsmama

    Hi, bin gerade erst auf Deinem Blog gelandet & lese Deine Beiträge sehr gerne. In vielen Dingen teile ich Deine Sicht, auch wenn ich es sicher nicht immer so gut hinbekomme wie Du. 🙂

    Deine Sicht in diesem Beitrag hier teile ich überwiegend nicht. Das mag daher kommen, daß mein Großer ein ganz anderer Typ ist, sehr sensibel, lieb, arglos, schüchtern, das erste Mal geschubst hat er tatsächlich doch erst mit fast 3. (Ich sage das, weil ich Deine Sicht auf dem Spielplatz durchweg bei den Eltern der vermeintlich „stärkeren“ Kindern höre.)

    Ich finde es gut, wenn allgemein im Leben nicht der Grundsatz herrscht, es gelte das Gesetz des Stärkeren. Klar, viel sollen die Kinder alleine machen und ihren eigenen Weg finden. Aber ich finde, Eltern haben eine größere Aufgabe beim Sozialverhalten, als nur das Vermeiden von Verletzungen. Es ist auch wichtig, Empathie zu lernen und auch anderen eine Raum zu lassen. Das gehört für mich übrigens auch zur Gedankenwelt, die ein Christkind beinhaltet, auf das Du ja zu Weihnachten dann doch bestehst. Wenn ich mich recht erinnere hat es nicht befürwortet, alle aufeinander, der Stärkere möge gewinnen und die Unterlegenen müssen sich halt so ändern, daß sie den zuvor Stärkeren bezwingen.

    Diese Grundwerte zu vermitteln gehört für mich auch bei den Kleinen dazu, ohne die „starken“ jetzt gängeln zu wollen. Aber nur alles so laufen zu lassen bis auf Verletzungen greift mir zu kurz.

    Ich hoffe, Du kannst nachvollziehen, was ich meine, bin nicht so sprachbegabt, eher technisch-logisch. 😉

    LG!

    • Hallo Mia, da kann ich „Auch2jungsmama“ voll zustimmen. Für mich kam die Ideologie „Sollen die anderen doch auch ehrgeizige Einzelkämpfer werden“ unsympathisch rüber, auch wenn der Beitrag angenehm witzig zu lesen ist und ich über die Aussage deines Mannes schmunzeln musste. Das Miteinander funktioniert aber vor allem dann, wenn eben nicht jeder unbedingt der erste sein „muss“. Auch wenn man sich nicht schlägt, hinterlässt ein reines Wettkampfklima, bei dem „Zweiter sein“ keine Option ist, einen aggressiven Nachgeschmack, der freundschaftlichen Umgang miteinander verhindert. Vielleicht hilft das gut in bestimmten Jobs, soziales Miteinander fördert es allerdings nicht, daher bin ich froh, wenn zumindest der überwiegende Anteil meiner Mitmenschen nicht so agiert. Meine Tochter (6) ist auch oft vom „immer-Erster“-Ehrgeiz befallen, mir ist es jedoch ein Bedürfnis, ihr beizubringen, dass sie sich zwar nicht die Wurst vom Brot nehmen lassen muss, aber soziales Miteinander heißt, auch mal zurückzustecken, zu teilen, Schwächere vor zulassen oder sich für diese einzusetzen und dass daraus auch Solidarität, Gemeinschaft und Freundschaft entstehen.
      Ich glaube, im Fall oben wollten sich Freunde und Eltern gar nicht unbedingt “ besserwisserisch“ einmengen, es hat bei Ihnen einfach einen sensiblen Nerv getroffen, wie auch bei mir. Liebe Grüsse

      • Der Beitrag ist ja schon etwas älter und inzwischen sehe ich die Dinge wieder in ganz neuem Licht. Meine Söhne haben beide viele verschiedene Phasen durchgemacht und waren mal mehr und mal weniger ehrgeizig. Am Ende pendelt sich das irgendwo zwischen dem ein, was sie so in sich tragen und was man ihnen beigebracht hat. Und wie in allen Fragen finde ich auch hier, dass wir ihnen nichts austreiben sollten und das auch gar nicht vermögen. Aber Kinder müssen da eben viel ausprobieren und auch Wettkämpfe gehören dazu. Immer alles verhindern zu wollen und Kindern eine Verhalten aufzuzwingen, wie wir es von Erwachsenen erwarten das finde ich falsch.Sich messen zu müssen, diesen Wunsch haben meine Kinder immer mal wieder. Aber heute kann ich sagen, dass zu diesem Verhalten trotzdem eine Menge Sozialverhalten dazugekommen ist. Alles kein Grund zum Zurechtbiegen finde ich also weiterhin.

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