Jede Mutter zählt

Sie war Künstlerin.
Das gehörte sich damals nicht. Jedenfalls nicht für eine Frau. Aber sie war eben Künstlerin. „Es ist wie eine Krankheit. Mir wäre es manchmal lieber, ich hätte diese Krankheit nicht“, hat sie mal gesagt.
Geboren 1917 in Köln studierte sie zunächst in Köln und später in Hamburg Malerei.

Dann kam der Krieg.

Im Juli 1943 erfasste eine Hitzewelle Hamburg- und die Bomberflotten der Royal Air Force. Menschen verbrannten auf offener Straße oder in den Luftschutzkellern.

Ihr Mann war an der Front und sie saß in jenen Juli-Nächten im Keller ihrer Hamburger Wohnung und zitterte um ihr Leben. Und um das ihres ein Jahr alten Sohnes.

Ihr Kriegstagebuch ist teilweise in dem Buch „War Wives“ (leider nur auf Englisch) veröffentlicht:

Juli 1943
„Die ganze Welt bebte wie bei einem Erdbeben. Ich spürte, wie sich unser Haus auf und ab bewegte. Jede Bombe machte ein pfeifendes, sirrendes Geräusch, während sie fiel. Dann gab es einen großen Knall, gefolgt von einer enormen Erschütterung. Wie oft dachte ich: Diese Bombe ist für uns! Die Vermieterin wollte, dass wir die Kerze löschen, weil sie Angst hatte, das Licht könne nach außen dringen. Das kleine Lichtchen. Wenn sie wüßte. Einige der Männer, die nach draußen gegangen waren um zu sehen, wie schlimm es war, erzählten uns, das ganz Hamburg brannte. Ich hielt den kleinen Wolfgang ganz fest an mich und betete, dass wir lebend aus diesem Höllenloch hinauskommen würden. Und wenn es bedeuten würde, für den Rest meiner Tage ein armer elender Bettler zu sein.

Weihnachten 1943
Wolfgang hat Durchfall und ich muss Wasser von Kilometer weit her holen. Ich habe keine Möglichkeit zu kochen oder zu waschen, also kann ich die Windeln nicht sauber halten. Ich habe sie in einen Fluß gehalten, um wenigstens den Gestank loszuwerden. Nun zerschneide ich meine wenige Kleidung für neue Windeln.
Wir hatten so gut wie kein Brot in den letzten Tagen und Wolfgang bettellt und bettelt nach mehr. Werden wir jemals den Tag erleben, an dem ich ihm wieder ein Stück Schokolade in seinen kleinen Mund schieben kann? Ich fragte ihn, was das Christkind ihm zu Weihnachten bringen soll und er antwortete: „Brot“.

Januar 1945 (inzwischen mit zwei Söhnen und erneut schwanger)
Die Kinder waren fast den ganzen Monat im Bett, nur um warm zu bleiben. Es ist so kalt, dass die Milch auf dem Küchentisch gefriert. Jemand hat uns erzählt, dass es für kleine Kinder eine Sonderausgabe Suppe gibt. Ich zog die Kinder warm an- so warm wie ich konnte mit den paar Kleidungsstücken, die wir haben und wir gingen aus der kalten Wohnung auf die noch kältere Straße. Die Kinder vergassen die eisige Kälte sofort, so aufgeregt waren sie bei dem Gedanken an eine warme Suppe. Wir gingen kilometerweit und als wir ankamen waren wir bis auf die Knochen durchgefroren. Aber es gab keine Suppe mehr. Was sollte ich den Kindern sagen, um sie aufzumuntern? Sie waren so enttäuscht. Zu Hause hatte ich nichts mehr im Schrank. Ich werde etwas aus Nichts machen müssen, sagte ich zu mir selber, halb entschlossen, halb verzweifelt.
Zu Hause atmete ich auf ihre kleinen Hände und Füsse und rieb sie zwischen meinen Händen. Dann erzählte ich ihnen die schönsten Dinge, die mir einfielen. Besonders davon, wie schön wir es haben würden, wenn all das hier vorbei ist.“

Ich kann ihre Zeilen nicht lesen, ohne, dass mir die Tränen kommen. Habe ich wirklich gerade im Babygeschäft vor 20 verschiedenen Wickelauflagen gestanden? Bald werde ich wieder vor einem riesigen Regal mit Kindernahrung stehen und mein einziges Problem wird sein, ob ich den Wagen lieber mit Alete oder mit Hipp und lieber mit Pastinaken oder lieber mit Karotten befülle.

Viel Zeit für ihre Kunst hatte sie nie. Sie zog insgesamt fünf Kinder groß. Selbstverwirklichung war noch kein Thema für Ihre Generation. Kurz vor ihrem Tod antwortete sie auf die Frage, was sie im Leben gern anders gemacht hätte in der ihr eigenen witzig-bissigen Art: „Ich hätte gerne mehr gemalt. Aber was hab ich gemacht? Pellkartoffeln!“

Heute hängen ihre Bilder in einer Galerie in Köln und in vielen Wohnzimmern in Deutschland. Sie starb 2005. Als man sie auf dem Sterbebett fragte, ob sie denn herausfinden konnte, was der Sinn des Leben sei, da grinste sie und sagte: „Ja, hab ich. Aber das kann ich Euch natürlich nicht verraten!“

Vielleicht hast Du selber nie das Gefühl gehabt, dass Du zählst. Aber Du zählst. Bis heute.
Du hast fünf Kinder groß gezogen und sie zu wunderbaren Menschen erzogen. Du hast so viele Opfer für sie gebracht und Du hast dieses Land wieder aufgebaut und meiner Generation den Weg für das Leben gebahnt, das wir heute Leben dürfen. Du hast uns Deine Weisheiten, Deinen Humor und Deine Werte mit auf den Weg gegeben.

Vielleicht bist Du jetzt an einem Ort, an dem Du endlich tun kannst, was für Dich zählt.

Danke Oma!

Deine Mia


„Bei Weltanschauung in der ersten Reihe“, 1994

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade zum Thema „Jede Mutter zählt“, initiiert von Sophie Lüttich in ihrem Blog Berlinfreckles.
Inspiriert Euch das Thema auch? So könnt Ihr noch bis Ende des Monats teilnehmen:http://www.berlinfreckles.de/blogparade/jede-mutter-zaehlt/

8 Kommentare

  1. Was für ein bewegender Beitrag, vielen Dank für diese tränenweckenden, atemstockenden Zeilen. Ich bin ganz überwältigt!Viele Grüße,Wiebke

  2. oh gott, jetzt sitze ich hier bei der arbeit und heule drauf los. mein chef hat mich gerade komisch angeguckt. mir fehlen auch die worte, denn ich beiße gerade in mein leberwurstbrot, dass wie selbstverständlich zu mittag in meiner tupperdose liegt….

  3. Dankeschön! Dein Beitrag hat mir auch gefallen. Muss ich dir gleich noch auf deinem Blog kOmmentieren. LG Mia

  4. Liebe Mia!Deine Zeilen haben mich wirklich bewegt, bzw die Zitate die du gepostet hast.Man sollte sich bei Gelegenheit vor Augen halten in welchem Überfluss wir leben und wie irrsinnig unser Jammern und Klagen doch ist!Ein schöner Blog! Ich werde gern wieder kommen und mich durch deine Beiträge schmökern! Herzliche Grüsse

  5. Endlich finde ich ein bisschen Ruhe Deinen Beitrag zu lesen und bin total ergriffen, hab Tränen in den Augen und bin voller Sympathie für Deine Großmutter. Eine tolle Frau war das, definitiv! Ganz liebe GrüßeKatharina

  6. Daniela

    Wow! Ich muss auch weinen! Schade, dass wir uns immer wieder nur durch solche Geschichten bewusst werden, wie gut es uns geht! Unsere Omas…

    • Ich kann mich nur anschließen: ich heule Rotz und Wasser! Wirklich sehr bewegend, aufrüttelnd und gut geschrieben! Vielen Dank!
      Maj
      Ps. Guter Blog insgesamt!

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