Da misch ich mich nicht ein! Meine Spielplatzregeln

Heute begebe ich mich mal auf dünnes Eis, aber ich würde mich freuen, wenn Ihr trotzdem statt mit einem „die spinnt“ wegzuclicken mit mir diskutieren würdet.

Bis vor einigen Monaten habe ich Spielplätze gehasst. Die Stimmung dort war mir irgendwie unangenehm. Als Spielplatzmutter-Anfängerin habe ich ja erstmal nur das Geschehen aufgenommen und fand es so ätzend, dass ich beschloss, irgendwann doch mal unseren Garten zu entwildern, damit der Sohn da schön spielen kann.

Inzwischen gehe ich deutlich selbstbewußter auf den Spielplatz. Vermutlich geht die ein oder andere Mutter abends nach Hause und sagt zu ihrem Mann: „Da war wieder die Mutter mit dem wilden Kind, das hat uns die Schaufel weggenommen und die sagt nichtmal was!!“, aber das juckt mich nicht mehr.

Hier sind meine Spielplatzregeln:
1. Ich mische mich nicht ein
Konfliktfähigkeit kann ich meinem Sohn nicht durch Erzählungen beibringen, das muss er sich erarbeiten! Kinder streiten sich, das muss so sein. Ich kann als Mutter nicht bei jedem kleinen Streit dazwischen gehen. Ich hasse es, wenn andere Eltern sofort aufspringen und sich einmischen:“Jetzt musst Du aber die Schaufel mal abgeben.“ „Komm, dann nimm Du doch das Eimerchen“… Ich halte Streitigkeiten auf dem Spielplatz für eine wichtige Form der Sozialisierung. Natürlich wird schnell mal geweint, wenn ein anderes Kind sich auf der Rutsche vorgedrängelt hat oder ein Spielzeug weggenommen hat. Aber das können zumindest größere Kleinkinder alleine regeln. Auf ihre Weise. Wenn ich immer sofort angerast komme und mein Kind in seinem Konflikt unterstütze, was wird dann aus ihm. Ein Ja-Sager? Ein Duckmäuser? Einer, der immer darauf wartet, dass jemand anderes das Wort ergreift, so dass er bloß nicht selber sprechen muss?
Wenn es natürlich zu schlimm wird, dann bin ich für meinen Sohn da. Wenn er bitterlich weint, und das mehr als ein Protest-Weinen ist. Und auch, wenn er sich hilfesuchend nach mir umschaut. Oft ist das aber gar nicht der Fall, oft erwartet er gar nicht, dass Mama einspringt. Warum sollte ich das dann tun??

2. Ich lasse kleine Handgreiflichkeiten zu
Als Kind war ich positiv ausgedrückt extrem durchsetzungsstark. Eine Freundin aus Sandkastenzeiten behauptet scherzhaft, sie habe bis heute Narben von mir. Heute bin ich in der Lage, Konflikte zu lösen, ohne an den Haaren zu ziehen. Obwohl ich bei der Kollegin aus der Nachbarabteilung schon hin und wieder zucke…
Ganz ohne an den Haaren  zu ziehen, Kratzen, Beißen, Schubsen…geht es aber doch im Kleinkindalter nicht. Ich halte es für ok, wenn Kinder sich auch auf diese Weise ausprobieren. Wenn mein Sohn sieht, dass er ein anderes Kind zum Weinen gebracht hat, dann ist er ganz betroffen und tröstet das Kind. Er selber muss ja auch häufig Handgreiflichkeiten einstecken und hat schon gemerkt, dass das nicht so schön ist. Ich finde es wichtig, dass Kinder nicht nur von ihren Eltern hören, wie falsch körperliche Gewalt ist, sondern dass sie es auch mal erleben. 

Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen. Handgreiflichkeiten, die mehr als nur ein kurzer Ausdruck von  Unmut sind, oder die auch richtig verletzend sind, unterbinde ich selbstverständlich.  Ein Zweijähriger ist alt genug langsam zu lernen, dass man Konflikte mit Worten löst. Das muss ich als Mutter kommunikativ begleiten. Aber ganz ohne Praxis geht es eben nicht. Häufig ist es mit einem kurzen Schubser schon getan und durch mein Eingreifen verlängere ich den Konflikt nur.
3. Ich maßregele meinen Sohn nicht, weil andere das von mir erwarten
Ja, mein Sohn kann schon auch mal fies sein. Wenn er sieht, dass ein anderes Kind ein Spielzeug ergattern möchte, dann schnappt er sich das schnell und gibt es nicht mehr ab. Kinder lösen aber auch solche Konflikte gar nicht so selten ganz selbsständig. Wenn das andere weint, macht es meinem Sohn ja auf Dauer auch keinen Spaß mehr. Oder wenn sich das andere Kind ein anderes Spielzeug nimmt und nicht mehr mit dem Sohn spielen möchte. Im umgekehrten Fall kann ich als Mutter mein weinendes Kind ermutigen, dem anderen Kind seine Wünsche mitzuteilen. Ich würde aber niemals meinem Sohn etwas wieder wegnehmen, was er sich gerade ergattert hat. Das käme mir so vor, als würde ich ihn verraten. Ich muss doch sein Fels in der Brandung  sein. Ich muss ihm Dinge erklären, aber ich regele keinen Konflikt, indem ich mich auf die Seite eines anderen Kindes und dessen Mutter stelle.

4. Ich erziehe nicht die Kinder anderer Leute
Richtig wütend werde ich ja, wenn eine andere Mutter meinem Kind sagt: „Die…möchte jetzt aber auch mal schaukeln. Du musst die jetzt auch mal dran lassen!“, oder ähnliche Weisheiten. Die soll lieber ihrem Kind beibringen, sich selber zu artikulieren. Aber Finger weg von meinem Sohn! Anders ist das aber, wenn der Sohn übers Ziel hinaus schießt. Dann finde ich es ok, wenn er auch von anderen Erwachsenen hört, dass das nicht in Ordnung ist. Aber bitte mit Respekt und nicht  bei jeder Kleinigkeit. Unter Erwachsenen maßregelt man sich ja auch nicht untereinander.

5. Sandsachen sind für alle da
Ich hasse dieses Rumgeeier um Sandsachen. Eltern sehen das häufig so: Jeder hat sein Spielzeug. Wenn jemand anderes damit spielen möchte, muss er erst fragen. Nach dem Motto: Ich will ja auch nicht, dass sich andere Leute einfach mein Handy nehmen. Finde ich quatsch. Im Sandkasten wimmelt es von Spielsachen. Die Kinder bedienen sich meist kreuz und quer und neimand hat ein Problem. Man muss es ja nicht übertreiben! Wenn mein Sohn begeistert nach einer Schaufel greift brülle ich nicht: „Das gehört uns nicht, da musst Du erst fragen, ob Du das mal haben darfst.“ Im Sandkasten geht es eher zu, wie auf einer Party, auf der jeder etwas fürs Buffet mitbringt. Da sage ich auch nicht zu meinem Mann: „Den Nudelsalat hat aber Sabine gemacht, da musst Du erst fragen, ob Du das darftst!“
Es gibt natürlich andere Situationen, z.B. wenn es um besondere Spielsachen geht. Aber da gilt für mich wieder Punkt 1.

Mein Sohn verhält sich auf dem Spielplatz meist sehr selbstbewußt. Das ist manchmal blöd für andere Kinder, aber es muss eben auch nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen sein. Ich schaue mir daher alles meistens nur an und greife erst ein, wenn es zu heftig wird, oder wenn mein Sohn mir zeigt, dass er mich braucht (durch hilfesuchendes Anschauen, starkes Weinen…) 
Ich begleite Konfliktsituationen durch Erklärungen, und bringe ihm bei, dass man nicht hauen muss, sondern sagen soll „Ich möchte das nicht…“ Aber ich bin dafür, dass Kinder sich auf dem Spielplatz benehmen dürfen, wie Kinder. 
Wir können getrost öfter einfach auf der Bank sitzen bleiben. Die Kinder regeln das schon. Ich traue denen das zu!

So, jetzt habe ich den ein oder anderen schockiert, oder? Bin sehr gespannt auf Eure Meinungen und Erfahrungen.

Ach ja, ein echter Spielplatzfan wird aus mir wohl niemals werden. Deswegen wird diese Woche doch endlich der Garten gemacht und der Sohn bekommt ein Klettergerüst.

Eure Mia

6 Gedanken zu “Da misch ich mich nicht ein! Meine Spielplatzregeln

  1. Liebe Mia,

    ein Traum, ich sehe das ganz genauso wie Du!!
    Und genau, weil Du das so handhabst ist doch Dein kleiner Mann so ein selbstbewußter Junge. Weil er selbst SEINEN Weg finden durfte, wie er die Konflikte für sich am besten lösen kann und es einfach intuitiv so machen darf/ so macht.
    Ich greife auch nicht ein, selbst wenn andere ihm gegenüber grob werden, er kann noch viel grober sein und ich finde, dass er sich selber wehren lernen muss. Ich werde ja auch später nicht immer bei ihm sein und seine Konflikte für ihn lösen können.
    Ich finde das immer total beklemmend, wenn andere Mütter ihre Kinder dann maßregeln, wenn ich das Gefühl habe, dass die Kinder das untereinander genauso gut hätten regeln können, eben auf ihre Weise, aber genau das ist ja das Entscheidende. Ich bin eher zurückhaltend, mein Sohn ist ganz anders vom Wesen her, wie soll ich ihm denn da meine Art und Weise aufdrücken, die ja gar nicht zu seinem Wesen passt?
    Ich mag es daher auch nicht so gerne auf Spielplätzen, bzw. ich warte immer mal ab, wie andere Mütter reagieren. Kürzlich im Wartezimmer beim Arzt haben mein Sohn und ein anderes Kind sich auch gezankt und die andere Mutter hat die Kinder das unter sich ausmachen lassen. Zum Schluss haben sie einträchtig dagesessen und gespielt. Ich denke das ist auch immer eine Art „Kräftemessen“ sie machen eben aus, wer auf welcher Position ist und dann verhalten sie sich entsprechend. Wenn Eltern da immer eingreifen lernt das Kind ja nie andere Menschen einschätzen und einordnen zu können. Klar bei den Kleinen ist das auf andere Art, als bei uns Erwachsenen, brutaler und lauter, aber das ist doch der Anfang.

  2. Juchhuuu… ich bin nicht alleine mit meiner Meinung!!!
    Danke für diesen Text und Deine Offenheit 🙂
    Ich fühle mich auch so gar nicht wohl auf dem Spielplatz und glaube, das geht vielen Eltern ähnlich.
    Ich habe meine Haltung in Deinem Text zu 100% wiedergefunden. Es fällt mir allerdings schwer, das alles so optimal in der Situation umzusetzen. Ich bin vorallem immer sehr angespannt, weil es meinem Sohn (knapp 3 Jahre) noch immer extrem schwer fällt, ein „Nein“ zu akzeptieren… von mir, von anderen Erwachsenen, aber auch das „Nein“ anderer Kinder. Dann wird er schnell mal grob und übermütig, weil er es sprachlich noch nicht richtig klären kann. Also… mische ich mich ein, weil ich Sorge habe, er könnte übers Ziel hinaus schießen… und weil ich eben diesen Druck verspüre… weil ich denke, es wird von mir erwartet.
    Nun gut… auch ich werde kein Spielplatzfan mehr in diesem Leben! 🙂
    Herzliche Grüße von Tanja

  3. Liebe Mia,
    sehr interessant Deine Meinung zu lesen. Danke.
    Ich bin selbst Vater eines zweijährigen, bin täglich auf Spielplätzen unterwegs und beobachte dort vielfältigste Einstellungen verschiedener Eltern nicht ohne sie durch meine professionelle Brille als Sozialpädagoge zu sehen. Sehr erfrischend ist Dein Vergleich mit dem Buffet. Ich habe sehr geschmunzelt und bin da voll bei Dir.
    Allerdings muss ich Dir in Deinen entscheidenden Ansichten vehement widersprechen.
    Ein- bis Dreijährige haben noch gar nicht die Handlungskompetenz, um Konflikte konstruktiv lösen zu können. Sie brauchen die Eltern als Vorbild. Mia! Dein Sohn braucht Dich für Lösungsvorschläge und um Möglichkeiten der Konfliktlösung gezeigt zu bekommen. Solche Möglichkeiten eines „guten“ Miteinanders entwickeln Kinder nicht von allein. Lassen alle Eltern ihre Kinder auf dem Spielplatz ohne anfängliche Anleitung allein, entsteht unweigerlich ein System in dem sich das Recht des stärkeren durchsetzt. An dieser Stelle enttäusche ich Dich vielleicht Mia, aber Dein Sohn wird nicht der stärkste Mann der Welt. Und selbst wenn, wird er sich irgendwann verbündeten Gruppen gegenüber sehen. Du schreibst ja, dass Du dann letzten Endes auch kommst, wenn er zu bitterlich weint. Dein Sohn lernt also eben grade nicht Konflikte adäquat zu lösen. Vielmehr lernt er „ich bin stärker und wenn nicht dann kommt meine Mama und regelt das schon für mich“. Er lernt nicht diese Konflikte auf eine Art zu lösen, die er braucht, um das ABC der heutigen kulturellen und gesellschaftlichen Normen zu verinnerlichen. Ich sehe diese Kinder täglich auf Spielplätzen. Es sind die, die sich selbst ausprobieren, wie weit kann ich gehen, wie lange eine Schaukel besetzen, bis mich jemand da runter holt? Ein Kind, das das tut ist nicht etwa ein „Arschlochkind“ und ätzend, es verhält sich sehr gesund und natürlich, es probiert sich und seine Stärken aus, es entwickelt sich in seinem sozialen Umfeld entsprechend seiner Kompetenzen. Gängige Werte, wie das Ablösen an Spielgeräten lernt es aber nicht alleine. Genauso häufig sehe ich dann andere Eltern mit dem eigenen Kind vor der Schaukel warten, sich unsicher nach einem Erziehungsberechtigten umblickend, sich nicht trauend das fremde Kind anzusprechen. Eine entsprechende Mutter, ein Vorbild hält sich im Verborgenen. Liebe Eltern dieser Kinder… „Traut Euch!“ Sprecht das Kind an und bittet es freundlich auch mal andere schaukeln zu lassen. Auch wenn ihr damit in kauf nehmt, dass dies zum großen Auftritt des zuvor unsichtbaren Erziehungsberechtigten führt, der mit großem Tamtam lautstark sein Kind verteidigt und meint die Kids regeln das schon selber. Bitte erzieht den Kleinen von Mia mit, wenn sie ihm selber keine Werte vermitteln möchte. „Mia, Du bist doch sein Fels.“ Sei bitte für ihn da, zeige Deinem Schatz, wie man Konflikte richtig löst, sei Vorbild, lass das nicht andere machen, die Mama kann das am allerbesten. Dazu musst Du Dich sicher nicht auf die Seite von anderen schlagen. Tust Du das nicht, wirst Du über kurz oder lang eine dieser Mütter werden, die zur Beratung bei mir oder einem meiner Kollegen zur Beratung sitzt oder beim Schuldirektor geladen wird, weil Dein Kleiner mal wieder einen Konflikt entsprechend seiner sozialen Bildung gelöst hat. Nichts für ungut.
    Lieben Gruß Johannes

    1. Vielen Dank für Deine ausführlichen Worte. Ich glaube, wir sind da gar nicht so weit auseinander. Der Post ist ja schon etwas älter und inzwischen musste ich auch in Konfliktsituationen einige Male dazwischengehen. Das halte ich auch für sehr wichtig, aus den Gründen, die Du benannt hast. Ein Kleinkind lernt daraus aber nicht. Ein Kleinkind darf sich selber und seine Grenzen austesten und auch spüren, wie andere Kinder darauf reagieren, jedenfalls bis zu einem gewissen Punkt und dieser Punkt liegt ganz woanders, als es der bei einem Vierjährigen tut. Herzliche Grüße. Mia

  4. Ja, zum Teil kann ich dem Artikel zustimmen, aber eben nur zum Teil. Wenn Kinder, die sich etwas laenger kennen, treffen und es zu solchen Situationen kommt, dann verhalte ich mich so. Dann lasse ich die Kids schonmal den Konflikt selber austragen und halte mich eher im Hintergrund. Wenn wir aber in fremdem Terrain unterwegs sind, habe ich schon mehr ein Auge drauf und greife auch eher ein. Aber mehr weil ich nicht weiss, wie sich das andere Kind verhaelt und ich auch nicht weiss wie die Mutter bzw. Vater das sieht.
    Wir hatten eine Situation, auf einen „fremden“ Spielplatz, das eine Mutter unseren Sohn wirklich rund gemacht hat, weil er auf einem Spielgeraet war, das ihrer Meinung fuer ihn nicht mehr geeignet war.
    Also ja, deine Regeln greifen fuer mich schon, aber eben nicht immer. Denn wie es auch bei uns Erwachsenen ist, unter Menschen die man kennt, verhaelt es sich immer noch ganz anders als unter Leuten die wir noch nie gesehen haben.

  5. Super geschrieben.
    Unsere Tochter (2 Jahre) ist nicht so der Rebell sondern die, die erst mal da sitzt und zuschaut. Ja, sie kann dann schon mal mit ihrem Spielzeug so 30 Minuten da stehen und einfach beobachten. Viele Eltern sagen mir dann „Ihr Kind muss doch spielen gehen!“. Nein, sie ist auch so zufrieden. Und wenn sie alles mal eingeschätzt hat, geht es los… meistens zum Sandkasten. Einmischen musste wir uns da noch nie. Wenn ein anderes Kind ihr z.b. die Schauffel wegnimmt, entscheidet sie selber ob sie nun reklamiert, die Schauffel wieder wegnimmt oder einfach was anderes nimmt. Wir versuchen noch immer herauszufinden, welche Beweggrund jeweils hinter der Entscheidung ist. Bis jetzt haben wir noch kein Muster erkannt… 🙂 Egal wie alt, Art des Spielgzeugs etc. Manchmal ist es so, machmal so. Aber unsere kleine kann / hat sich bis jetzt noch immer so „gewehrt“, dass es IHR wohl ist. Und darum geht es ja. Viele Eltern wollen ihren eigenen Gerechtigkeitssinn auf das Kind übertragen.

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