Heiter-bis-wolkig-Mittwoch: Eifersucht

Es ist 16:20 Uhr an einem wunderschönen Sommertag. Die Menschen haben die Fenster zum Schutz vor der Hitze zugezogen, aber nun erscheint doch hier und da ein Gesicht am Fenster, denn die Anwohner haben Schreie gehört. Es klingt, als würde ein Kind geschlachtet werden. Und tatsächlich- auf der Straße stehen ein kleiner Junge und eine Frau und sind offenbar in einen furchtbaren Streit geraten.

Was klingt wie ein Krimi ist das ganz normale Leben und die Frau bin ich. Herzlich wilkkommen in meinem Alltag!

Was war da los? Ich hatte den Sohn von der Kita abgeholt, war in unsere Einfahrt gefahren und hatte den Maxicosi mit dem Babysohn aus dem Auto genommen. Als ich auf der anderen Seite die Tür öffnete und den Großen rausholen wollte, schrie der schon wütend. Ich hätte zuerst IHN rausholen müssen. Wiedergutmachung nicht möglich. Unter Gebrüll und Gezeter schleppte ich ihn schließlich ins Haus.

War das nun Eifersucht oder ein Trotzanfall?

Situationen wie diese gibt es momentan viele und es fällt mir schwer, sie in die Gefühlswelt des Sohnes einzuordnen.

Ich glaube, dass wir Eltern das Thema Eifersucht und „Entthronungstrauma“ zu hoch handeln. Kinder sind viel anpassungsfähiger, als wir denken, und gerade Veränderungen, die ganz natürlich sind, nehmen sie regelmäßig eher gelassen hin. Solange ich also meinen Erstgeborenen nicht völlig vernachlässige und ihm ständig Absagen zugunsten des Babys erteile, kann er die Situation gut akzeptieren, davon bin ich überzeugt.

Ich habe schon in der Schwangerschaft darauf geachtet, dass das Baby kein Ärgernis für den Sohn wird. Ich habe immer von „unserem“ Baby gesprochen. Ich habe nie gesagt: „Ich kann Dich nicht tragen, weil ich das Baby im Bauch habe“, sondern „…weil Du so groß und schwer geworden bist“.  Als der Kleine auf der Welt war, habe ich den Großen in alles einbezogen. Er hat mir beim Wickeln geholfen, hat das Baby mit Schnullern beruhigt und wurde ständig als toller großer Bruder gelobt. Besuchern habe ich aufgetragen, zuerst den Großen zu begrüßen und sich dann erst aufs Baby zu stürzen und gerne auch eine Kleinigkeit für den Großen mitzubringen.

Der Große war begeistert von seinem Bruder. Von Eifersucht keine Spur. Mein Plan ging also auf. Dachte ich.

Die Anfälle, die er nachmittags gerne mal hat, schob ich auf Übermüdung und Trotz. Dass er mir dauernd die kalte Schulter zeigte, fand ich nicht weiter schlimm. Er konzentriert sich jetzt eben noch mehr als vorher auf den Papa, denn den hat er ja meistens ganz für sich.

Tatsächlich haben mein Mann und ich uns die Kinderbetreuung stillschweigend so aufgeteilt, dass er sich um den Großen kümmert und ich mich um den Kleinen.  Ganz selten nimmt mein Mann mal den Kleinen.

Es war einer dieser seltenen Momente, in denen mein Mann den Kleinen auf den Arm nahm, als ich zum ersten Mal die pure Eifersucht bei meinem Großen spürte. Er starrte vor sich hin und sagte wütend und wie zu sich selbst: „Das ist mein Papa!“ Dabei wirkte er tatsächlich erschüttert. Seitdem gab es mehrere Situationen, in denen er wütend wurde oder sich verzweifelt an ihn klammerte, wenn mein Mann sich mit dem Kleinen beschäftigt. Von meinem Mann fordert er auch ein, „wie ein Baby“ getragen zu werden, oder die Flasche zu bekommen.

Mein Sohn hat also doch mit seiner „Entthronung“ zu kämpfen. Aber nur in der Beziehung zu seinem Vater.

Ich bin erstaunt und ratlos. Ich habe versucht, Antworten zu finden, aber wenn es um Entthronung geht, ist immer von der Beziehung zu „den Eltern“die Rede und nie von nur einem Elternteil.

Ich WEISS, dass in der Beziehung zu meinem Sohn alles in Ordnung ist. Ich bin trotz seiner Vorliebe für seinen Vater seine erste Bezugsperson und es gibt Situationen, in denen kann nur ich ihn trösten. Trotzdem sind wir langsam an einem Punkt angekommen, an dem ICH eifersüchtig auf meinen Mann werde, weil mein Großer ihn mir zumindest vordergründig immer vorzieht.

Es bleibt die Frage, ob Situationen wie die eingangs beschriebene nun doch Eifersuchtsreaktionen sind oder einfach Trotzanfälle.

Leider werde ich das nie erfahren, denn der Sohn kann ja nur fühlen, aber solche Gefühle noch nicht erkennen und schon gar nicht artikulieren. Wenn er das eines Tages kann, wird er sich längst nicht mehr daran erinnern, dass er einmal ein Einzelkind war und die ersten Wochen mit dem Bruder vielleicht nicht so toll fand, wie seine Eltern dachten.

Ich kann ihn also nur beobachten und ihm eine einfühlsame Mutter sein. Und geduldig sein. Das fällt mir manchmal allerdings gar nicht so leicht.

Fragt meine Nachbarn.

Eure Mia

5 Kommentare

  1. Oha, wie haben hier auch derzeit mit großen Wutanfällen zu kämpfen, bisher allerdings nie im direkten Zusammenhang mit dem kleinen Prinzen. Aber dennoch haben die Trotzanfälle eine deutlich intensivere Note angenommen und ich deute sie als Ventil für den der Entthronung zugeschriebenen Frust, den das Kleinmädchen selbst nicht benennen kann.
    Aber das ist auch ok so. Sie ist zauberhaft zu ihrem Bruder. Fürsorglich und eine kleine Zweit-Mama…. da muss ich nun durch die Trotzanfälle halt einfach durch. Und die Nachbarn auch.
    Liebe Grüße

  2. Hier ist es genau wie bei engelenchen… Trotzanfälle hoch 10. So habe ich meine Tochter noch nie erlebt 🙁 Ich befürche, da müssen wir alle durch – und ganz bald hat sich die neue Familie perfekt gefunden. Das wünsche ich Euch/uns <3
    Alles Liebe
    Daggi

    • Wir hatten jetzt auch den ersten richtig filmreifer Anfall. Der Sohn hat sich in der Bäckerei schreiend auf den Boden geworfen, weil ich schon bezahlt habe, obwohl er das machen wollte. Mir ist sowas ja immer peinlich! Euch gute Nerven! Wenn sie nicht so süß wären…

  3. Liebe Mia,
    ich habe Zwillinge (ein Pärchen, 3 Jahre) und vieles in diesem Post erkenne ich wieder. Bei uns musste sich auch 1 Kind mehr am Papa orientieren, da ich nur zwei Hände habe. Mein Sohn hängt so an seinem Papa, dass ich oft sehr traurig deswegen bin, da ich mich schließlich zu 90% um ihn kümmere (mein Mann ist viel geschäftlich unterwegs, arbeitet lang etc). Ich habe oft ein schlechtes Gewissen deswegen, denn ich hätte versuchen müssen, es besser auszugleichen. Aber meine Tochter hat schon immer mehr Mama gebarucht als er, und so ist es dann entstanden.
    Und diese Trotzanfälle sind einfach nur Trotzanfälle. Ich glaube nicht, dass es etwas mit Entthronung zu tun hat. Bei uns gab es noch nie einen Trohn und deshalb habe ich trotzdem die allerschlimmsten, täglichen Situationen mit auf-den-Boden-werfen-und-alles-zusammen-schreien. Und genau aus ähnlich lächerlichen Gründen.
    Ach, du wolltest zuerst den linken Schuh anziehen?
    Ach, du wolltest zuerst ins Auto einsteigen?
    Ach, ich sollte das Brot nicht in 2 Hälften schneiden?
    Vor Kurzem habe ich mit meiner Tochter Ball gespielt und ich habe leider 1x den Ball nicht gefangen. ICH! Da ist sie ausgerastet. Wegen einem Ball.
    Verstehen muss man es zum Glück nicht. Nur adequat reagieren. Und das fällt mir auch superschwer. Und oft klappt es auch nicht.

    So ist es wohl, das Leben mit den kleinen Monstern…. Oder wie ich sie oft nenne: Nervzwerge 😉
    LG Katrin

  4. Oh je, das hört sich unheimlich anstrengend an. Noch sitzt unser kleiner Prinz ganz alleine auf dem Thron, doch sein Bruder ist schon unterwegs. Er ist noch zu klein, um zu verstehen, was da auf ihn zukommen wird. Bislang stand er bei uns natürlich immer im Mittelpunkt. Wenn sein Bruder da ist, wird sich das wohl ein wenig ändern. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir oft schon die Frage gestellt, wie er darauf reagieren wird. Ich denke, man kann vorher sicherlich nicht genau sagen, ob er sich darüber freuen wird. Momentan hat er seine ersten Wutanfälle, wenn es eben nicht nach seinem Kopf geht. Ich versuche dann immer ruhig zu bleiben und ihm das Bild zu vermitteln, dass er damit nicht weiterkommt. Allerdings hatte ich bislang immer Glück und es ist nur zu Hause passiert. In der Öffentlichkeit wäre mir das auch sehr unangenehm. Wie löst ihr die Wutanfälle in Supermarkt, Bäckerei und Co? LG Dima

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.