Heiter- bis- wolkig-Mittwoch:Eltern und Ehepaar

Ich schlage heute morgen die Zeitung auf und lese: „Jede dritte Ehe scheitert.“

Huch, so eine Headline vor dem ersten Kaffee…

Ich lege die Zeitung wieder weg, nehme einen Schluck Kaffee und denke über meine eigene Ehe nach.

Unsere Beziehung befindet sich im verflixten siebten Jahr, unsere Ehe haben wir vor vier Jahren geschlossen. Manchmal,wenn ich mir unsere Hochzeitsfotos anschaue, denke ich bei mir: „Wahnsinn, wer wir damals waren, und wer wir heute sind!“

Von den Hochzeitsfotos guckt mich ein Paar an, das eigentlich gerade erst anfing, ein richtiges Paar zu werden. Genau genommen waren wir zwei sehr unabhängige Erwachsene, die ineinander verliebt waren. Dann wurden wir Eltern. Es war eine riesige Umstellung, vom Paar zur Familie. Wie haben wir uns gestritten! Über absolut ALLES!

Der Sprung von der Familie mit einem Kind zu einer Familie mit zwei Kindern ist nicht ganz so groß, dachte ich mir und das stimmt auch. Die Rahmenbedingungen ändern sich nicht mehr so sehr. Hier wird wenig geschlafen, ich nehme Elternzeit, mein Mann und ich haben kaum Zeit füreinander…das war schon vor Baby Nr. 2 so.

Überrascht hat mich allerdings, dass die Streiterei wieder von vorne losging. Wir sind seeehr genervt voneinander. Es ist, als wären wir gerade zum ersten Mal Eltern geworden und müssten unsere Rollen neu definieren. Ich fühle mich oft alleine gelassen mit den Kindern. Ich will mehr Anerkennung für das, was ich täglich leiste. Ich bin neidisch auf seinen Büroalltag. Und wirklich ausflippen könnte ich, wenn er genervt von dem Babygeschrei ist. Ich bin nicht weniger genervt davon, dass der Kleine abends immernoch seine Schreistunde abhält, aber wenn er das ausspricht, dann stelle ich mich automatisch vor meinen Sohn und bin wütend auf meinen Mann, weil er unser Baby in meinen Augen nicht süß genug findet. Klar, der wartet wieder, bis ich den Kleinen aus dem Gröbsten rausgebracht habe. Dann nimmt er ihn mir weg und macht mit ihm und dem Großen Männersachen, denke ich dann.

Manchmal bin ich überrascht davon, wie sehr wir uns verändert haben. Die beiden unabhängigen Menschen auf dem Hochzeitsfoto leben jetzt ein unfassbar traditionelles Familienbild. Ich bin die Hausfrau, er der Geldverdiener. Das war eigentlich nicht beabsichtigt, ist aber beim Machen so geworden. Meistens ist das auch ok für mich. Ich bin glücklich in meiner Mutterrolle und schäme mich nicht dafür, dass mir die Kinder wichtiger sind als meine Karriere. Nur manchmal denke ich mir, dass ich beruflich viel aufgegeben habe. Dieses Gefühl lasse ich uneingeschränkt an meinem Mann aus.

Und dann sind da noch all diese eigentlich überflüssigen Motzereien: Ich hatte doch gesagt ich brauche Tomaten, warum hast Du keine Tomaten gekauft? Hörst Du eigentlich nicht, wenn das Babyfon angeht? Kannst Du auch mal das Bad putzen? Musst Du wirklich bis 23 Uhr im Büro sitzen? Hast du etwa keine Jacke für den Sohn eingepackt?

Seit der Kleine vor zwei Monaten zur Welt kam, haben mein Mann und ich kaum miteinander geredet. Meistens sagen wir nur: „Kannst Du mal kurz…“, aber richtige Gespräche gibt es kaum. Höchstens mal ein kleiner Streit zwischendurch. Dafür ist immer Zeit.

Von dem Foto neben dem Hochzeitsfoto, ein Familienfoto mit Sohn, gucken mich keine unabhängigen Erwachsenen an, sondern Eltern. Die Liebe zueinander und die Liebe zum Sohn springt einem aus diesem Foto heraus fast an. Wir haben den Spung vom Paar zur Familie geschafft.

Daneben steht neuerdings ein Foto einer Familie mit zwei Kindern. Die Eltern sind wieder andere Menschen, als die auf dem Foto mit nur einem Kind. Die Unabhängigkeit ist sowas von weg, aber das Glück ist noch da.

Wir werden uns in den nächsten Wochen noch oft streiten. Müde und gereizt werden wir aneinander geraten, kurioserweise nie zu erschöpft, um zu streiten. Wir wissen aber beide, dass das wieder besser wird.

Dem Zeitungsartikel zufolge haben wir statistisch gesehen noch 10 Jahre und 8 Monate glückliche Ehe vor uns. Ich traue uns durchaus mehr zu.

Ach ja, und ich hätte nichts dagegen, wenn eines Tages ein weiteres Foto im Wohnzimmer aufgehängt würde- mit drei Kindern. Noch so ein Streitpunkt…

Eure Mia

10 Gedanken zu “Heiter- bis- wolkig-Mittwoch:Eltern und Ehepaar

  1. Ach Du sprichst mir aus der Seele bez. schreibst 🙂 Ich kenne diese Momente auch sehr gut, das Gefühl nach mehr Anerkennung ist wohl jedem Bekannt und es ist normal finde ich. Mit einem Lob, einem Danke, einer Umarmung für das was man macht oder getan hat, fühlt man sich doch viel besser. Mein Mann musste das erst lernen und verstehen aber Männer sehen das meist eh alles ganz anders als wir Frauen 🙂 Wir sind jetzt seit 12 Jahren zusammen und haben am 31.08. unseren 1. Hochzeitstag ♥
    Und ich hoffe wir gehören nicht zu der Statistik, denn ich habe vor für immer mit ihm zusammen zu bleiben.
    Ich werde nächste Woche mal an das Thema anknüpfen wenn Du nichts dagegen hast?

    Danke für diesen tollen Text der mich zum lachen gebracht hat auf der Fahrt nach Frankreich und dem Satz von meinem Schatz: Das hört sich ja fast an wie bei uns *grins

    Liebe Grüße
    Dine

  2. Es tut gut zu hören bzw. zu lesen, dass es auch anderen Paaren so geht. Mein Partner und ich haben uns, bevor unser erstes Kind zur Welt kam, kaum gestritten. Natürlich gab es mal kleine Unstimmigkeiten, doch die wurden in der Regel überraschend schnell wieder aus der Welt geschafft und waren vergessen. Doch mit der Schwangerschaft und der Geburt des Kleinen wurde alles anders. Wir hatten uns regelmäßig in der Wolle und alles schien so anders zu sein. Nun erwarten wir das zweite Kind. Ich bin gespannt, ob sich das dann wiederholen wird. Einfach wird es sicher nicht. Doch beim zweiten Kind sollte man eigentlich geübt sein. Oder nicht?
    LG Dima

  3. Danke für deine Worte. Tut mir ebenfalls gut. Zur Zeit kriegen wir uns täglich in die Wolle und zwar meistens ganz arg und aus Kleinigkeiten heraus. Ich fühl mich dann immer ganz schlimm und finde sowieso alles ganz ganz furchtbar und tragisch. Ich kann das wie selbst in meinem Kopf nicht mehr ordnen. Doofes Gefühl. Eigentlich fühlte ich mich früher so vor meinen Tagen. Jetzt die ganze Zeit. 🙂

    Ich hoffe sehr, dass es bei uns bald besser wird. Es tut mir manchmal richtig leid für unseren Jungen. Also nicht, dass wir uns vor ihm zoffen, aber ich denke, er spürt meine Unruhe und meine Gefühle…

    Liebe Grüsse und ich hoff, bei euch beruhigt sich bald die Lage!

    Claudia

  4. Ohja! Dass ich mich automatisch vor meine Kinder stelle, selbst wenn der Mann recht hat, geht mir genauso. Was ist das bloss? Es ärgert ihn maßlos, wenn ich mich, sobald ER etwas auszusetzen hat, um 180 Grad drehe und das Kleinmädchen wie eine wilde Löwenmama verteidige. In meinen Augen darf aber eben niemand kritisieren, ausser mir selbst. Jawohl.

    Im Moment habe ich das unfassbare Glück, dass der kleine Prinz keine Schreistunden hat. Er ist immer friedlich, das schont die Nerven enorm. Aber ich erinnere mich noch allzugut an die laaaangen Schreiabende des kleinen Fräuleins und das hat ordentlich Zündstoff gegeben! Es geht vorbei…

    Das Ding mit der gegenseitigen Anerkennung haben wir auch. Das ist wahnsinnig Nervenzehrend… es gibt Tage, an denen kann ich das lockerer sehen und dann eben Tage, an denen ich ausflippe. Da geht es mir wie dir!

    Ein schöner offener Post, ich lese gern bei dir!

    Liebe Grüße

  5. Toller Beitrag!!!

    Streiten tuen wir uns zum Glück nicht so oft, aber das mit der gegenseitigen Anerkennung für die jeweilge Arbeit ist schon ein schweres Ding.

    Ich weiß das meine Frau ordentliche Arbeit daheim mit unseren zwei Mädels leistet, die oft sehr nervenaufreibend ist. Auf jeden Fall. Aber manchmal denke ich, sie hat vergessen wie hart der Arbeitsalltag ist. Denn es ist oft gar nicht so einfach arbeiten zu gehen und danach sich noch mit den Kindern zu beschäftigen.

    Doch das hat bald eh ein Ende. Das Elternjahr ist rum und die Bewerbungen laufen. Das heißt aber auch für mich, ich muß noch mehr im Haushalt ran. Bin gespannt wie wir das meistern.

    lg. Christian

  6. Warum es dich nervt wenn er sich über das Schreien ärgert? Projektion 😀 Das ist der eigene Anteil in der der das Baby nicht süß genug findet und der dich an dir selbst stört^^

    Mich nervt es übrigens wahnsinnig wenn Leute mit ihren dümmlichen Psychoanalysen irgendwo zwischenquatschen^^

  7. Du sprichst mir sowas von aus der Seele! Bei uns war es exakt genauso. Auch das, dass es mit dem zweiten Kind wieder von vorne angefangen hat. Meine Kleine ist jetzt 14 Monate alt und ich kann dir sagen: Es wird wieder besser. Und dann wird es anders aber wunderschön.
    Ich glaube mittlerweile, dass mein Mann einfach mit dem Babykram nicht wirklich viel anfangen kann. Beim ersten ist er auch erst so richtig aufgetaut als er ca 9 Monate alt war und als man mit ihm kommunizieren konnte…
    Liebe Grüße
    anna
    PS: Ich habe deinen Blog erst gestern gefunden aber schon viel gelesen und du schreibst toll!

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