Da hast Du geschreit! – Geburt aus Kindersicht

Vor zweieinhalb Monaten kam unser Mini auf die Welt. Wer hier schon eine Weile mitliest, erinnert sich bestimmt an den Geburtsbericht. Mitten in der Nacht rissen wir unseren Maxi aus dem Bett und packten ihn im Schlafanzug und mit Gummistiefeln ins Auto. Er durfte natürlich nicht mit in den Kreißsaal, aber er hat doch vieles mitbekommen. Immerhin habe ich im Auto schon fast Presswehen gehabt.  Vor dem Krankenhaus habe ich mich auf den Boden geworfen als mich eine Wehe übermannte und im Krankenhausflur fiel ich gleich wieder auf alle Viere. Maxi hat vor dem Kreißsaal gewartet, während sein Papa zwischen uns hin und her lief und als ich zu laut wurde, ist er mit dem Papa in ein Wartezimmer gegangen, damit er mich nicht hören muss.

Maxi hat alles sehr interessiert aufgenommen. Ich hatte ihm schon vorher erklärt, dass Mama Bauchschmerzen bekommen würde, wenn das Baby irgendwann raus möchte. Als es dann soweit war, schien ihn das nicht zu beeindrucken.

Als meine Eltern 20 Minuten nach Minis Geburt im Krankenhaus erschienen, um Maxi abzuholen, war der zwar müde aber gut gelaunt. Zu Hause hat er sich von den Großeltern einfach wieder ins Bett bringen lassen und hat ein paar Stunden Schlaf nachgeholt, bevor er am Nachmittag freudestrahlend wieder ins Krankenhaus kam.

Ich habe oft mit ihm über diese Nacht gesprochen, aber er hat nie auch nur ein Wort darüber verloren.  Er hat sich angehört, was ich ihm erklärte, aber eine Antwort oder eine Nachfrage gab es nicht. Ich dachte schon, der hätte das alles vergessen oder zumindest, es hätte ihn nicht interessiert. Bis gestern.

Der Mini hat eine extrem blöde Technik beim Trinken- er löst nämlich ungefähr alle zwei Schlucke schmatzend das Vakuum und saugt dann wieder neu an. Dadurch sind meine Brustwarzen immer mal wieder richtig wund. So auch jetzt. Gestern hatte ich solche Schmerzen beim Stillen, dass ich ganz schön die Zähne zusammenbeißen musste.

Maxi kam angelaufen und fragte: „Mama, weinst Du?“ Ich antwortete: „Nein, so schlimm ist es nicht!“

Maxi sah mir zu, dachte offenbar nach und sagte dann langsam nickend: „Aber in der Nacht, da hast Du geschreit!“

Ich wußte nicht gleich, was er meint und fragte etwas verwundert: „Wann habe ich geschrien?“

Er antwortete: „Im Auto!“ Da wurde mir klar, dass er die Geburtsnacht meinte.

Mich überkamen tausende Gefühle gleichzeitig. Ich war gerührt, aber auch besorgt,  erstaunt, ein bißchen stolz und vor allem so voller Liebe. Da steht mein Söhnchen vor mir und wird vom Anblick seiner leidenden Mutter an die eine Situtation erinnert, in der er sie unter ganz starken Schmerzen leiden sah.

Ich hatte einen kleinen Piranha an der Brust, aber das war jetzt egal! Mit zusammengebissenen Zähnen ergriff ich die Chance und versuchte, mit meinem Sohn endlich mal die Ereignisse der Geburtsnacht zu erörtern. Wie bei allen Anläufen zuvor auch, hatte er darauf aber mal wieder keine Lust.

Statt dessen versuchte er mir zu helfen. „Mama, Du musst morgen einfach länger schlafen, dann tut es nicht mehr weh!“ Wie kommt er denn darauf? Oh Gott, habe ich mal geschimpft, weil er mich morgens nicht schlafen lässt, und er denkt jetzt, ich brauche mehr Schlaf? Oder kommt das daher, dass wir schonmal sagen: „Wenn Du morgen aufwachst, ist das wieder gut“?

Auch eine Sofortmaßnahme bot er an: „Mama, Du darfst meinen Nuller haben!“ Die Mama mit Schmerzen zu sehen muss ja schrecklich für ihn sein. Niemals würde er sonst auch nur in Erwägung ziehen, dass ich seinen Schnuller ausleihen darf! Ein so großes Opfer kann eine Mutter unmöglich von ihrem Sohn annehmen!

Schließlich hat er einfach meine freie Hand gehalten. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass es dann nicht mehr weh getan hätte. Allerdings hätte ich auf diese Weise noch sehr lange aushalten können. Ich war geflutet mit wunderbaren Muttergefühlen.

Als ich mit dem Stillen fertig war, drückte ich den Mini meinem Mann in den Arm, schnappte mir den Maxi und knutschte ihn erstmal ordentlich ab!

Ich werde wohl nie erfahren, wie sehr die Ereignisse der Geburtsnacht ihn beschäftigt haben, wie er das aufgenommen und verarbeitet hat. Ich kann nur immer wieder anbieten, darüber zu reden. Wenn er will.

Eure Mia

8 Gedanken zu “Da hast Du geschreit! – Geburt aus Kindersicht

  1. Schnüf…hach wie herrlich.
    Ich find es super, dass ihr euren Maxi nicht, „in seinem Interesse“, aussen vor gelassen habt, sondern dass er wirklich „dabei“ sein durfte. Eine Geburt ist so etwas natürliches, aber dennoch ein so grosses Ereignis, auch in seinem Leben. Ich find das toll und richtig! Klar wird es ihn beschäftigt haben, aber ich denke, das ist ja nix Schlechtes per se, eher im Gegenteil.

    Sehr süss geschrieben! <3

  2. Das ist wirklich niedlich. Ich glaube, Kinder machen doch vielmehr mit sich selbst aus als wir Erwachsenen uns vorstellen können. Sie denken viel nach und verarbeiten so eben all die Dinge, die sie im Laufe eines Tages erleben. Allerdings muss ich zugeben, dass mich wirklich interessiert hätte, wie dein Großer die Geburtsnacht erlebt hat. Es ist wohl etwas, was man sich kaum vorstellen kann. Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, wie es bei der Geburt meines zweiten Kindes wird. Ich habe schon viel darüber nachgedacht und es wäre mir wohl am liebsten, wenn der kleine Pirat irgendwann in den Vormittagsstunden kommt, nämlich dann wenn der Große in der Krippe ist. Aber das kann man sich ja leider nicht aussuchen. Oder gibt es vielleicht einen kleinen Trick? Eine Hebamme hat mal zu mir gesagt, dass die Kinder meistens dann kommen, wenn die Mutter im Innersten denkt, dass jetzt ein guter Zeitpunkt dafür wäre.

  3. Schnief – die Geschichte rührt mich gerade total! Sicherlich auch ein wenig bedingt durch die Schwangerschaftshormone 😉
    Was für einen tollen Sohn du hast! Ich finde es so süß von ihm, wie er sich um seine leidende Mama „kümmert“ – so gut er nur kann. <3

  4. Das ist soooo schön und unglaublich süß von Deinem Maxi, da war ich eben sogar ein wenig mit gerührt.

    Als ich vor ein paar Wochen/Monaten diese furchtbare Brustentzündung hatte, ging es mir ein paar Tage auch gar nicht gut, Schüttelfrost, Fieber, Mama liegt auf dem Sofa, ein ungewohnter Anblick für Sonea. Vor ein paar Tagen lag ich dann abends total erschöpft auf dem Sofa… fünf Minuten ausruhen. Da kommt Sonea zu mir, streichelt mir über den Kopf und fragt „Mama Brust weh?“ das war auch so einer dieser Momente.

    Ganz liebe Grüße
    Katharina

  5. Liebe Mia,

    ich finde mich in Deinem Text wieder. Auch bei uns haben die Kinder meine Wehen mitbekommen, bis meine Mutter kam und ich ins KKH abdampfte. Sie haben auch nicht darüber gesprochen, obwohl ich es immer wieder versuchte (immerhin möchte man ja nicht, dass bei den Kindern irgendwelche psychische Schäden bleiben). Aber ab und zu fällt auch bei uns immer wieder der Satz: „Da warst Du aber ganz schön laut.ohoho..“ Aber ich glaube, sie haben es verstanden und werden es auch überleben. Mamas sind eben auch nur Menschen.

  6. Liebe Mia, das ist echt schon ein Wahnsinn, wie viel die Kleinen doch schon wahrnehmen und mitbekommen und wie es sie tatsächlich schon „bschäftigt“. Ich hatte mal eine Blasenentzündung und das Wasserlassen tat fürchterlich weh. Mein Sohn (2) ist immer mit mir im Bad, wenn wir alleine sind und er bekam mit, wie ich wirklich fast geschrien hab. Seit dem sagt er ganz oft, wenn ich auf der Toilette bin „Mama aua“ und das auch noch Monate später. Ich finde das so faszinierend, dass sowas sich bei so einem kleinen Kerl so einbrennt, aber scheinbar ist es doch etwas ganz spezielles für so ein Kind, wenn die Mama Schmerzen hat.
    Dein Sohn ist echt goldig, wie er der Mama da helfen will und sie trösten will.

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