Der Opa im Himmel

Meinen Schwiegervater habe ich leider nie kennengelernt. Er starb gestern vor 13 Jahren, lange bevor sein Sohn und ich uns das erste Mal begegnet sind.

Der 1. August ist immer ein trauriger Tag für meinen Mann. Besonders traurig macht ihn, dass sein Vater seine Enkelsöhne nicht mehr erlebt hat.

Gestern abend saßen mein Mann und ich abends auf dem Sofa, und zum ersten Mal an einem 1. August stand nicht nur die traurige Erinnerung an diesen Tag vor 13 Jahren im Vordergrund. Eine kleine Anekdote mit unserem Großen vor ein paar Tagen zauberte uns ein Lächeln ins Gesicht.

Wir waren auf dem Heimweg von meinen Eltern, wo wir ein Abschiedsessen für meine Schwester veranstaltet hatten, die seit gestern in der Schweiz lebt. Meine Schwester saß mit im Auto, da sie die Nacht noch bei ihren Neffen verbringen wollte, um von uns aus am nächsten Morgen in ihr neues Leben aufzubrechen.

Meine Schwester und ich quasselten während der Fahrt wie üblich eifrig miteinander, aber so ein Mutterohr ist ja immer auf Empfang, und so hörte ich plötzlich mit einem Ohr meinen Großen zu meinem Mann sagen:

„Papa, wo ist eigentlich Dein Papa?“

Sofort unterbrachen meine Schwester und ich unser Gespräch um gespannt dem nun folgenden Dialog zu folgen.

Die Frage kam so unvermittelt, aus dem Nichts. Die erwachsenen Insassen im Auto waren erstmal baff.

Nach kurzem Überlegen sagte mein Mann: “ Mein Papa lebt nicht mehr, der ist tot.“

Kurzes Schweigen. Dann die zu erwarten gewesene Nachfrage: „Warum?“

Mein Mann antwortete: „Der war ganz schlimm krank.“

Wieder Schweigen. In meinem Sohn arbeitete es fast hörbar. Dann sagte er:

„Mir tut mein Bein auch ganz schlimm weh.“

Mein Mann antwortete mit Rührung in der Stimme: „Mach Dir keine Sorgen Mäuschen, Dein Bein wird wieder gesund, das tut morgen nicht mehr weh! Mein Papa war viel, viel schlimmer krank.“

Ich hätte mich gerne eingemischt, wollte meinem Sohn eine kindgerechte Erklärung geben, ihm das Thema so gerne so verpacken, dass es nichts Erschreckendes für ihn hat, aber das war nicht mein Gespräch. Dieses Gespräch schien mir eine Sache zwischen meinem Mann und meinem Sohn.  Also biss ich mir auf die Zunge.

Mein Sohn fragte meinen Mann: „Aber wo ist der denn jetzt?“

(Puh, endlich das Einfallstor für die kindgerechte Erklärung)

„Der ist im Himmel, Mäuschen“, antwortete mein Mann.

Der Sohn schaute aus dem Fenster nach oben: „So wie die großen Bäume?“ Weiter als bis zu den Spitzen der höchsten Bäume geht der Himmel für ihn noch nicht.

„Ja“, antwortete mein Mann und der Sohn schaute weiter aus dem Fenster nach oben, als würde er in jeder Baumkrone seinen Opa vermuten.

Meine Schwester und ich hatten während des ganzen Gesprächs den Atem angehalten und mein Mann war spürbar extrem bewegt. Das war das unglaublichste Gespräch, das wir bis hierhin mit dem Sohn hatten.

Es fühlte sich gestern ein bißchen so an, als würde sich ein bis dahin offener Kreis schließen. Der Opa ist 13 Jahre nach seinem Tod im Leben seines Enkels angekommen.

Eure Mia

8 Gedanken zu “Der Opa im Himmel

  1. Wie sehr kann ich mich in diese Situation hinein versetzen. Unser Junior (3J) hat meine Eltern leider auch nicht mehr kennen gelernt. Schon sehr lange gehen wir bewusst mit ihm auf den Friedhof und reden mit ihm darüber. Auch im Alltag sagen wir oft….das gehörte der Oma….oder das hat der Opa immer gemacht. Das ist, wie ich auch finde, ganz wichtig für die Zwerge das man offen mit dem Thema umgeht. Ich habe mal gelesen das man auf keinen Fall: Von uns gegangen oder Entschlafen sagen soll. Dann assoziieren sie ganz schnell….die Mama geht weg…und stirbt oder ich muss schlafen…und sterbe dann.

    Dein Mann hat die Situation super erklärt.

  2. Da ist wirklich ausgesprochen bewegend. Ich muss ehrlich eingestehen, dass ich mich vor solchen Fragen unserer Kind immer ein wenig fürchte. Auf der einen Seite möchte man ihnen alles so schön und behutsam erklären, auf der anderen sollen sie aber auch die Wahrheit erfahren. Ich denke schon, dass das irgendwie auch immer ein Konflikt ist.

  3. Ich habe gerade Tränen in den Augen… in 11 Tagen ist es hier auch wieder so weit… das zweite Jahr nun. Und mir tut es auch manchmal ganz schön weh, dass mein Vater Vincent niemals kennengelernt hat und nicht mit erLEBEN kann wie Sonea sich entwickelt… irgendwie mitbekommen tut er es sicherlich, oben von seiner Wolke.

    Ganz liebe Grüße…

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