Muttermilch für alle

Da schlägt man morgens mit müden Augen die Zeitung auf und liest: „Muttermilch als Modegetränk“.

Oh, dachte ich, die Babys von heute bestimmen wohl selbst, was sie trinken möchten und haben sich mehrheitlich für Muttermilch entschieden, oder was heißt hier „Modegetränk“?Vermutlich soll es heißen, dass Stillen in Mode ist, dachte ich.

Beim weiteren Lesen stellte ich aber mal wieder fest, es gibt nichts, was es nicht gibt. In China, so heißt es in dem Artikel, ist Muttermilch gerade schwer angesagt. Reiche schlürfen sie wie Champagner (na prost!) und sie gilt als das Beste für Neugeborene und Kranke.

Erhältlich ist das Modegetränk Muttermilch auch in China nur über Mütter. Eine Agentur bietet Ammen an, von denen die Muttermilch direkt aus der Brust, oder, fallls man sich zu sehr geniert, auch in abgepumpter Form zu konsumieren ist. Kostenpunkt für den Kunden: 2000 Euro, das entspricht in China etwa dem vierfachen Durchschnittslohn. Eine „gesunde  und hübsche“ Amme kann deutlich mehr erhalten.

Zumindest die Tatsache, dass die Muttermilch über eine Agentur vertrieben wird, sorgt in China für Empörung. Vom moralischen Verfall ist die Rede und davon, dass China Frauen wie Konsumgüter behandelt. Auch versteckte Pornographie wird der Agentur vorgeworfen.

Es mutet in der Tat mehr als seltsam an, dass Erwachsene Muttermilch aus der Brust einer Amme trinken, die sie über eine Agentur für teueres Geld „gebucht“ haben. Was steckt wohl dahinter? Wenn es nur um den gesundheitlichen Aspekt ginge, bräuchte man wohl kaum direkt von der Brust zu trinken, und es gäbe auch wenig Grund dafür, für hübsche Ammen mehr Geld zu verlangen. Interessant zu wissen wäre, wer in China diesen Service in Anspruch nimmt. Männer wie Frauen gleichermassen? Ich wage mal die Vermutung, dass es doch ein rein männliches Vergnügen ist.

Dass Muttermilch das Beste für Babys ist, ist ja auch in Deutschland herrschende Meinung. Sie enthält alles, was ein Baby braucht, nicht mehr und nicht weniger- die perfekte Babynahrung. Aber ob sie für kranke Erwachsene ein Gesundmacher ist? Hühnersuppe vielleicht, aber Muttermilch? Ich bin nicht auf dem Stande der aktuellen Forschung was die Nahrhaftigkeit von Muttermilch für den Speiseplan für Erwachsene angeht, aber ich fürchte, da sind die Chinesen auf dem Holzweg.

Die Agentur, über die die Ammen gebucht werden können, vermittelt hauptsächlich Dienstpersonal. Dienstpersonal und Ammen. Kommt Euch komsich vor? Mir auch! Der Verdacht liegt nahe, dass die hohen Verdienstmöglichkeiten Frauen dazu bringen, sich als Ammen zur Vefügung zu stellen. Möglicherweise sogar nicht ganz freiwillig.

Das Ganze hat leider tatsächlich etwas von Prostitution. Wie gut, dass die chinesischen Medien so scharfe Kritik üben, dass der Agentur inzwischen die Lizenz entzogen wurde.

Aber mal so ganz nebenbei: Man muss ja nicht perverse Millionäre an seinen Brüsten nuckeln lassen, sondern kann ja auch die Milch abgepumpt verkaufen. Ich darf mich in aller Bescheidenheit als gesund und hübsch bezeichnen. Damit könnte ich in China mit meiner Milch deutlich mehr als 2000 Euro im Monat verdienen! Umgerechnet entspricht das ja dem vierfachen chinesischen Durchschnittslohn, das wären ja in Deutschland knapp 10.000 Euro (vierfacher Durchschnittslohn von ca. 30.000 Euro/Jahr)!! Da kann mein Elterngeld aber nicht mithalten.

Das scheint mir doch mal eine korrekte Wertschätzung dessen, was stillende Frauen leisten! Das muss ich den Chinesen schon lassen.

Eure Mia

Heiter-bis-wolkig-Mittwoch: Mutterliebe im Wachstum

Ich weiß, wie sich Mutterliebe anfühlt.

Mein Großer (2,5 Jahre) und ich, das ist die ganz große Liebe. Dass ich für ihn jederzeit alles tun würde, ist ganz selbstverständlich. Nichts, worüber ich nachdenken müsste. Bedingungslose Liebe, ohne Zweifel, ohne Abstriche. Einfach so.

Ich weiß also, wie sich Mutterliebe anfühlt. Oder wie sie sich anfühlen muss. Müsste.

Als mein Kleiner geboren wurde, war ich hin und weg. Im Kreißsaal hielt ich das Baby im Arm und sagte immer wieder: „Oh mein Gott! Mein Kleiner! Wie schön, dass Du da bist! Oh mein Gott! Bin ich froh, dass Du bei uns bist…!“ Ich war völlig geflasht. Das Glück über die wunderbare Geburt, das gesunde Baby, den perfekten Geburtstag, all das hat mich überwältigt.

Als wir nach Hause kamen, begann der Alltag. Ich war immernoch glücklich, aber da war auch noch etwas anderes. Erst war es nur ein unterschwelliges Gefühl. Ich wußte selber nicht, was ich da fühlte, aber irgendetwas war da.

Ich verglich meine beiden Söhne miteinander. Der Kleine sah ganz anders aus, als der Große. Ich schaute mir die Babyfotos vom Großen an. Nein, auch als Baby hatte er schon anders ausgesehen. Wem sieht der Kleine eigentlich ähnlich? Mich konnte ich irgendwie nicht entdecken. Meinen Mann allerdings auch nicht.

Mein Großer hatte es mir von Anfang an leicht gemacht, mich selber in ihm zu sehen. Er hat meinen dunklen Teint, meine dunklen Haare, meine großen dunklen Augen. Als Kind hatte ich sogenannte Mongolenflecken auf dem Rücken- genau, wie mein Großer. Er hat meine Nase, meinen Mund- er ist ein echtes Mini Me.

Der Kleine ist blond! Unfassbar für mich. Er hat einen blassen Tein, fast durchsichtige Haut. Wenn er sich unter Bauchschmerzen windet, wird er feuerrot- bei meiner und des Großen dunklen Haut sieht man so etwas nicht. Er hat keine Mongolenflecken. Nicht meine Nase. Er sieht einfach anders aus.

Ich sprach mit meiner Mutter darüber und sie fragte mich: „Fremdelst Du jetzt deswegen mit ihm?“ Und auch mit der Hebamme sprach ich über meinen „anderen“ Sohn und sie erzählte mir, dass es bei ihren beiden Töchtern auch so war.

Und da erst konnte ich das Gefühl zulassen. Ja, ich habe mit meinem Kleinen gefremdelt. Es war ein Gefühl, als wäre er weniger mein Sohn, als der Große. Ich bringe es noch immer kaum über mich, zu schreiben, aber da war einfach nicht die Liebe, wie zu meinem Großen.

Ist das nicht schrecklich? Darf man das als Mutter? Geht das überhaupt?

Kaum war der Gedanke da und das Gefühl zugelassen, folgte das schlechte Gewissen auf dem Fuße. Und dann war da noch Mitleid mit dem Kleinen. Mitleid? Mit diesem tollen Kind muss man doch kein Mitleid haben. Sofort noch mehr schlechtes Gewissen.

Ob es vielleicht damit zusammenhängt, dass wir mitten in der Bondingsphase getrennt wurden, weil er mir nach nur einer Nacht gleich weder weggenommen wurde und für 48 Stunden unter die Phototherapie musste? Apropos: Haben sie ihn dabei vielleicht vertauscht? Ein ganz wildes Gedankenkarussel drehte sich in meinem Kopf.

Hinzu kam, dass ich den Großen ja so sehr vermisst habe. Irgendwie fühlte es sich an, als sei ich in meiner Mutterliebe zu beiden Kindern gestört.

Ich fand den Kleinen von Anfang an unfassbar süß. Er war den ganzen Tag auf meinem Arm und wir haben gekuschelt und ich habe ihn abgeknutscht. Ich habe ihn sofort geliebt, aber ich musste mich erst an ihn gewöhnen.

Heute kann ich relativ entspannt auf dieses Gefühl der allerersten Wochen zurückblicken.

Ja, ich musste mich erst an ihn gewöhnen und fühlte mich meinem Großen so viel näher und so viel mehr verbunden. Ich glaube, ich musste  mich auch an den Großen erst gewöhnen, ich habe es bloß vergessen und auch damals nicht so stark empfunden, weil es ja keinen Vergleich gab. Ich weiß aber noch, dass ich vor zweieinhalb Jahren oft gedacht habe: Wow, das ist jetzt also mein Sohn, und der bleibt jetzt bei uns. Ich musste auch damals erstmal im Muttersein ankommen.

Beim ersten Kind hat man so gar keine Vorstellung davon im Kopf, wie es wohl sein wird. Beim zweiten Kind weiß man zwar, dass es ganz anders sein kann, als das erste, aber man erwartet trotzdem eine Miniausgabe des ersten Kindes. Wenn Nummer 2 dann so ganz anders ist, muss man sich wohl erst an das neue Kind gewöhnen.

Sich an das neue Kind gewöhnen? Ich dachte eigentlich, das muss eine Mutter nicht. Je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr konnte ich es mir selber aber schließlich nachsehen. Jede Beziehung muss erst wachsen. Einen neuen Menschen muss man erst kennenlernen und mit der Zeit entwickelt sich eine Beziehung. Den Vorsprung von zweieinhalb Jahren Beziehung mit Sohn Nummer 1 konnte der Kleine natürlich nicht vom ersten Tag an einholen.

Der Kleine ist jetzt fast sechs Wochen alt. Ich schmelze dahin, wenn ich ihn betrachte. Ich liebe seine blonden Haare und wünsche mir, dass er sie zumindest noch ein paar Jahre behält, denn eines Tages werden sie bestimmt dunkel werden. Ich liebe ihn ganz unendlich. Er gehört jetzt richtig zu uns. So wie sich sein Bruder an ihn gewöhnt hat, so ist auch in meinem Kopf und in meinem Mutterherz angekommen, dass er mein Sohn ist.

Es ist wie so oft im Leben: Wir verstellen uns selber den Blick. Ich hatte das Bild von meinem Großen als Baby im Kopf und dann kommt ein ganz anderes Kind. Vor lauter fertigem Bild im Kopf konnte ich die Besonderheiten von Sohn Nummer 2 zuerst gar nicht sehen. Ich musste den Kopf erst frei machen, um den Kleinen richtig sehen zu können.

Heute sind wir alle wieder Freunde: Meine Söhne, die Mutterliebe und ich!

Eure Mia

9085-9537